Erfolgreich bescheiden

Ackermann & Raff, Tübingen/Stuttgart

Was „architekten-resistenter Städtebau“ ist, haben Gerd Ackermann und Hellmut Raff erst lernen müssen. Doch das taten sie äußerst erfolgreich. Ihre vielfach ausgezeichneten und publizierten Arbeiten haben demzufolge auch einen ganzen eigenen Charme.

Die Bilanz des Jahres 2009 liest sich beein­druckend: 1. Preis für den Entwurf einer Wohn­bebauung im Böblinger Flugfeld-Quartier; 1. Rang für den Plan eines neuen Gymnasiums im neuen Frankfurter Stadtteil Riedberg. Auch in Neckartailfingen wurde der Vorschlag von Ackermann & Raff für einen Neubau der Fest­halle von der Jury zur Realisierung empfohlen. In Bad Cannstatt lag ihre Arbeit zur Neubebauung eines 1,6 Hektar großen Areals der ehemaligen Bettfedernfabrik vor der aller anderen Teilnehmer. In Weil der Stadt, nicht zu verwechseln mit Weil am Rhein, wo ein Entwicklungskonzept für die Altstadt gefragt war, gelang dies ebenfalls. Fünfmal konnte das Büro Ackermann & Raff im vergangenen Jahr einen Wettbewerb gewinnen, dazu einen dritten Preis, einen Ankauf und eine Anerkennung. Hellmut Raff begründet diesen Erfolg mit Wettbewerbserfahrung, mit Darstellungskompetenz und damit, dass sich das Büro jetzt diesen Konkurrenzen mehr Zeit widmet als in der Vergangenheit.

Wahrscheinlich ist das aber nicht alles. Denn Gerd Ackermann und Hellmut Raff haben seit der Gründung ihres Büros im Jahre 1985 immer wieder höchst erfolgreich an Wettbewerben teilgenommen. Vierzig erste Preise, fünfzehn zweite, zehn dritte und so weiter und so fort. Dass nicht immer, wenn sie die Nase vorn hatten, auch gebaut wurde, gehört zur zitierten „Wettbewerbserfahrung“. Doch es entspricht ihrem sehr pragmatischen, sehr nüchtern, deswegen aber ganz und gar nicht leidenschaftslosen Ansatz, sich davon nicht besonders beeindrucken zu lassen - auch wenn sie manchen Erfolgen, aus denen im Anschluss dann doch nichts geworden ist, nach Jahren noch nachtrauern. Dass bei Hellmut Raff kein Anklang des Stolzes mitschwingt, wenn er von diesen Erfolgen erzählt, ist freilich eher ungewöhnlich für die bekanntermaßen nicht ganz uneitle Branche. Und doch für ihn und seinen Partner sehr typisch. Gerd Ackermann, Hellmut Raff und ihre rund 15 Mitarbeiter in Tübingen und seit 2006 in Stutt­gart machen nicht gerne viel Aufhebens um sich. Dass sie keine „Verfasser-Architektur“ machen, ist bei Gesprächen mit ihnen eine häufig gebrauchte Vokabel - auch wenn nicht selten ein leises Lächeln diese begleitet.

Betrachtet man ihr Œuvre, ist ein stringen­ter formaler Wille erkennbar. Ob die mächtige Dachstruktur mit sehr markanten Rauten wie bei besagter Festhalle in Neckartailfingen, ob eine Hülle aus Cortenstahl mit gelaserten Ornamenten zum Durchblicken wie bei einer Produktionshalle eines Luftfilter-Herstellers bei Dettenhausen, ob das von der Postmoderne beeinflusste Erstlingswerk - das „Kinderhaus Alte Mühle“ in Tübingen-Derendingen -, ob die zahlreichen Hallen und Wohnbauten, stets verbindet sich mit einem Projekt aus den Federn von Ackermann und Raff eine kraftvolle Setzung und ein präzise definierter Baukörper. Allerdings von Objektfixiertheit, von der berufstypischen Selbstreferentialität, vom Spreizen und Blenden - auch dies keine Unbekannten in der Szene - ist den Entwürfen des Büros sehr wenig oder gar nichts anzusehen. Wenn sie, um Gerd Ackermann zu zitieren, etwas „aufdrehen“, so ist das aus der Funktion oder aus dem Ort begründet. Die erwähnte Werkhalle in Dettenhausen liegt am Rande eines Naturschutzareals, das ein beliebtes wie viel besuchtes Erholungsgebiet in der Stuttgarter Umgebung ist. Außerdem erinnert der Cortenstahl an die Anfänge des Betriebes, der in der 1920er Jahren Kleineisenteile für die Bauindustrie fertigte. Das ornamentale Dach der Halle in Neckartailfingen stellt eine Referenz an die Baumallee entlang der Neckartalaue dar. Der streng geometrische Baukörper mit massivem Sockel, fachwerkähnlichem Obergeschoss und steil geneigtem Dach an der Alten Mühle in Tübingen bezieht sich gleichsam selbstverständlich auf die noch intakte dörfliche Struktur des Stadtteils Derendingen.

