Lagerflächen erblühenzu Büros! Die Seilerhöfe in Köln

Wer den wohnlichen Industriecharme der Büros und Showrooms der Kölner Seilerhöfen sieht, glaubt kaum, dass Felten & Guilleaume hier jahrzehntelang nur Kabeltrommeln stapelte.

„Wir haben den Markt beobachtet. Eine vergleichbare Kombination aus Arbeitswelt und Privatgrün gibt es in Köln nicht, schon gar nicht zu Mietpreisen um 11,50 Euro pro Quadratmeter“, schickt der Architekt Hanno Kreuder, von Trint + Kreuder d.n.a, zufrieden vorweg. Der Griff zum hochwertigen Höfe-Ambiente erwies sich auch in der Vermarktung als goldrichtig. Selbst der Bauherr verzichtetet auf anfänglich vorgesehene Mietfläche zugunsten eines weiteren Hofes, weil ihn das Mehr-an-Qualität überzeugte. Heute konzipieren Agenturen wie Uniplan Messen, präsentieren sich hochwertige Ausstatter wie Egecarpet Teppiche und Wever-Ducré Lichtdesign oder hauchen Hightech- Unternehmen wie Lios glasfaserbasierten Sicherheitssystemen Leben ein. Branchenvielfalt, die für die Flexibilität des modularen Konzeptes spricht. Aber beginnen wir von vorn:


Hallen zu Büros!
Was macht man mit heruntergekommenen Beton- bzw. Backsteingemäuern von bis zu 70 m Tiefe und bis zu 8,5 m Höhe, die ihr Licht weit gehend über Plexiglas-Dachkuppeln beziehen? „Zeitgemäße Arbeitsflächen“, lautete die Antwort! Denn die Hallen sind der letzte große Umwidmungsbaustein im einst von Felten & Guilleaume zur Seilproduktion genutzten nördlichen Schanzenstraßen-Areal. Seit der Werksauflösung in den 90er Jahren wurde das Gebiet Stück für Stück hochwertigerer Gewerbenutzung zugeführt. Da die 16 000 m2 Hallenfläche nicht unter Denkmalschutz standen, waren tiefgreifende Eingriffe in die Bausubstanz möglich, wenngleich unter selbstauferlegtem Anspruch, die historischen Stahl-Dachtragwerke zu erhalten. Eben diese gaben auch den Takt für die Parzellierung der Fläche vor. Um den Einfall von Licht auch von der rückwärtigen Fassade zu gewähren, wich die dreitorige Laderampe – die Hallenkomplex und angrenzende Seilerei verband – einer Stichstraße, in der belassene Dachkonstruktionen an die einstige Beziehung zwischen Lager und Produktion erinnern. Ihr Industriecharme blieb den in 1912/13 erbauten und in den 60er Jahren erweiterten Lagerhallen erhalten – wenngleich schicker denn je. Im jüngeren Trakt (Abschnitt A + B) rahmt der gebäudetypische 60er Jahre Betonsockel nebst Attika nun ein Fensterband mit gestanzter Metallverkleidung. Abstrakt erinnert das Design an Computer-Eingabe­masken, die dezent den inneren Wandel ankündigen. Denn in 3,7 m Höhe entstand eine Büro-„Beletage“, die die 5 300 m2 ebenerdig belassene Lagerfläche krönt, und komplett oder parzelliert ab 200 m2 angemietet werden kann.
Höfe als Programm

Um die sonst für Büros unnutzbaren Hallentiefen mit Licht und den Arbeitsalltag mit einer Prise Naherholung zu spicken, durchsetzten die Architekten die 17 850 m2 Nutzfläche mit 14 kleineren und großen Innenhöfen. Die begrünten Oasen sorgen dafür, dass man sich der modernen Wohnbebauung fast näher fühlt als dem Büroalltag. Die Beletage erschließt sich über hochgelegene Innenhöfe, in denen man sich zunächst im unerwarteten „Vorgartengrün“, umgeben von holzbeplanktem Boden und Office-Glaswänden wiederfindet.

