Frischzellenkur

Sanierung des Hallenbads Leonberg

Aus keiner Epoche stammen so viele Schwimmbäder wie aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Kluge Konzepte für ihre Modernisierung können also Vorbildcharakter haben – wie etwa das behutsame Facelifting des Leonberger Hallenbads durch 4a Architekten.

Ein bisschen Leonberg ist überall. Das städtische Hallenbad zumindest entspricht einem Bautypus, wie er im Deutschland der Boomjahre sehr häufig verwirklicht wurde: Eine Schwimmhalle mit steil aufragendem, asymmetrischen Satteldach, unter dessen First zumeist der Sprungturm Platz fand, wird eingefasst von niedrigen Seitentrakten, die Sauna, Umkleiden, Duschen, Restaurant und Technikräume beherbergen. Solche Anlagen findet man beispielsweise im bayerischen Krumbach oder auch im westfälischen Delbrück. Sie alle sind in die Jahre gekommen und wurden kürzlich oder werden gerade saniert.

Die Stadt Leonberg betraute mit dieser Aufgabe ein Planungsteam um das Stuttgarter Büro 4a Architekten. Am charakteristischen äußeren Erscheinungsbild des Bads wollten die Architekten nicht viel ändern, daher präsentiert sich das Gebäude immer noch weitgehend so, wie es der Böblinger Architekt Heinz Ries Anfang der 1970er-Jahre fertiggestellt hatte: als zeittypische Fügung aus rauen Sichtbetonfertigteilen. Die übliche energetische Sanierung der Hüllflächen, die andernorts viel Charme der Ursprungsbauten zerstört, beschränkte sich beim Leonberger Bad auf ein Minimum. Bei Schwimmhallen machen die winterlichen Transmissionswärmeverluste ohnehin nur einen Bruchteil des Energiebedarfs aus, den Löwenanteil verschlingt vielmehr die ganzjährige Temperierung der Wassermassen – in Leonberg wird das tiefe 25 m-Becken auf 27 °C, das flache Lehrschwimmbecken gar auf 30 °C geheizt. Dennoch nutzte man die Modernisierung natürlich, um den Energiebedarf zu senken. Die neue Lüftung arbeitet mit Wärmerückgewinnung, die Gebäudehülle wurde an einigen Stellen von innen gedämmt und ist nun viel luftdichter als zuvor. Um Strom zu sparen, erfolgt die Beleuchtung jetzt größtenteils mit sparsamen LEDs. Einziger von außen sichtbarer Eingriff in den Bestand ist der Austausch der Fenster, die durch eine Dreischeiben-Isolierverglasung ersetzt wurden. Die dominanten Giebelfronten der Schwimmhalle zeigen nun größere Scheibenformate und wirken dadurch noch transparenter. Eine Herausforderung war dabei der dampfdichte Anschluss der Glasfassade. Hier mussten die Architekten mit den Bauphysikern aus dem Büro Kurz und Fischer zahlreiche Sonderlösungen entwickeln. Statt wie üblich erst etwas zu entwerfen und es dann vom Fachmann durchrechnen zu lassen, saß man zusammen am Tisch und skizzierte gemeinsam die Detaillösungen.

Neues Interieur

Angesichts des weitgehend unveränderten Äußeren verblüffen sämtliche Innenräume mit ihrer sehr frischen, modernen Atmosphäre. Das Foyer wirkt deutlich großzügiger und heller als früher. Die Architekten haben Drehkreuze und Schließfächer weiter nach hinten versetzt, mit einer Glasfaltwand zum Bistrobereich den Raum geweitet und mit einer Vollverglasung zwischen Bistro und Schwimmhalle neue Durchblicke ermöglicht. Die Betonkassettendecke des Entrees scheint jetzt weniger nach unten zu drücken, weil die Innenseiten der Kassetten einen hellen Anstrich tragen oder mit vollflächigen Leuchten bestückt sind, die eigens für dieses Projekt angefertigt wurden. Lediglich die Unterseiten der Betonrippen zeigen als Reminiszenz an die Ursprungsarchitektur noch die originale brettgeschalte Sichtbetonfläche.

