„Im besten Fall Kontraste und Assoziationen“ Prof. Dipl-Ing. Ulrike Böhm zum Thema „Topografisches Bauen“

Topografie gehört traditionell zu den zentralen Gestaltungsmitteln der Landschaftsarchitektur. Sie bietet sie sich an, um Freiflächen in Teilräume von unterschiedlichem Zuschnitt zu gliedern und innerhalb eines übergeordneten Gestaltthemas räumliche Abfolgen und Blickbeziehungen aufzubauen. Als prägnantes Motiv weckt Topografie Erinnerungen an bekannte Landschaftsbilder. In dem so in Gang gesetzten Assoziationsprozess lassen sich landschaftsbezogene Merkmale, Stimmungen und Symboliken auf den Entwurfsort übertragen. Stark verkleinert angewandt ermöglicht Topografie auch den Umgang mit begrenzten Flächenzuschnitten in innerstädtischen Lagen. Wesentlich dabei ist die jeweils angemessene Abstraktion des landschaftlichen Vorbilds sowie Sensibilität für Maßstab, Kohärenz und Kontext.

Noch bis in die 1980er Jahre bleibt topografische Gestaltung in Deutschland eingebettet in den bewährten Kanon des englischen Landschaftsgartens: Grundelement bildet eine der Natur nachempfundene Modellierung, der sich Gewässerformen, Wegeführung und Bepflanzung unterordnen. In gegenseitiger Bezugnahme erzeugen die eingesetzten Elemente ein wiedererkennbares Landschaftsbild. Eindrucksvolle Beispiele dafür sind der Brixplatz in Berlin Westend (1919, Barth), der in einer ehemaligen Kiesgrube ein Waldtal mit Gebirgswasserfall nachempfindet oder der Volkspark Rehberge in Berlin Wedding (1926, Germer, Barth). Auch der Olympia-Park in München (1972, Grzimek) steht noch in der Tradition dieses Umgangs mit Topografie. Erst 1990, angestoßen durch Projekte in Barcelona und in den Niederlanden, beginnt für die landschaftsarchitektonische Praxis ein wichtiger Kurswechsel: Kennzeichnend hierfür sind eine Loslösung vom beschriebenen Formenkanon und ein experimentellerer Umgang mit Topografie. In deutlicher Abkehr vom Vorbild ‚Landschaft’ entstehen streng geformte Böschungen als abstrakte ‚grüne Skulpturen‘. Entsprechend wirken die Freiräume künstlicher und eher in den städtischen Kontext eingebunden. Prägnantes Beispiel ist der Tilla-Durieux-Park von DS Landschapsarchitecten in Berlin (1995).

Zeitgleich dazu beginnen auch Architekten mit dem Gestaltungsmittel Topografie zu experimentieren. Klassisch getrennte Elemente wie Decke und Wand werden in kontinuierlichen Faltungen und Verschneidungen zusammengefasst. Anstelle einer Schichtung aus Ebenen entsteht ein über die Geschosse hinweg zusammenhängendes Kontinuum, wie zum Beispiel im Entwurf von OMA für die Bibliothek in Jussieu (1992). In einem weiteren Abstraktionsschritt wird Topografie im städtebaulichen Maßstab untersucht: Projekte wie das Maritime Terminal Yokohama (1994/2000, FOA) geben die Grenze zwischen Gebäude und Freiflächen zugunsten einer künstlichen Landschaft auf. In die bewegte Oberfläche werden bauliche Anlagen, öffentliche Freiflächen und Infrastrukturen integriert.

Offensichtlich bietet die Gestaltung mit Topografie eine Reihe von Möglichkeiten, die gern genutzt werden, um spannungsvolle Räume in unterschiedlichen Maßstäben zu erzeugen. Häufig werden aber die mit dem Gestaltungsmittel verbundenen Bedingungen nicht angemessen berücksichtigt: Im schlechtesten Fall entsteht dabei Kitsch, das heißt Enttäuschung über einen zu leicht zu durchschauenden, kleinteiligen, simplen und zu oft schon gesehenen Umgang mit Topografie. Im besten Fall können Kontraste aufgebaut und Assoziationen geweckt werden, die den gestalteten Raum aus der alltäglichen Umgebung herausheben und einen prägnanten, stimmungsvollen Ort schaffen.

Die Landschaftsarchitektin

Prof. Dipl.-Ing. Ulrike Böhm, geb. 1966 in Berlin, studierte Landschaftsarchitektur an der TU Berlin. Bis 2003 hat sie als Mitarbeiterin im Atelier Loidl, Berlin, und bei realgrün Landschaftsarchitekten, München, landschaftsarchitektonische Projekte entworfen und realisiert. Anfang 2003 Gründung bbzl böhm benfer zahiri landschaften städtebau, Berlin, mit Dr. Ing. Cyrus Zahiri, Architekt und Prof. Katja Benfer, Landschaftsarchitektin. Das Büroteam ist interdisziplinär zusammengesetzt aus Architekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplanern. Seit Mai 2012 Juniorprofessorin für Landschaftsarchitektur an der TU Kaiserslautern. Gastprofessuren 2012 und 2013. Sie ist seit 2011 Fachsprecherin des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten für Städtebau und Freiraumplanung.

www.bbzl.de

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