Grüner wird‘s noch Studentenwohnheim in Sant Cugat/ES 

Grauer Beton, glänzendes Metall und eine strenge Reihung des Motivs über 75 m. In Sant Cugat bei Barcelona bauten H Arquitectes und dataAE zusammen mit Societat Orgànica ein Studentenwohnheim, das polarisiert. „Wie ein Gefängnis“ urteilen einige Leser im Internet. Herausragend finden es dagegen verschiedene Wettbewerbsjurys. Tatsächlich hat das noch kahl wirkende Bauwerk viele Potentiale.

Der vermittelnde Maßstab

Als die Universität von Katalonien (UPC) einen Wettbewerb für ein Studentenwohnheim in Sant Cugat ausschrieb, wies sie ein langgezogenes Hanggrundstück als Bauplatz aus, direkt an der Hauptbahntrasse nach Barcelona. Das Areal bildet einen Puffer zwischen dem geschlossenen, hallenförmigen Bauvolumen der Architekturfakultät und der durchlässigen Wohnbebauung drumherum. Dort bilden Reihenhäuser und Villen mit Pool einen Flickenteppich, den breite Verkehrsachsen und großzügige Grünflächen zerpflügen. Volumen und Wohndichte des Neubaus mussten ausgewogen zu beidem passen, zur Kleinteiligkeit des Vorortes und zum Großflächigen der Fakultät. Den Wettbewerb gewannen die Katalanen H Arquitectes und dataAE, zusammen mit den Beratern für nachhaltige Gebäude Societat Orgànica. Für die vermittelnde Maßstäblichkeit fügten die Architekten modulare, kleine Elemente zu einem großen Volumen. Etwa 40 m² kleine Wohnboxen reihen sich in zwei Ebenen entlang eines Innenhofes, der als Erschließungsachse den Komplex in Ost-West-Richtung teilt. Sie zitieren damit sowohl die stadträumliche Organisation der Reihenhäuser, als auch die innere der Fakultät. Damit von dort aus der Blick weiterhin über die Dächer Sant Cugats bis hin zu Barcelonas Fernsehturm geht, terrassierten die Architekten das Gelände und senkten die Dachkante des 2-geschossigen Wohnheims.


Die kosten- und zeitsparende Bauweise

Der Bauherr organisierte den Wettbewerb in zwei Phasen: Die erste, um einen Bauträger und ein ökonomisches Bausystem zu ermitteln; die zweite, um einen Planer und Entwurf zu finden, die das aus­gewählte Bausystem in Architektur verwandeln. Diese Reihenfolge reduzierte das Risiko, dass ein ambitioniertes Architekturprojekt wegen zu langer Bauzeit und steigenden Bau- und Finanzierungskosten stoppt, so wie es in der spanischen Baukrise oft passierte.

Mit in Serie vorgefertigten Betonboxen überzeugte die Firma Compact Habitat schließlich den Bauherrn in der ersten Phase. Die Boxen sind 11,2 m lang, 5 m breit und röhrenförmig, also mit geschlossenen langen und offenen kurzen Seiten. Diese Betonelemente bildeten die Grundlage für den Architekturwettbewerb in der zweiten Phase. Die Architekten planten ein Element als Wohnmodul für ein oder zwei Bewohner, ausgestatt nur mit dem Wesentlichen: Badtrennwand und Küche bestehen aus Multiplexplatten, Wände, Decken und Böden bleiben unverkleidet. Nur ein Regal soll optional und flexibel die Räume im Innern trennen, je nach Belegungsplan der Boxen. Die Badkabine ist wiederum selbst aus einem Guss materialsparend vorgefertigt, möbliert und in die Boxen eingepasst. Auch Außen gilt der minimale Materialaufwand: Die offenen Stirnseiten des Betonelementes wurden noch im Werk mit Metallständerwerk und Dämmung, sowie Holzrahmenfenstern geschlossen. Die Leitungen liegen außerhalb der Boxen in offenen Schotten aus Multiplexplatten oder hängen an der blanken Decke. Die Produktion der 57 Wohn- und 5 Sondermodule dauerte nur sechs Wochen. Per LKW-Schwertransport gelangten sie an die Baustelle und wurden dort in 10 Tagen aufgestapelt. Weitere drei Monate dauerte die komplette Fertigstellung des Gebäudes: der Bau der Zugänge, die Anlage des Innenhofes samt Freiflächen, die Verlegung der Installationen und der Aufbau des metallenen Sonnenschutznetzes. Die Baukosten reduzieren sich durch diese Bauweise auf rund 2,6 Mio. €, bzw. rund 830 €/m². Bei der Miete von mindestens 540 € im Monat für ein Modul, dürften die Baukosten schnell ausgeglichen sein.


