„Nutzung seiner Potentiale“

Jürgen Wittner zum Thema „Beton“

Ehemalige Bunkeranlagen finden sich in vielen Städten Deutschlands. Aufgrund Ihrer Massivität ist ein Rückbau meist unmöglich. Inzwischen gibt es Konzepte, in den grauen Betonriesen neue Nutzungen zu verorten. Jürgen Wittner entwickelte in seiner Masterthesis im Schützenhofbunker in Münster einen Ort für die örtliche Musik­szene. Hier können durch die räumliche Konzentration der ansonsten über die Stadt verstreuten Künstler und Räume Synergien entstehen.

Sie haben einen ehemaligen Bunker zu einem Musikforum, dem „Independent Music Network“, umgenutzt. Erläutern Sie bitte das Entwurfskonzept.

Die im Schützenhofbunker beherbergten provisorischen Proberäume, die große Musikszene in Münster und die unbefriedigende städtebauliche Situation waren die Initialzündung für die Entwicklung eines Musikforums. Das „Independent Music Network“ soll jungen Bands und Musikern aus Münster eine Plattform zur Probe, Produktion, Aufführung und Vermarktung ihrer Musik bieten. Die momentan über ganz Münster verstreuten Einrichtungen, wie Tonstudios, Konzertlocations und Proberäume werden hier unter einem Dach vereint.

Das Musikforum besteht aus dem vorhandenen Bunker und dem neuen Dachaufbau. Beide Bestandteile unterscheiden sich in Form und Material deutlich voneinander und bilden somit ein Spannungsfeld, ohne jedoch den Aufbau wie einen Fremdkörper wirken zu lassen. Der Aufbau entwickelt sich in Form und Logik aus dem Bunker, durch die Verwebung ihrer Erschließungssysteme entsteht eine in-frastrukturelle Vernetzung zwischen Alt und Neu. Durch seine fünf „Schaufenster“ bildet der neue Aufbau eine visuelle Schnittstelle mit dem urbanen Raum.

Was ist so reizvoll an diesem Ort?

Der Bunker schlummert in einem städtebaulichen Dornröschenschlaf, einer Mischung aus Stigmatisierung und Nichtbeachtung, Verwahrlosung und kurzen, provisorischen Nutzungen – ein Schicksal, dass er mit den meisten Bunkern des 2. Weltkriegs teilt. Durch die Implementierung eines Raumprogramms, basierend auf der logischen Weiterführung des Vorgefundenen habe ich dargestellt, wie man diesen Ort reaktivieren und wieder sinnvoll ins Stadtgefüge und das kulturelle Leben eingliedern kann.

Grundsätzlich finde ich es spannender, mich mit dichten, urbanen Räumen und den dadurch gegebenen Parametern auseinander zu setzen, als auf der „grünen Wiese“ zu bauen. Ich finde es wichtig, dass Architekten sich mit ihrem direkten Kontext, der Stadt in der sie leben und arbeiten, befassen. So konnte ich mich mit dem Schützenhofbunker, der städtebaulichen Situation und der Musikszene in Münster viel intensiver beschäftigen, als es irgendwo anders auf der Welt der Fall gewesen wäre.

Worin bestehen für Sie die Vor- bzw. Nachteile beim Bauen mit Beton?

Beton ist ein Baustoff, der vor allem in seiner Oberflächenbeschaffenheit und Farbigkeit sehr wandlungsfähig ist. Er kann mithilfe von verschiedenen Schaltechniken und Zuschlagsstoffen glänzend, samtig, rau oder reliefartig, von fast weiß bis fast schwarz hergestellt werden. Überdies kann er durch verschiedene Bewehrungsarten sehr hohe statische Anforderungen erfüllen. Das sind für mich Eigenschaften, die einen klaren Vorteil gegenüber vielen anderen Materialien darstellen. Allerdings erfordert die Herstellung von Beton sowohl planerisch als auch in der Ausführung eine sehr hohe Sorgfalt, was sich mit einem engen Budget oft nur schwer realisieren lässt.

Was denken Sie über den Baustoff Beton im Zusammenhang mit dem Thema „Nachhaltigkeit“?

Beton ist natürlich nicht der erste Baustoff, der einem beim Stichwort Nachhaltigkeit in den Sinn kommt. Er besteht nicht aus nachwachsenden Rohstoffen. Stahl und die einzelnen Bestandteile aus denen Stahlbeton besteht, müssen mit erheblichem Aufwand hergestellt werden. Auch der Abriss von Betonbauwerken und das Recyceln der darin enthaltenen Rohstoffe ist nicht ganz einfach. Das bedeutet aber nicht, dass man mit Beton nicht nachhaltig bauen kann. Nutzt man die Eigenschaften von Beton intelligent, zum Beispiel seine Langlebigkeit, Tragfähigkeit oder seine hohe Wärmespeicherkapazität und kombiniert diese mit zukunftsfähigen Technologien, wie zum Beispiel einer Betonkernaktivierung, kann man mit Beton meiner Meinung nach genauso nachhaltig bauen wie mit Holz. Nachhaltig Bauen ist für mich weniger eine Frage der Wahl des Materials, sondern vielmehr der Nutzung seiner Potentiale.

Projektdaten

Hochschule
Münster School of Architecture / msa

Fachbereich Architektur

Lehrstuhl              Baukonstruktion

Betreuer                      Prof. Dipl.-Ing. Johannes Schilling

                                   Prof. Dipl.-Ing. Michael Schanné

Bearbeiter                   Jürgen Wittner

Präsentation               April 2009


Links zum Thema     

www.fh-muenster.de/fb5

www.juergenwittner.info

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