Viel radikaler mit der Ressource arbeiten

Ein Gespräch mit Eike Roswag, Ziegert | Roswag | Seiler Architekten Ingenieure, Berlin

Kennen Sie den KAIROS-Preis? Der mit 75 000 € dotierte Kulturpreis wird seit 2007 an Kulturschaffende durch die Hamburger Töpferstiftung verliehen, in diesem Jahr erstmalig an einen Architekten. Ein Versehen? Tatsächlich nicht, aber Grund genug, sich mit dem Ausgezeichneten, Eike Roswag, in Berlin zu treffen. Und ihn zu Grund und Hintergrund der Auszeichnung zu befragen. Warum der Interviewer auf dem großen Fahrradparkplatz keine Lücke mehr fand, dazu gab es auch eine Auskunft.

Lieber Eike Roswag, zunächst einmal herzliche Glückwünsche zur Auszeichnung! Von deren Vorhandensein aber wohl die wenigsten Architeken wissen?

Eike Roswag: Der KAIROS-Preis ist ja ein die Disziplinen übergreifener Kulturpreis. Dass er an Architekten verliehen wurde, geschah zum ersten Mal. Vor der Benachrichtung durch die Stiftung war mir der Preis nicht bekannt.

Heute möchte jeder nachhaltig sein. Was hat die Jury als das wirklich Nachhaltige in Ihrer Arbeit gewürdigt?

Ich glaube die Jury hat vor allem unsere Haltung ausgezeichnet, wie wir an Dinge herangehen, wie wir sie bearbeiten. Stichworte sind hier Bescheidenheit, die Jury nannte es Zurückgenommenheit. Und wesentlich die fundierte Auseinandersetzung mit Lowtec, auch in Deutschland. Die Konsequenz in der Umsetzung hat die Jury offenbar überzeugt. Gerade auch mit Blick auf die gegenwärtigen Trends zu immer mehr technischen Lösungen. Hier sind wir wohl eine Art Antipol in einem größeren Diskurs.

Der Kairos-Preis steht vielleicht gar für Avant­garde. Ist Ihr Lowtec-Ansatz der alternative Mainstream?

Das mag sein. Es gibt viele Büros und Firmen, die mit Holz arbeiten, aber so radikal, wie wir das tun, ist hier keiner. Wir unterwerfen uns strickt gewissen Materialien und wollen die auch exzessiv durchsetzen.

Radikalität und Bescheidenheit: Wollen Sie uns das pralle Leben ausreden?

Nein. Und ja, uns, also das ganze Team treibt die Frage um, was kommt nach der fetten Konsumgesellschaft? Das Weniger ist uns eher eine Freude und hat eine ganz eigene Qualität. Es geht nicht ums Verzichten müssen.

Können Sie das an einem Projekt konkretisieren?

Im Wohnungsbau konzipieren wir komplett im Niedrig-energiebereich. Wir setzen hier auf Holz, Cellulose, Lehm, Dreifachverglasung, alles Standards, die Sie auch bei den Passivhäusern, den Null- oder auch Plusenergiehäusern finden. Wir setzen aber auf das verantwortliche Handeln der Mieter, die eine Zwangslüftung beispielsweise durch zweimal Stoßlüften am Tag überflüssig machen und so auf natürliche Weise eine hohe Raumluftqualität und Lufthygiene sichern.

Wenn der Nutzer da mitmacht, und das, so die gängige Meinung, tut er eben nicht.

Der Nutzer muss ja immer mitmachen. Wenn ich ein mechanisch belüftetes Haus habe, könnte ich ja – so ist der Standpunkt mancher Wohnungsbaugesellschaften und das ist auch schon realisiert worden – auf öffenbare Fenster verzichten.

Gibt es das?

Das gibt es.

Im Strafvollzug!

Nein, in einem Wettbewerb zu Energieeffizienz gab es einen Preisträger, der mit nicht öffenbaren Fenstern teilgenommen hat. Für uns undenkbar! Und wenn es Lüftungssysteme und öffenbare Fenster gibt, wird das Ganze meist energetisch eben nicht positiv, kann sogar in die Negativbilanz rutschen, die Bypass-Wirkung verdirbt hier das Ergebnis. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir verteufeln die Technik nicht per se, wir wollen aber immer auch Alternativen anbieten und den Fokus verschieben helfen.

Worauf?