Der hohe Energiestandard

Nicht nur die Baukosten sind gering. Mit einem Energiewert von 38 kWh/(m²a) erreicht das Studentenwohnheim als erstes Gebäude in Spanien das Energie-Niveau des schweizerischen Minergiestandards. Das Gebäude erhielt mehrere Auszeichnunge für Nachhaltigkeit, u.a. vom Green Building Council Spanien. So erreicht es zum Beispiel eine 34 % bessere CO2-Bilanz und eine um 66 % verbesserte Recyclingquote als ein gleichwertiges Referenzgebäude nach konventioneller Bauweise. Die Werte resultieren zum einen aus dem Baumaterial selbst, denn im gemäßigten Mittelmeerklima wirkt Beton als guter, latenter Wärmespeicher. Aber auch die serielle Vorfertigung spart Energie und Material, die mechanische Verbindung der Baumaterialien unterstützt zudem ein besseres Materialrecycling. Dazu hat das Gebäude eine ca. 12 cm dicke EPS-Wärmedämmung, das ist etwa dreimal dicker als der spanische Standard. Weitere passive Maßnahmen wie die Dachbegrünung und ein umlaufender Sonnenschutz helfen, vor allem Wärmelasten zu
reduzieren und Energie zu sparen. Sie sind dabei aber auch ein grünes Gestaltungselement: An den Außenseiten des Komplexes soll ein Stahlnetz als Rankhilfe für Pflanzen dienen. Diese grüne Wand wird Schatten spenden und das Fassadenbild maßgeblich verändern. So wird in einigen Jahren aus der derzeit als monoton empfundenen Reihung der metallverkleideten Mo-dule eine monolithisch wirkende, grüne Fassade. Hofseitig verschatten ca. 1,7 m tiefe Betondecken die gläsernen Stirnseiten der Module und dienen gleichzeitig als Erschließungs- und Kommunikationsfläche.

Die größte Veränderung aber bietet eine Glasüberdachung und eine schattenspendende Begrünung des Innenhofes. Dadurch erhoffen sich die Architekten einen noch
höheren Energiestandard und kalkulieren mit 33,8 kWh/(m²a). Bisher fehlte dem Bauherrn das Geld für die Installation der Hofüber dachung, doch Xavier Ros Majó von H Arquitectes ist zuversichtlich und rechnet mit dem Bau in den nächsten Monaten.


Das soziale Potential

Auch ohne Dach prägt der Innenhof die Wohnqualität. Er dient als erweiterte Gemeinschaftsfläche, als rund 1 000 m² großes, halböffentliches Freiluftwohnzimmer für die Studenten, die
in den Wohnmodulen selbst auf minimalster Fläche leben. Das Prinzip der Hofgemeinschaft findet sich auch in der Architektur der Wohnmodule wieder. Über die hofseitigen Glasfassaden der Module verbinden sich die einzelnen Wohnküchen räumlich mit dem Innenhof, während die Schlafräume privater und ohne Einblick an der äußeren Rankfassade liegen. Viel Raum für Privatheit ist dabei aber nicht vorgesehen. Nur lose eingestellte Schränke sollen die beiden Schlafräume eines Modules voneinander trennen. Türen, Wände und vor allem akustische Barrieren planen die Architekten dort nicht. Einzig die Nasszelle ist ein separater Raum. Wichtig ist die Überdachung des Hofes also auch aus sozialen Gründen, damit das enge Zusammenleben in den Modulen einen Ausgleich im Freiraum findet, unabhängig von Wetter und Jahreszeit.

Es wird noch etwas dauern, bis die Qualitäten des Entwurfes sicht- und messbar sind. Sie hängen maßgeblich an der Grünqualität: Erst müssen die Bäume im Innenhof hoch und die Ranken an der Fassade dicht wachsen. Die Hofüberdachung muss erst installiert und die niedrigen Energiewerte sowie die Wohnqualität gesichert sein. Erst dann kann man die Architektur wirklich auf ihre architektonische, soziale und ökologische Wertigkeit überprüfen. Aber allein die planerische Idee von H Arquitectes und dataAE zeigt, wie das wachsende Bewusstsein für Ökologie und Energie in Spanien die Architektur des Landes verändert und einige neue spanische Bauvorhaben mit grünem Anspruch hervorbringt. Es zeigt aber auch, wie industrielles, serielles Bauen einhergehen kann mit ökologischer Qualität und dass letztere nicht eines üppigen Budgets und neuester Klimatechnik bedarf, sondern auf grundsätzlichen Planungsprinzipien basiert.

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