Starkes Rückgrat, filigrane Fassade

Hotel The Fontenay, Hamburg

Die amorphe Form des Luxushotels The Fontenay Hamburg an der Alster, entworfen und realisiert von dem ebenfalls in Hamburg ansässigen Architekturbüro Störmer Murphy and Partners, brachte einige bautechnische Herausforderungen, aber auch spannende innovative Lösungen mit sich.

„Entstanden ist die Form der drei verschliffenen Kreise bei einem Besuch des Grundstücks und einem Blick in die Kronen der großen, alten Bäume des parkartigen Geländes“, erzählt Architekt Jan Störmer über die Wettbewerbsidee. „Das statische Grundkonzept des Gebäudes liegt in einer tragenden inneren Struktur, die wie ein Rückgrat wirkt, so dass die Fassade sehr offen, filigran und materialarm ausgebildet werden konnte.“ Im Inneren des Gebäudes verläuft ein der Gebäudeform folgender, wandartiger und fünf Geschosse hoher Betonträger entlang der Flurwände. Auf diesem so genannten Megaträger lasten sowohl die Betondecken als auch die strahlenförmig nach außen verlaufenden Schotten, die in den Normalgeschossen die Zimmertrennwände bilden. Zusätzliche Stützen, die die Gebäudehülle stören würden, konnten so auf ein Minimum reduziert werden.

Die Fassade gliedert sich in den Normalgeschossen in zwei Ebenen. Den äußersten Abschluss bilden die Fassadenbänder aus weißen Keramikplatten mit dem darüber gesetzten Stabgeländer aus Stahl. Die emaillierten Platten wurden dabei über händisch angefertigten, gewölbten Schablonen gebrannt. In dieser Fassadenebene wird die Grundfigur des Gebäudes in konsequenter Form durch gekrümmte Elemente bis hin zu teilweise doppelt gekrümmten Attikablechen nachgebildet. Um einen halben Meter zurückgesetzt sitzt die zweite Ebene: die Fassade aus Minimalschiebetüren, die die thermische Hülle der Zimmer und Residenzen bildet. Auch diese Ebene folgt im Prinzip der Grundform, allerdings nicht durch in sich gekrümmte Elemente, sondern durch eine polygonale Linie. Dabei tun auch die rechteckig in die Fassade geschnittenen Loggien der kraftvollen Grundidee keinen Abbruch. Im Inneren der Großform liegen zwei ebenfalls organisch geformte Höfe, von denen der eine geschlossen (das Atrium), der andere als offener begrünter Innenhof (der Patio) ausgeführt sind.

Für Architekt Störmer war von Anfang an klar, dass das Hotel im Park ein Gebäude ohne Rückseite sein muss, das zu allen Seiten Natur und Licht hereinlässt. Durch seine unterschiedlichen konvexen und konkaven Linien tritt das Gebäude nie in seiner ganzen Größe in Erscheinung und wirkt so trotz seiner nicht ganz 30 000 m² BGF erstaunlich zurückhaltend. Die organische Figur fügt sich dabei fast  selbstverständlich in den Standort ein. Bei der Realisierung musste dann eine unglaubliche Vielfalt an Fassadendetails durchdacht und umgesetzt werden − auch nach Reduktion der ursprünglich 40 Radien des Wettbewerbgrundrisses auf sechs Hauptradien.

Patio- und Atriumfassaden

So war das Spiel an der gekrümmten Fassade mit Licht und Reflexion, Transparenz und Spiegelung ein wesentliches Entwurfsmotiv. Einerseits sollte die Krümmung der Gebäudeform genutzt werden, um immer wieder neue Perspektiven und Spiegelbilder zu erzeugen. (Zudem muss die Reflexion dem sommerlichen Hitzeschutz entgegenwirken.) Auf der anderen Seite sollte sie nicht bis zur Gesichtslosigkeit, ähnlich dem Effekt hochverspiegelter Sonnenbrillen, vorangetrieben, sondern der optimale Grad an Transparenz gefunden werden. Besonders relevant waren diese Fragen in Bezug auf den offenen Patio, in dem sich die reflektierenden Scheiben relativ dicht gegenüberstehen.

Allein die Fassade zum Patio umfasst gleich mehrere unterschiedliche Ausführungen: So kamen hier neben der Verglasung in Holz-Aluminium-Fensterbändern opake Fassadenelemente mit Putz und Kammzugputz auf einem WDVS in den oberen Geschossen zum Einsatz. Darüber hinaus entwickelten die Architekten gemeinsam mit den Fassadenplanern ein Konzept für die geschosshohe Verglasung des Erdgeschosses. In den stärker gekrümmten Fassadenflächen wurden real gekrümmte Scheiben eingesetzt, während in den Flächen mit schwächerer Krümmung gerade Scheiben polygonal aneinandergefügt sind. „Klar war, dass die Verglasung im Erdgeschoss des Patio auf Grund der Höhe aus statischen Gründen eine zusätzliche Aussteifung beispielsweise in Form von Schwertern benötigte“, erklärt Stephanie Heese, Leiterin des Projekts im Büro Priedemann Fassadenberatung. „Den Architekten war allerdings sehr wichtig, dass die Fassade, die man an dieser Stelle vor allen Dingen von innen sieht, als klare, glatte Form wahrgenommen wird. So entschieden wir uns am Ende für eine Sonderanfertigung mit Glasschwertern, die von außen vor die Fassade gesetzt wurden, was auf Grund der mäßigen Belastung durch Wind und Witterung hier sehr gut möglich war.“

Bei einem Blick an der Patio-Fassade nach oben fällt in der Kehlung mit dem engsten Radius ab dem 1. Obergeschoss außerdem eine gebogene Ganzglasfassade auf, die lediglich oben und unten in Holz gefasst wurde. Diese sitzt im Grundriss gegenüber der ebenfalls transparenten Verglasung zum geschlossenen Atriumhof.

