Wünsche, Prozesse und Erlösung

Das Berliner Büro „Raumlabor“ in der „Realstadt“. Mit einem Interview. Von Christian J. Grothaus, Architekt und freier Autor, Berlin

Mit dem Begriff „Stadtraumaneignung“ scheint sich derzeit ein großer Horizont abzuzeichnen, auf den verschiedene, gesellschaftliche Aktivitäten zulaufen. Nehmen wir nur die Proteste um das Berliner Großprojekt „Media Spree“ oder noch aktueller die Debatte um den neuen Hauptbahnhof „Stutt­gart 21“. In beiden Beispielen wird deutlich, dass Bewohner mitreden wollen bei der Gestaltung ihrer Lebensräume.

Möglicherweise schafft es die aktuelle Ber­liner Ausstellung „Realstadt“, den bislang eher reagierenden Charakter der Proteste gegen das Unvermeidliche in einen vorwärtsgewandten Diskurs umzuwandeln. Wir bräuchten dazu eine gemeinsame Sprache, dass sich Regierende, Stadtplaner und -bewohner, Architekten und Künstler überhaupt verständigen können. Wie wir diese Sprache finden könnten, darum ist es dem Kuratorenteam bei seinem „Schauvergnügen des Stadtkurses“ gegangen, denn die insgesamt 250 Architektur- und Stadtmodelle, die in Berlin ausgestellt werden, geraten zu einer Art Kommunikationsmittel.

„Städte sind aus Wünschen gebaut und von Wünschen durchlebt“ heißt es im Leittext der „Realstadt“, die noch bis zum 28. November zu sehen ist. Den Wunsch könnte man auch in unmittelbarer Nähe zur Utopie oder Vision sehen. Interessant ist, dass es hierzu vor kurzem ebenfalls eine Ausstellung gab. „Das ungebaute Berlin“ zeigte nämlich nicht realisierte Projekte zwischen 1907 und 1997 und geriet so ebenfalls zu einer Schau visionärer Kraft (Katalogrezension unter www.DBZ.de).

„Realstadt“ geht freilich einen Schritt weiter, denn hier gibt es nicht nur Utopien und Visionen von Architekten und Stadtplanern zu sehen, sondern auch von Studenten, Bürgerinitiativen oder Einzelpersonen. Hier werden im Interesse der Stadt die Wünsche verhandelt; damit kommt die Ausstellung recht nah an den schon genannten Horizont der „vorwärtsgewandten Stadtraumaneignung“.

Nicht nur auf dem Weg, sondern mitten drin in diesem Prozess ist das Berliner „raum­labor“, das eines seiner Projekte in der „Realstadt“ ausstellt. Mit der „Eichbaumoper“ sind die Architekten, Künstler und Stadtplaner des Kreativennetzwerks ganz ihrer Vorliebe für schwierige Umfelder gefolgt und übernahmen seinerzeit die künstlerische Leitung dafür, „einen Ort, der sich allen pragmatischen Zugriffen widersetzt, durch eine Vision zu erlösen“.

„Eichbaum muss Oper werden“ war der Leitgedanke bei der temporären Transformation einer U-Bahnstation im Ruhrgebiet. Ganz sicher nicht übertrieben ist es, von einem typischen „Un-Ort“ der 70er Jahre aus Beton und Verkehrslärm zu sprechen, für den ein Wandlungsprozess durch die Verbindung von Architektur, Theater, Musik und Stadt erreicht werden sollte.

Interessant ist es, die ideengeschichtliche Spur von „raumlabor“ zu verfolgen, denn immerhin geht es um „Erlösung des Daseins durch Musik – also durch Kunst“. Wenn der frühe Friedrich Nietzsche von der „Artisten-Metaphysik“ schwärmt, die die Welt als Kunst schafft und die das Dasein erscheinen lässt als „die ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidendsten, Gegensätzlichsten, Widerspruchreichsten“, dann fühlt man sich erinnert an das schöpferische und zugleich pragmatische Bestreben von „raumlabor“, die reale Alltags- mit einer „überschreitenden“ Kunstwelt zu verschmelzen.

Bei der „Eichbaumoper“ kam es aber auch darauf an, einen prozessualen Raum zu entfalten. Die schnöde U-Bahnstation diente hier offenbar nur als eine Art Katalysator, bei dem eingeschliffene Wahrnehmungsströme der Anwohner aufgelöst beziehungsweise wieder in Bewegung gebracht werden sollten. Mit einem wahren Feuerwerk an Veranstaltungen eignete man sich tatsächlich die Stadt (wieder) an und geriet in den Sog der „Artisten-Metaphysik“.  Wollte Nietzsche allerdings einem Wirken jenseits von Gut und Böse die Lanze brechen und für ein bestimmungsloses, künst­­lerisches Handeln streiten, so ist der Befreiungsschlag heutzutage nicht gegen die Moral per se zu führen, sondern gegen eine obrigkeitsgewöhnte Stadtbaupolitik.

Gerade das Beispiel der lebens- und menschenfeindlichen U-Bahn-Station im Ruhrgebiet zeigt, wie sehr sich das vermeintlich Angemessene, Moderne und Richtige gegen die wenden kann, für die es eigentlich das Heil bringen sollte. Dem Horizont der „Stadtraumaneignung“ bleibt zu wünschen, dass er neue Planer hervorbringt, die die Menschen sprech- und handlungsfähig machen, damit sie das Schicksal ihrer Städte wieder selbst in die Hand nehmen.



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