Mehr von dem machen, was Spaß macht

Im Gespräch mit den Architekten und Stadtplanern von CITYFÖRSTER, Hannover

Mit der Verleihung des Architekturpreises „max45“ an Cityförster für ihre Aufstockung eines Parkhauses in der Hannoveraner Innenstadt kommt ein Projekt an die Öffentlichkeitsoberfläche, das für eine ganz besondere Haltung steht; auf Investoren- wie auch auf Planerseite. Mit den Partnern des Büros in Hannover (s. o., v.l.: Nils Nolting, Arne Hansen, Verena Brehm und Oliver Seidel) konnten wir über die Ursachen für die anhaltende Zurückhaltung in Deutschland für solche Bauaufgaben sprechen. Und auch darüber, warum sie an diesem Architekturpreis teilgenommen hatten.

Glückwunsch zum Gewinn von „max45“! Überrascht, kam Freude auf?

Arne Hansen: Natürlich haben wir uns über die Auszeichnung sehr gefreut und waren überrascht, dass das gleich beim ersten Mal klappt.

Warum habt ihr die „Wohnkrone” eingereicht?

Oliver Seidel: Wohl, weil es unser jüngstes gebautes Projekt ist, eines der coolsten, und sehr gut zu unserer Haltung passt.

Verena Brehm: Das Projekt ist konzeptionell stark, weil es übertragbar ist. Und wir sind stolz, dass es sich realisieren ließ.

Ist die „Stadtkrone“ ein Aufruf, Stadtentwicklung anders anzugehen?

Verena Brehm: Das hoffen wir. Wir sind schon lange an diesem Thema dran, die – wie wir es nennen – Brachen über den Dächern der Stadt zu erschließen. Das reicht bis in unsere Studienzeit zurück. Hier haben wir jetzt einen Prototypen, mit dem wir gezeigt haben, dass das geht. Wir arbeiten zurzeit an einer Studie für ein weiteres Parkhaus für den gleichen Investor.

„Siedlungsebene 2.0“: Was kann ich mir darunter vorstellen?

Nils Nolting: Wir sehen ja, dass die Innenstädte sehr monofunktional strukturiert sind: Shopping und Arbeiten, sonst nichts. Die Siedlungsebene 2.0 erweitert diesen verarmten Stadtraum um weitere Funktionen, wie eben das Wohnen. Gerade in Innenstädten wie hier in Hannover haben Gebäude wie Parkhäuser und Kaufhäuser eine so große Gebäudetiefe, dass auf deren Dachflächen Typologien möglich sind, die man nicht erwarten würde. Reihenhäuser wenige Meter vom Haupftbahnhof entfernt. Vielleicht sogar untereinander verbunden mit einer Erschließungsebene 2.0. Wir sehen hier also nicht nur Chancen für einzelne Architekturprojekte, sondern ein gesamtstädtisches Potential, das für einen Wandel zurück zu einer funktionsdurchmischten Stadt gehoben werden könnte.

Dachlandschaften als weitere Siedlungsebene, das ist ja nichts neues. Wieso aber geht das nicht voran?

Arne Hansen: Das Problem ist, dass Investoren in der Regel Gelder einsammeln. Entweder wird in Wohnungs- oder Bürofonds investiert. Hier ist dann schon die Monofunktionalität verursacht. Hybride Investments sind schwieriger zu realisieren. Der Druck seitens des Marktes ist in Deutschland offensichtlich noch nicht groß genug, sich hier städteplanerischen Visionen anzupassen. In anderen Städten dieser Welt kann man dagegen sehr gut sehen, dass bei den wesentlich höheren Bodenpreisen die Siedlungsebene 2.0 immer mit im Gespräch ist.

Oliver Seidel: Und über alles Renditedenken hinaus gibt es vielfache Win-win-Situationen für Investoren und natürlich die Städte: Man kann die vorhandene Infrastruktur nutzen, es werden keine weiteren Flächen versiegelt, verbraucht, wir können die entmischten Innenstädte neu beleben etc. Auch kann der Zusatznutzen, den wir hier mit unserem Dachaufbau für den Investor realisiert haben, den Bestand vitalisieren, denn ich glaube, dass das Parkhaus hier unter uns nicht zu 100 Prozent ausgelastet war.

Arne Hansen: Das ist überhaupt ein Gedanke, an den sich Investoren erst einmal gewöhnen müssen und teilweise auch die Eigentümer. Denn oft haben die exakt nur das Nutzungsspektrum des Bestands im Auge und gar nicht die Potentiale, die in diesem noch zu entwickeln sind! Uns interessiert der Mehrwert, den man durch solche multifunktionalen Konzepte gestalten kann.

Wie kam es überhaupt zu dem Projekt?

Arne Hansen: Das Parkhausdach musste saniert werden und der Eigentümer und Parkhausbetreiber, eine hundertprozentige Tochter der Stadt Hannover, wollte hier etwas draufsetzen. Es gab einen kleinen Wettbewerb, zu dem wir wohl wegen unserer Initiativen zu diesem Thema eingeladen wurden.

B-Plan? Kein Problem?

