Steckt viel Herzblut drin Im Gespräch mit Tobias Bünemann von RKW Architektur +, Essen

In Essen wurden aktuell die letzten beiden Riegel einer
Obdachlosenunterkunft den Nutzern übergeben. Die drei klar strukturierten, parallel zueinander geordneten Gebäude, geprägt von Sichtbeton und himmelblau glasiertem Klinker, sind das Ergebnis eines VOF-Verfahrens, das die Stadt Essen ausgelobt hatte. Gesucht waren Neubauten für Notunterkünfte für 119 Obdachlose, Büroarbeitsplätze für 2 Sozialarbeiter sowie 2 Unterkunftsverwalter. RKW Architektur + überzeugte im Rahmen der öffentlichen Ausschreibung mit ihrem Konzept einer modularen Typologie. Trotz oder gerade wegen des engen Budgetrahmens konnten die Architekten eine Anlage mit deutlicher architektonischer Qualität abliefern. Wie sie das gemacht und was sie möglicherweise daraus gelernt haben, darüber sprachen wir vor Ort mit dem Assoziierten Partner von RKW Architektur +, Tobias Bünemann.

Sind Sie mit allem zufrieden? Oder gäbe es noch etwas, das nachzubessern, zu ergänzen wäre?

Tobias Bünemann: Grundsätzlich sind wir mit allem sehr zufrieden. Der gesamte Planungsprozess hat sich zwischen allen Beteiligten so geschmeidig und kooperativ entwickelt, dass wir mit all unseren Themen durchwegs positiv überzeugen und diese zielgenau platzieren konnten.

Natürlich mussten wir auf Grund des engen Budgets auch Kompromisse machen. Wir haben das aber als durchaus spannende Herausforderung aufgefasst. Und wenn wir nun mit Kunststofffenstern leben müssen, dann wissen wir heute auch, dass das die richtige Entscheidung war um auf diesem Weg andere Qualitäten durchsetzen zu können.

„Erster Neubau einer Obdachlosenunterkunft in Deutsch­land“ … Möchte RKW – durchaus plakativ – so seine gesamtgesellschaftliche Verantwortung signalisieren?

Ja, sicher. Grundsätzlich war die Übernahme dieses Projekts eine außergewöhnliche Aufgabe, denn tatsächlich sind wir hier zum ersten Mal ein solches Thema angegangen. Bauten für Flüchtlinge, das ja, aber die sind in der Regel als temporäre Bauten konzipiert. Hier sollten wir erstmalig etwas sehr Effizientes und auch etwas Pädagogisches entwickeln, planen und realisieren. Zusammen mit Sozialarbeitern! Insofern war das für uns nicht eine irgendwie stilistische Aufgabe, hier ging es tatsächlich um den Prozess, um die Art und Weise, wie wir mit allen Beteiligten umgehen. Das können Sie dann gerne gesellschaftliche Verantwortung nennen.

War diese Art der Planung neu für Sie? Kooperative Verfahren im Wohnungsbau gibt es schon ziemlich lange.

Richtig, Sie kommen hier auf einen wesentlichen Punkt: Während in den von Ihnen genannten Verfahren oft feste Regeln und Restriktionen existieren, waren wir hier in Essen viel mehr gefordert, eigene Konzepte zu entwickeln, mit denen wir dann auch überzeugen mussten. Wir konnten in diesem Prozess immer wieder Dinge hinterfragen, die landläufig gesetzt erscheinen. Und aus diesem Diskurs haben wir auch – für uns ganz sicher – Neues entwickelt. Dieser sehr kreative Prozess hat bei uns besondere Energien freigesetzt ... Wir hatten hier ein gutes Gefühl von Erfolg.

Was macht den Erfolg aus? Ist davon etwas hier vor Ort zu sehen?

Ja, überall: Farben, Details, Innen- und Außenräume, Materialien … Aber auch das Konzeptionelle, in dem es nicht nur darum ging, flächenwirtschaftliche Lösungen in einem engen Budgetrahmen zu finden. Der Kern des Entwurfs ist, dass wir hier keine introvertierte Sonderarchitektur geplant haben. Wir wollten die Notunterkunft nicht als Fremdkörper im Bestand sehen, ganz im Gegenteil; wir öffnen die Architektur über die Nahtstellen in die Nachbarschaft. Die Bewohner dieser Häuser finden den Bezug nach außen, Architektur unterstützt so im gewissen Sinne die Reintegration. All das waren wichtige Aspekte, weshalb wir hier diese extrovertierten Häuser geplant haben.

... die im Überblick ziemlich hochwertig erscheinen. Gab es eine Diskussion über Komfortgrenzen beispielsweise?

Ja, die gab es tatsächlich. Aber hier einigermaßen hochwertig zu bauen, ist der Würde der Bewohner geschuldet. Und auf gar keinen Fall kann man sich hier Abstriche an gestalterische Ansprüche erlauben! Wir haben uns zum Beispiel am Ende für eine Fußbodenheizung und nicht für Heizkörper entschieden, da wir dadurch nicht nur flächeneffizient, sondern auch flexibel in der Möblierungsmöglichkeit waren; dies ist bei den kleinen Räumen entscheidend. Darüber hinaus konnten wir das kostenneutral umsetzen. Räumliche Qualität wäre hier ein wichtiges Stichwort; die bodentiefe Verglasungen trägt ihren Teil dazu bei, so holen wir nicht nur viel Tageslicht in die Räume, sondern öffnen den Raum nach außen.