Der Kontrast aus Industriecharme und Wohnlichkeit setzt sich im historischen Gebäudetrakt (C + D) fort. Auch hier prägt das stanzmetallverschalte Fensterband die Fassade, hinter der sich Büroeinheiten wie kleine und größere Reihenhäuser aneinander fädeln. Die 230 bis 400 m2 großen Mieteinheiten mit eigener Haustür organisieren sich maisonetteartig über zwei Ebenen und lassen die integrierten Höfe wie Terrassen wirken. Brüstung und Treppenlauf bilden mit den Holzstapeldecken eine monolithische Einheit; das filigrane stählerne Dach­fachwerk verleiht den Arbeitsorten das besondere Etwas – getreu des entwurfsleitendem Mottos: Nutze Bestehendes, selbst wenn es industriell-banal ist, und entwickle es weiter.

Freiheit mit System

Der Innenausbau basiert auf einem von den Architekten entwickelten additiven Ausbausystem, das Nutzern die Wahl lässt, ihre Büros als leere Hülle oder bedarfsgerecht untergliedert zu mieten. Entsprechend vielfältig sind die Ausbauvarianten, die von geballten Zellenbüros bis zu offenen Ausstellungsarealen mit etwas Kombizone reichen. Im Takt der alten Bausubstanz gehen die schallisolierten Wandeinbauten zur Decke hin in Glas über bzw. sind flurseitig komplett gläsern. Darüber hinaus dürfen Mieter großer Einheiten über die Masse an Fenster bzw. Belassung der Wände – im architektonisch vorgegebenen Rhythmus – mitbestimmen. Was die Nutzer in Eigenregie regeln, sind zusätzliche raumakustikische Dämmungen, Blendschutz vorm Fenster oder Akzente bei der Hofgestaltung. Im Verständnis der Architekten zählen die durch dauerhaft-werthaltige Materialien neutral gehaltenen Räume ebenso zur nutzergewährten Freiheit wie zum weiterentwickelten Industriecharme. Sie folgen einem monochromen Farbspektrum: Decken und eingezogenen Wänden aus Sichtbeton,hell-bronze-eloxierte Fensterrahmen und Türen sowie gewachstes Industrieparkett aus Eiche-hell, das mit der mineralischen Farbe warme Stimmung ins großzügige Ambiente bringt.


Hallenspezifisches: Klimatisierung, Wärmeschutz, Brandschutz
Für angenehme Raumtemperaturen gemäß Arbeitsstättenrichtlinie sorgt neben der Fassadenverschattung eine Spitzenlastkühlung, als umschaltbares Zwei-Leitersystem konzipiert, das im Winter wärmt und an heißen Sommertagen kühlt. Der Wärmeschutz wurde gemäß der gültigen EnEV realisiert, wobei „bessere“ neue Bauteile (Fassaden, Dachdämmungen) die „schlech­teren alten“ (historische Dachkonstruktionen, Bodenaufbauten) kompensierten.

Durch sorgsam positionierte Brandwände konnten die Eingriffe in bestehende Dachstrukturen verringert und Brandschutzprobleme der durchlaufenden Stahlkonstruktionen mit noch bezahlbaren F30-Anstrichsystemen bewältigt werden. Erleichternd hinzu kam, dass die Wand- und Deckenbauteile unter die abgespeckten Brandschutzanforderungen der „Gebäude geringer Höhe“ fielen.

Knapp anderthalb Jahre ist es her, dass der chronologisch in Etappen organisierte Ausbau begann. Im Umbau sind derzeit noch die ehemaligen Laderampen mit markant gezahnten Betonkonstruktion (Abschnitt E). Mit ihnen schließen die Seilerhöfe nicht nur im Norden ab, sondern in ein paar Monaten auch die komplette Umwidmung der 18 000 Netto-Nutzfläche plus 2 000 m2 Hof- und Grünfläche.

Die Architekten argumentieren in Wort und Bau mit der zeitgemäßen Fortsetzung bestehender Gebäudelogik, der sich der Betrachter kaum zu entziehen vermag. Den handwerklich top gemach­ten Räumen, er­­geht es dabei fast wie einst dem ultimativen Ausstellungsraum „white cube“. Dessen vermeintliche Neutralität wirkt in sich schon wieder so stark, dass er mit Nichten nur als Bühne wirkt – auch Trint + Kreuders zurückgenommene Gestaltung verlangt Mietern mehr konzeptuelle Unterordnung ab, als es ihr Freiheitskonzept suggeriert. Und, so schön und gut die Seilerhöfe gemacht sind, so emotional unberührt lassen sie einen. An der ein oder anderen Stelle hätte man sich mehr Mut zur Geschichte gewünscht, die sicherlich nie so clean und glattgezogen war, wie sie uns heute erscheint. Rahel Willhardt,Aachen

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