Zum Beispiel darauf, dass wir in 20 oder 30 Jahren das Problem der Energieversorung vielleicht regenerativ gelöst haben, aber es gibt doch viele andere Stoffströme, die dazugehören. Wir müssen einfach abspecken, wenn wir alle auf diesem endlich großen Planeten überleben wollen. Wenn mittlerweile Fahrradhelme in Besprechungen mit Bundesbehörden auftauchen und zum Ettiket gehören und nicht mehr der Autoschlüssel auf dem Tisch, dann beginnt sich wohl eine Gesellschaft zu verändern.

Propagieren Sie „Pullover an, Heizung runter“?

Ja, es gibt für uns ganz viele Dinge wieder neu zu entdecken, um uns wieder auf unser Klima zu adaptieren. Das kann der Pullover sein, aber auch die kluge Zonierung von Grundrissen.

Der Preis geht an Sie, gemeint ist das Team. Wie arbeiten Sie hier?

Das ist wohl wesentlich, die Struktur des Büros. Sie ist das Rückgrat für das, was wir leisten können. Hier arbeiten Architekten und Ingenieure von der ersten Stunde an zusammen. Zwei Bauingenieure, ein Architekt, so haben wir uns 2007 gegründet. Formal haben wir zwar zwei Firmen, aber wir sind stark verschmolzen. Was nicht heißt, dass es keine Unterschiede gäbe, Architekten sind ganz anders risikobereit als Ingenieure! Wir begreifen uns als offene Plattform. Alles Wissen, das wir selbst entwickeln, wird nach draußen getragen.

Material ist für Sie wichtig: Gibt es gute und schlechte Materialien?

Es gibt für uns kein Material, das wir von vornherein ausschließen. Angemessenheit ist wichtig, aber auch das ausprobieren, was an den Rändern liegt. Beton ist der Baustoff, der aktuell im Hochbau den Fußabdruck im Ressourcenverbrauch erzeugt. Stahl, Zement, auch Sand … sämtliche Hochhäuser in Dubai werden mit australischen Sand gebaut! Bei uns in Europa wird Sand schon knapp. Auch beim Holz sind wir längst am Limit, hier brauchen wir Ersatzstoffe, hybride Strukturen mit weniger Zement- oder Betonanteilen.

In einem Wettbewerb für das Umweltbundesamt machen wir den Vorschlag, zement- und stahlfrei zu bauen. Das ist schon eine Kampfansage, die aber wenigstens als Denkmodell den Diskurs bereichern sollte. Wir könnten das aber auch bauen!

Und das sähe wie aus?

Es sollten vier Geschosse Büro entstehen als Erweiterung des Umweltbundesamtes. Ein Meilenstein im Neubau sollte der Bau werden. Matthias Sauerbruch hat ja schon viel auf der technischen Seite geleistet, wir brauchen jetzt aber endlich mal einen Entwurf, der viel radikaler mit der Ressource arbeitet. Wir würden in unserem Entwurf das Betonskelett komplett ersetzen. Das Erdgeschoss wäre Stampflehm, die folgenden drei wären komplett aus Holz. Zentrales Thema ist aber die Gründung. Hier stecken rund 30 Prozent der verbrauchten Ressourcen drin.

Was gewinnt das Büro in der Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren in Asien oder Afrika?

Positives Denken! Wieder auf den Menschen vertrauen und nicht bloß auf Paragraphen schauen. Gemeinsames Handeln … Das ist mit selbstnutzenden Bauherren auch in Deutschland sehr gut machbar. Und wir können es partout nicht leiden, wenn Leute keine Lust darauf haben, was sie tun. Wichtig ist es doch, dass wir Spaß am Projekt haben und Lust darauf, gemeinsam etwas zu erreichen. Leute, die unambitioniert sind, bringen mich zur Weißglut!

Stichwort Ambition: Wo geht es in der nächsten Zukunft hin?

Konkret möchten wir noch stärker in die Gesellschaft hineinwirken. Wir würden gerne in Berlin eine hybride Nutzung mit Wohnen, Arbeiten etc. realisieren, für einen kleinen Block, in Gänze mit Naturbaustoffen. Die Vision: ein richtig gesundes Haus im großen Maßstab.

Letzte Frage: Nutzen Sie die Radfahrerdusche hier im Büro, oder brauchen Sie die gar nicht, weil Sie mit dem Auto kommen?

Ich habe gar kein Auto, wohne auch ganz nah von hier. Aber meine Partner radeln, gerade der Uwe Seiler. Ich glaube rund 85 Prozent der Mitarbeiter kommen mit dem Rad ins Büro.

Mit Eike Roswag unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 4. Februar 2015 bei Ziegert | Roswag | Seiler Architekten Ingenieure, Berlin

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