Gibt es etwas aus diesem Projekt, dass Sie für andere, folgende Arbeiten mitnehmen können?

Bezogen auf die klassische Flächenbetrachtung haben wir mit sehr vielen Energien gearbeitet. Es gibt keine reinen Verkehrsflächen in Form innenliegender Flure und Treppenhäuser – wir haben, wie schon gesagt, alles nach außen gekehrt und das mittels Laubengängen, die auch als Begegnungsfläche für die Bewohner konzipiert sind und damit auch einen sozialen Aspekt haben.

Fachplaner? Mit wem haben Sie intensiv zusammengearbeitet?

Besonders eng haben wir mit den Fachplanern der Haustechnik zusammengearbeitet. Hier mussten wir schauen – gerade mit Blick auf die sehr modulare Struktur, in der beispielsweise die Nasszellen im Inneren Rücken an Rücken liegen –, dass wir eine sehr effiziente und damit wirtschaftliche Medienführung für die Haustechnik finden. Was wieder der Flächenwirtschaftlichkeit und damit auch der monetären Wirtschaftlichkeit dient.

Aber auch die Tragwerksplaner wären an dieser Stelle zu nennen; die Vorfertigung von Betonfertigteilen ermöglichte einerseits eine wirtschaftliche und zügige Realisierung, bot aber gleichzeitig die Sicherheit auf einen qualitativ hochwertigen Sichtbeton.

Was passiert, wenn wir paradiesische Zustände, also keine Obdachlosen mehr haben? Ist die Anlage für andere Zwecke zu nutzen?

Nein, daran wurde nicht gearbeitet und – leider – mit gutem Grund, denn wir wissen alle, dass es Menschen, die in Not kommen, immer geben wird. Das war für uns im Gegenteil auch Anlass, hier solide, robust und im Sinne einer Nachhaltigkeit für die kommenden Jahrzehnte zu planen und zu bauen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Anlage auf unterschiedlichste Anforderungen reagieren kann. Hier können Alleinstehende, Paare aber auch Familien eine Unterkunft finden, es gibt Wohnungen für Rollstuhlfahrer etc.

Gab es in der Konzeptionsphase Gespräche mit Obdachlosen?

Das wäre wahrscheinlich sehr schwierig geworden. Wir hatten aber mit dem Sozialamt, das die Obdachlosen in den mittlerweile abgerissenen Altbauten betreute, einen sehr erfahrenen Partner. Wenn Sie mit den Bewohnern hier sprechen oder auch mit der Wohnnachbarschaft: Die sind zum großen Teil sehr zufrieden mit allem.

Stichwort Nachbarschaft: War die von Anfang an begeistert?

Vielleicht nicht von Beginn an, da wusste ja auch noch keiner wirklich, was am Ende hier stehen wird. Ganz sicher aber gibt es Anwohner, die sehr zufrieden sind mit dem, was heute ist und mancher aus der Bedenkenträgerschaft ist zum Fürsprecher dieses Wohnprojekts geworden. Wegen der professionellen Führung der Einrichtung aber auch wegen der architektonischen Qualität.

Der Neubau liegt zwar nominell in Essen, ist aber doch ganz schön weit draußen. Wäre eine urbane Architektur für Obdachlose auch in der City denkbar?

Sicher ist die denkbar. Allerdings weiß ich, dass auf Grund des wirtschaftlichen Drucks auf den innerstädtischen Lagen ein solches Projekt wenig wirklichkeitsnah ist. Nichtsdestotrotz halten wir ein heterogenes Umfeld wie hier in Essen-Überruhr auch für richtig.

Wie passen Themen wie Energien, Engagement und Würde zu einem Büro, das eher für effizientes, routiniertes Projektmanagement steht?

Das passt sehr gut zu uns, weil wir uns dadurch auszeichnen, dass wir nicht einer Stilrichtung, einem Dogma folgen. Unsere Stärke liegt in einer Architektursprache, die unaufgeregt und vor allem lösungsorientiert ist und nicht auf aktuelle Moden fokussiert. Wir betrachten immer den Entwurfs- und Planungsprozess als die Herausforderung, für jedes Projekt die bestmögliche Lösung zu finden, für die Bauherren und Nutzer.

Kommen Sie nach ein paar Jahren noch einmal hier hin, zu Besuch?

Das mache ich bestimmt! Und wenn ich dann in den Gesprächen mit den Betreibern aber auch den Nutzern erfahre, dass alles gut funktioniert und die Räume gut angenommen werden, dann ist das auch bewegend. Denn gerade bei einem Projekt wie diesem steckt viel Herzblut drin.

Mit Tobias Bünemann unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 21. Februar 2018 am Neubau der Obdachlosenunterkunft in Essen.

rkw.plus

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