Auch die Umkleiden präsentieren sich neu. Hier wuchs der Raum nicht nur optisch, sondern tatsächlich einige Zentimeter in die Höhe. Möglich wurde dies unter anderem durch den Komplettaustausch der Haustechnik. Eigentlich sollte man erwarten, dass der Raum eher schrumpft, wenn Lüftungsleitungen heute doppelt so große Querschnitte erfordern wie zur Erbauungszeit des Bads. Doch mit den HLSB-Planern des Büros LP Beratende Ingenieure ­kamen die Architekten auf die Idee, einen Großteil der Lüftungsrohre in den Keller zu verbannen und über Deckendurchbrüche ins Erdgeschoss wieder zu den Umkleiden zu führen. Das wiederum brachte die Tragwerksplaner von Weischede, Herrmann und Partner ins Schwitzen, da man die Decke nicht beliebig perforieren kann. Also tüftelte man so lange, bis ein gangbarer Weg gefunden war. Dass sich einige der Leitungen nun sogar in den Schrankanlagen zum Wegschließen der Kleidung verbergen, ahnt niemand. Doch auf diese Weise ließ sich der aufgeräumte Raumeindruck mit der großzügigeren neuen Höhe erzielen.

Intervention mit Augenmaß

In der Badehalle wurden die Becken und Umgänge im Bestand belassen. Auffälligste Neuerung ist hier die Decke: Die ehemals dunkelbraunen Holzbinder haben einen weißen Anstrich erhalten und statt einer Nadelholzschalung bekleiden nun Holzwolle-Leichtbauplatten die Innenseite des prägnanten Daches. Sie sind in freundlichen Grün-, Gelb, und Blautönen gefasst, Scheinwerfer strahlen sie effektvoll von unten an. Eine Besonderheit ist das große Kunstwerk, eine wellenförmigeLeuchtenkonstruktion, die zwischen den beiden großen Becken frei im Raum hängt. Der Künstler Hans Nagel hatte sie seinerzeit entworfen, aus verzinktem Eisenblech anfertigen lassen und mit einem dunkelroten Anstrich bedacht. Dieser Ton wollte nun so gar nicht mehr ins neue Farbkonzept der Halle passen. Was tun? Glücklicherweise fand sich in den alten Bauakten ein Vermerk Nagels, der sich außer Rot auch Orange oder Weiß als Farbe für sein Werk vorstellen konnte. So beschlossen die Architekten gemeinsam mit dem Bauherrn, die Welle weiß zu lackieren. Das empfindliche Objekt wurde von der Decke abgelassen und während der gesamten Bauphase mit einem Holzverschlag geschützt, bevor es wieder in seine ursprüngliche Höhe gezogen wurde.

Die intensivste räumliche Überarbeitung hat der Saunabereich erfahren. Er war etwas beengt um ein Atrium herum organisiert. Um mehr Platz zu gewinnen, wurde es mit einem Glasdach geschlossen. Darunter befindet sich der neue, erweiterte Ruhebereich – wer im Liegestuhl entspannt, kann in den Himmel schauen. Der Bereich ist offen und übersichtlich gestaltet. Cremefarbene Fliesen geben ihm einen hellen Charakter, kontrastiert lediglich durch eine Wärmebank mit tiefroten und das Abkühlbecken mit blau-schwarzen Mosaikfliesen.

Ein neuer sichtgeschützter Hof wurde an der Nordwestecke des Gebäudes geschaffen. Dort liegen das beheizte Außenbecken und zwei der vier unterschiedlichen Saunen. Eine ist wie ein Baumhaus aufgeständert und sitzt auf der Hofmauer. Ihr spitzwinkliges Volumen korrespondiert mit der signifikanten Dachform der Schwimmhalle. Aus dem Innern der Baumhaussauna können die Gäste durch ein Guckfenster das Geschehen auf der Straße beobachten, während sie selbst dank spiegelnder Verglasung neugierigen Blicken von außen entzogen sind. Das hat durchaus seinen Reiz, allerdings stellt sich die Frage, ob die Aussicht über die stark befahrene Eltinger Straße unbedingt die Entspannung fördert.

Dieser ergänzte Baukörper ist jedenfalls das einzige Element, mit dem sich die Runderneuerung des Bads in dessen äußerer Erscheinung deutlich bemerkbar macht. Wer ein Faible für die Architektur der 1970er-Jahre hat, wird sich freuen, dass bei dieser Sanierung der ursprüngliche Charakter des Gebäudes im Wesentlichen bewahrt und das Schwimmbad dennoch fit für die Zukunft gemacht wurde. Christian Schönwetter, Stuttgart

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