Nils Nolting: In den Vorabstimmungen mit der Stadt, die das Projekt auch sehr wohlwollend unterstützt hat, konnten die wesentlichen Knackpunkte zu Maß und Art der baulichen Nutzung vorab geklärt werden. Unser Entwurf hat aber auch aktiv auf mögliche Schwierigkeiten im Genehmigungsverfahren reagiert. Dadurch, dass wir nur ein Nichtvollgeschoss geplant haben – also weniger als 2/3 der darunterliegenden Fläche – war der Entwurf vom Maß der baulichen Nutzung her bereits zulässig. Weil wir die Aufstockung aber nicht eingerückt, sondern direkt an die Außenkante des Parkhauses gestellt haben, um eine Präsenz im Stadtraum zu erreichen, mussten wir wegen Abstandsüberschreitung in alle Richtungen allerdings von allen Nachbarn die Zustimmungen einholen.

Was kein Problem war … !?

Nils Nolting: Es hat funktioniert! Aber schließlich schauen die Nachbarn jetzt auch nicht mehr auf Dachpappe, sondern auf eine schöne Dachlandschaft mit Metallfassade.

Arne Hansen: Und das ist ja in der Innenstadt der Punkt: Es gibt gar nicht so viele Nachbarn … am Anfang! Entwurflich ist die Setzung der Häuser auf die Kante der Versuch, die hier oben an sich isolierten Häuser zumindest visuell an den Stadtraum anzubinden.

Mich hat überrascht, dass die Wohnungen Mietwohnungen sind. Was steckt dahinter?

Arne Hansen: Der Investor hat damit die volle Kontrolle über mögliche spätere Umbauten hier im Parkhaus. Das wäre bei mehreren Eigentümern deutlich komplizierter.

Warum habt ihr euch beim „max45“ beworben?

Arne Hansen: Wir sehen das als einen Teil unserer Öffentlichkeitsarbeit an. Wir möchten damit auf das, was wir machen, aufmerksam machen, um am Ende noch mehr davon machen zu können, was wir für richtig und wichtig halten und was uns dazu auch noch Spaß macht.

Irgendwie passt die „Wohnkrone“ exakt zu der Programmatik, die ich hinter Cityförster vermute. Stimmt das?

Verena Brehm: Sicher. Wir beschäftigen uns seit mehr als 10 Jahren mit der Stadt und legen ihre Potentiale offen. Mit der „Wohnkrone“ entsteht nicht nur dringend benötigter Wohnraum. Auch die Innenstadt wird lebendiger, die Infrastruktur effizienter genutzt, das Parkhaus hier ganz konkret wird besser ausgelastet und eine Hinterhofsituation gestalterisch aufgewertet. Sehr wichtig ist uns bei allem theoretischen Überlegen, dass unsere Ideen realisiert werden. Wir möchten zeigen, dass es geht und nicht nur darüber forschen beziehungsweise diskutieren.

Wie seht ihr euch in der Hannoveraner Architektenszene?

Nils Nolting: Wir sind ein wenig anders – der bunte Hund?!

Verena Brehm: Wir wurden auch belächelt, weil wir vieles anders gemacht haben – das breit gefächerte Arbeitsfeld, die vielen Standorte und die unterschiedlichen Expertisen der Büropartner. Aber wir haben „geliefert“ – aus Ideen sind realisierte Projekte geworden, der Laden läuft.

Arne Hansen: Inzwischen sind wir gut eingebunden und durch unsere Interdisziplinarität auch sehr effektiv.

Oliver Seidel: Zudem fühlen wir uns durch die Büropartner in Berlin, Hamburg und Rotterdam nicht nur in Hannover zuhause.

Und was ist jetzt das wirkliche Besondere an den Stadt-Förstern?

Verena Brehm: Wohnen, Arbeiten, Lernen, Leben verändern sich permanent. Unsere Projekte sollen das begleiten. Deswegen suchen wir jenseits etablierter Lösungen nach Alternativen, die machbar sind. Nicht radikal neu, aber es bleibt alles anders: Wohnformen, Standorte, Bauweisen …

Oliver Seidel: Wir versuchen, das komplexe System Stadt zu beeinflussen, also mit unseren Projekten über das Einzelobjekt hinaus zu wirken. Wie mit der „Wohnkrone“ – sie verändert die Programmatik der Innenstadt. Dabei sind unsere Projekte sehr unterschiedlich: Wir entwickeln Lernlandschaften für neuartige Schulkonzepte, denken uns Häuser aus, die zu 100 Prozent aus Re-cycling-Materialien bestehen, entwerfen Gewerbeparks nach der Cradle-to-Cradle-Konzeption oder erstellen Stadtentwicklungskonzepte in China nach Schwammstadtprinzipien.

Das alles führt am Ende dazu, dass wir das System, dass wir die Stadt besser machen. Vielleicht auch schöner, ich hoffe es! Aber Cityförster eint nicht ein formaler Ansatz, eine gemeinsame Formensprache etc., sondern eine gemeinsame Haltung. Und das kontinuierliche Arbeiten an der Stadt.

Mit den vier Büropartnern der Hannoveraner
Cityförster unterhielt sich DBZ-Redakteur
Benedikt Kraft am 6. Juni 2017 auf der „Wohnkrone“ in der Windmühlenstraße in Hannover.

www.cityfoerster.net