Leuchtturm

Medizinische Fachbibliothek O.A.S.E., Düsseldorf

Auf dem Areal der Universität Düsseldorf eröffnete Ende 2011 die medizinische Fachbibliothek, genannt: „Ort des Austauschs, des Studiums und der Entwicklung“ – kurz O.A.S.E.. Inspiriert durch das medizinische Umfeld nahmen HPP Architekten für ihren Entwurf ein „kapillares System“ zum Vorbild.

Das Areal der Universität Düsseldorf und ihrer Kliniken, seine Lage und heterogene Bebauung spiegeln die etwas verwickelte Entstehungs- und Gründungsgeschichte der nach Heinrich Heine benannten Hochschule wieder. Entstanden aus den Städtischen Kliniken und der „Medizinischen Akademie“, die beide im südlichen Stadtteil Bilk ansässig waren, gründete man 1965 offiziell die Universität, deren nach und nach und im Stile dieser Jahre errichtete Baulichkeiten sich direkt südlich des Klinikgeländes anschlossen. Während dieses einigermaßen geplant verlief, wuchsen die Universitätskliniken eher spontan und, zumindest nach heutiger Wahrnehmung, ziellos.

Wie so oft gaben die diversen Gesundheitsreformen den Anstoß, das gesamte ausufernde Gebilde einer grundlegenden Neuordnung zu unterziehen. Die Universitätskliniken sind seit 2001 eine Anstalt öffentlichen Rechts und verstehen sich als „international wettbewerbsfähiges Gesundheitsunternehmen“. Ab 2004 beauftragten sie in drei Abschnitten das Düsseldorfer Architekturbüro HPP mit einem Masterplan, der nicht nur den Städtebau und die Regelung der Verkehrs- und Besucherströme, sondern auch die Erhöhung der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens und dessen Organisationsformen umfasste.
Das am meisten ins Auge springende Ergebnis des Plans ist eine mit schönen alten Bäumen und frisch angelegten Rabatten flankierte „grüne Achse“, an die neue Gebäude angelagert werden sollen – etwa das neugebaute Infektions- und Leberzentrum nach Plänen von Bergstermann + Dutczak (Dortmund) sowie das in Bau befindliche Zentrum für Operative Medizin von Heinle, Wischer und Partner (Köln).


Die Insel

Ebenfalls an der Achse, an der Schnittstelle zum Universitätsgelände, mit den Nachbarn Rektorat, Mensa und einigen Studentenwohnheimen liegt die O.A.S.E., für deren Entwurf sich HPP verantwortlich zeichnet. Sich offiziell – etwas bemüht – „Ort des Austauschs, des Studiums und der Entwicklung“ nennend, beherbergt das Gebäude unter anderen eine medizinische Fachbibliothek, einen 180 Personen fassenden Vortragssaal, ein Café, Räume für das Dekanat und die Fachschaft, einen Kinderbetreuungsraum, Ruheinseln sowie diverse, mit allen erdenklichen multimedialen Möglichkeiten ausgestatte Lernzonen, in denen Studierende in Gruppen arbeiten können.

Das Gebäude ist ein schlanker, nicht ganz so ranker Turm auf quadratischen Grundriss mit einer Kantenlänge von 22,40 m und einer Attikahöhe von rund 38 m. Des achtgeschossigen Kubus‘ Krönung wird ein Dachgarten mit Sitzgelegenheiten und herrlichem Ausblick sein, der in diesem Frühjahr eröffnet wird.


Entwurfskonzept

Die Architekten, offenbar motiviert vom medizinischen Umfeld und zur grünen Achse passend, wollten eine „organisches Gebäude“ bauen. Vorbild ist ein „kapillares System“. Skelett, Arterien, Haut werden in Analogie zu Tragwerk, Infrastruktur bzw. Erschließung und Hülle gesetzt. Einige Skizzen der Architekten zu ihrem Konzept erinnern etwas an den Entwurf von Lars Spuybroek für den Ground-Zero-Wett­bewerb 2002.

Dessen ungeachtet gelang HPP, das organische Konzept sowohl in der äußeren Erscheinungsform als in den Innenräumen konsequent durchzuhalten. Das Fließende und Geschwungene der Fassade findet sich im offenen Grundriss und vielfach fließenden Räumen wieder. Selbst die Innenarchitektur, die die Arbeitsgemeinschaft Silvia Pappa und UKW Innenarchitekten entwickelte, passt sich dem Konzept an: Möbel mit weichen, geschwungenen, manchmal amorphen Formen, abgetönte, dennoch frische Farben und moderne Materialien wie Glasfiber oder Wenge-Stabparkett, die mit den Sichtbetonflächen ­harmonisch korrespondieren. Den großzügigen Eindruck unterstreicht darüber hinaus die Höhe des Vortragssaales und der Cafeteria im Erdgeschoss, in dem – etwa ein Drittel der Fläche einnehmend – ein Mezzaningeschoss abgehängt wurde. Auch der Lesesaal im siebten Geschoss hat einen zweigeschossigen Luftraum. Hier wurden sogar zwei Galerien mit Arbeitsplätzen eingehängt.

Wegen der organischen Formen beschleicht den Besucher bisweilen die Impression, einer Neuinterpretation der 50er Jahre beizuwohnen. Dazu passt auch, dass der geschlossene Anteil der Fassade mit klinisch-weißer Glaskeramik verkleidet ist. Die geschlossenen Fassadenflächen im 1957 fertiggestellten Friedrich-Engelhorn-Haus in Ludwigshafen – eines der ersten Highlights im umfangreichen Œuvre von HPP noch vor dem Dreischeibenhaus in Düsseldorf – waren ebenfalls mit Glaskeramik verkleidet.
Die Fassade ist tragend, das Konzept dafür wurde von HPP in Kooperation mit den Frankfurter Tragwerksplanern Bollinger + Grohmann entwickelt. Die geschlossenen Elemente ergeben mit Decken, Stützen und den beiden Erschließungskernen einen statischen Rahmen. Die offenen Fassadenflächen bestehen aus grünem Sonnenschutzglas. Die gekrümmten Formelemente mussten dazu in Einzelfertigung hergestellt werden, wobei sich aber manche, um die Kosten zu senken, wiederholen. Einen „Leuchtturm für lebendige Lehr- und Lernkultur der medizinischen Fakultät“ zu errichten lautete der Planungsauftrag. Dies ist – besonders abends, wenn die OASE von innen heraus leuchtet – auch ganz sinnlich wahrnehmbar gelungen. Man mag hoffen, dass der darin formulierte Anspruch trotz aller wirtschaftlichen Zwänge auch den Patienten und dem medizinischen Personal zugutekommt.

Enrico Santifaller, Frankfurt am Main



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