An dessen Fassade hängen in einer Structural-Glazing-Sonderkonstruktion über eine Höhe von 27 m 250 geschuppte Fassadenelemente in unterschiedlichen Braunbeigetönen, geschossweise um ein halbes Raster versetzt. Sie bestehen aus säuremattiertem Verbundsicherheitsglas mit farbiger PVB-Zwischen­folie. Die Scheiben sind zudem einzeln mit LED-Technik ansteuerbar und können mit unterschiedlichen Lichtszenarien bespielt werden. Einzelne Scheiben sind klar und ermöglichen Einblicke in den großen Loungebereich im Erdgeschoss. Zwischen den Glaselementen sitzen opake, schallabsorbierende Zwischenelemente. Auch die transparenten, gebogenen Verglasungen in den Krümmungsaugen sind hängend befestigt und mit Zugstäben in den schmalen Silikonfugen ausgeführt.

Fassadenvielfalt

In Bezug auf die Fassaden musste bereits im Erdgeschoss auf sehr unterschiedliche Anforderungen reagiert werden. So liegt hier neben verschiedenen Veranstaltungs- und Konferenzräumen das so genannte Gartenrestaurant, das auch für externe Gäste zugänglich ist. Eine über zwei Geschosse reichende, polygonale Verglasung in Pfostenriegelkonstruktion bringt viel Licht in den Raum und schafft eine Verbindung zum umliegenden Alsterpark. Auf der Südseite des Gebäudes musste eine Fassade für einen großen Veranstaltungsraum gefunden werden, die die Akustik optimal gewährleistet. Der Entwurf sah hier eine ziehharmonikaartig aufgefächerte Raumbegrenzung vor, bei der sich geschlossene Wand- und offene Glasflächen abwechseln. „Wir haben uns dafür entschieden, die Verglasungen auch hier in einer Pfosten-Riegelkonstruktion zu realisieren, obwohl es sich ja eigentlich um einzelne Fenster handelt, da so die Verglasung außen sitzt und die Übergänge und Anschlussdetails sehr dezent und sauber gelöst werden konnten“, erläutert Fassadenplanerin Heese.

Über Erd- und Normalgeschoss thronen im 6. und 7.Obergeschoss die Sonderbereiche Pianobar, Gourmet­restaurant und die großzügige Spa-Zone mit Innen- und Außenpool. Die polygonal gekrümmten großflächigen Verglasungen in Pfosten-Riegel-Konstruktion werden durch ein außenliegendes Sonnenschutz-Zip-System verschattet, das sich wie die gesamte Fassade in angenehmer Zartheit und Zurückhaltung zeigt. Nina Greve, Lübeck

Baudaten

Objekt: The Fontenay Hamburg
Standort: Hamburg, Rotherbaum
Typologie: Freistehendes Hochhaus, Hotel
Bauherr: Kühne Immobilia GmbH
Nutzer: The Fontenay Hotelgesellschaft mbH, Hamburg, www.thefontenay.de
Architekt: Störmer Murphy and Partners, Hamburg, www.stoermer-partner.de mit Höhler + Partner, Hamburg, www.hoehler-partner.de
Bauzeit: August 2014 – September 2017

Fachplaner

Fassadentechniker: Priedemann Fassadenberatung, Berlin, www.priedemann.de
Tragwerksplaner: Ingenieurbüro Dr. Binnewies, Hamburg, www.dr-ing-binnewies.de
TGA-Planer: Winter beratende Ingenieure für Gebäudetechnik, Hamburg, www.winter-ingenieure.de (Entwurf); pbr Planungsbüro Rohling, Osnabrück, www.pbr.de (Ausführung) Lichtplaner: Hamburg Design, Hamburg, www.hamburgdesign.de
Innenarchitekt: Matteo Thun & Partners Matteo Thun, Mailand/IT, www.matteothun.com (Entwurf); Aukett + Heese, Berlin, www.aukett-heese.de (Ausführung)
Akustikplaner: Krebs + Kiefer Ingenieure, Darmstadt, www.kuk.de
Landschaftsarchitekt: WES LandschaftsArchitektur, Hamburg, www.wes-la.de
Brandschutzplaner: Ingenieurbüro T. Wackermann, Hamburg, www.wackermann.com

Projektdaten

Brutto-Grundfläche: ca. 30 000 m²
Brutto-Rauminhalt: ca. 114 000 m³

Hersteller

Dach: Kalzip GmbH, www.kalzip.com
Fenster: Sapa Building Systems GmbH, www.wicona.com
Fassade: SkyFrame AG, www.sky-frame.com
Sonnenschutz: Warema Renkhoff SE, www.warema.de
Brandschutz/Tore: Jansen Holding GmbH, www.jansentore.com; Stöbich Brandschutz GmbH, www.stoebich.de