Doch vor allem ist es die Kunst des Städtebaus, das Eingehen auf den Kontext, die Suche nach Beziehungen zum Umfeld, die die Entwürfe des Büros auszeichnet und zwischen anderen hervorhebt. Gerd Ackermann und Hellmut Raff studierten an der Uni Stuttgart zu der Zeit, als Rob Krier dort als Assistent wirkte. Und ein Manifest namens „Stadtraum in Theorie und Praxis“ vorlegte, das alle Krisensymptome des Nachkriegsstädtebaus aufzeigte und zugleich Lösungsstrategien zum Umbau der Innenstadt der schwäbischen Landeshauptstadt erarbeitete - etwa wohl definierte Platzfolgen an Stelle offener Stadtbrachen und unüberwindlicher Ausfallsstraßen, um die Stadt Passanten und Flaneuren zurückzugeben. Was Krier auf theoretischer Ebene für die beiden bedeutete, war in der Praxis Andreas Feldtkeller, der damals die Leitung des Tübinger Stadtsanierungsamtes innehatte. Feldtkeller propagierte für die Tübinger Südstadt den „architekten-resistenten Städtebau“, was Ackermann, wie er freimütig einräumt, anfangs nicht verstanden hatte. Als Architekt müsse man erst mal begreifen, dass nicht das individuelle Gebäude die Stadt ausmacht. Inzwischen ist Ackermann Feldtkeller dankbar. „Das eigentliche Können des Architekten besteht darin, nur das zu geben, was angemessen ist und den Stadtraum stärkt“. Das heißt fürs Büro: „Für uns hat der Stadtraum die gleiche Wertigkeit wie das architektonische Objekt.“ Er verweist auf Tessenow, der den gemeinsamen Außenraum als großes Wohnzimmer unter freiem Himmel geplant hatte. Knotenpunkte in einem Netzwerk von Wegen, an denen sich ein Wir-Gefühl der Bürger ausdrücken kann, müsse man mit geeigneten Gebäudetypologien architektonisch und städtebaulich ausformulieren. An Stelle der wichtigen öffentlichen und kirchlichen Bauten, die traditionellerweise an den Plätzen stehen, treten heute Pflegeheime oder Kindergärten. Ein großzügiger Umgang mit öffentlichen Plätzen an den Schnittstellen der Wege bedeute natürlich weniger verwertbares Bauland. Folglich müsse an diesen Schnittstellen entsprechend höher gebaut werden, damit sich dieser Verlust ausgleicht. Für die Wege entwickeln Ackermann und Raff stets genaue Ordnungsmuster. Sie geben für Sammelstraßen und Wohnwege, Rad- und Fußwege sowie Quartiersplätze stets präzise Spielregeln vor, wobei die privaten Parzellen weniger festgelegt sind, um eine gewisse Offenheit zu erreichen.

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt beispielsweise ihr mit einem 1. Preis gekrönter, aus dem Jahre 2005 stammender Entwurf für Neufahrn-Ost, einer reich gewordenen Gemeinde im Norden Münchens, die durch ihre Nähe zum Flughafen starke Impulse hinsichtlich der Stadtentwickelung erfährt:

U-förmige Baustrukturen umgeben schützend das neue Quartier mit einer Gesamtgröße von 17,5 Hektar. Verschiedenen Wohntypologien mit insgesamt 650 Wohneinheiten diversifizieren das Wohnungsangebot für unterschiedliche Milieus. An den Knotenpunkten entstehen Plätze, die durch besonders hochwertige, unterschiedlich gestaltete Gebäude markiert werden, während eine großzügige Landschaftsspange das Areal mit Einrichtungen der Naherholung verknüpft. Seltsam war, dass das Preisgericht die zentrale Lage der neu zu entstehenden Kinder­tagesstätte kritisierte. Doch in ihrem Bekenntnis zur Multifunktionalität knüpfen Ackermann und Raff an die Tradition der europäischen Stadt und sie gehen noch weiter: Ihr Ausgangspunkt ist die bereits von den Römern geprägte Kulturlandschaft um Tübingen. „Das Grundgerüst der Kulturlandschaft“, erläutert Raff, „ist ein Netz von Wegen, das sich über viele Jahrhunderte durch menschliches Handeln entwickelt hat und das vielfältig beeinflusst wird – etwa durch die lokale Topographie, durch das Organisieren der Landwirtschaft sowie den Formen des Austausches und der Technik“. Entscheidend seien nun die Flächen zwischen den Wegen. Sie werden als Energiefelder aufgefasst – in der Landwirtschaft wird auf diesen Feldern Sonnenenergie gespeichert und in Pflanzenwachstum umgewandelt. Je größer die Mischung und die Vielfalt der Arten sind, je komplexer und dichter werden die Muster an Beziehungen zwischen ihnen. Das System wird weniger anfällig, wenn eine Störung auftritt, und darüber hinaus dynamischer in seiner Entwicklung, weil Synergieeffekte einzelne Arten gegenseitig unterstützen. Analog entwickeln sich auch Stadtstrukturen zwischen Straßennetz und Baufeldern. So geht es bei der städtebaulichen Arbeit des Büros um das Organisieren von Prozessen, um die Optimierung von Stoffwechsel- und Energiekreisläufen. Die Planungen sind nicht statisch, Gebäude oder ein Stadtteil sind nicht autonomes oder isoliertes Objekt im Raum. Ziel ist, vielfältige Beziehungen im Stadtgewebe aufzubauen. Wobei das Neue mit dem Vorhandenen zu komplexen Mustern verwoben und verflochten wird.

Dies zeigt sich auch beim Terrot-Quartier, einem ehemaligen Gewerbe-Areal in Stuttgart Bad Cannstatt, in dem nun - den städtebaulichen Realisierungswettbewerb im Jahre 2007 gewann einmal mehr das Büro Ackermann & Raff – ein innerstädtisches Wohnquartier für Jung und Alt entstehen soll. Die alte Fabrik, ein schönes Stück Industriearchitektur, wird für eine integrierte Tagesbetreuung für Kinder, betreute Behindertenwohnungen für Senioren, Wohngemeinschaften und Gewerbeflächen umgenutzt. Sie wird also Herz eines Mehrgenerationenzentrums, wobei der Garten des Pflegeheims und der Freibereich der Kindertagesstätte über eine Pergola verbunden sind. Der Respekt vor der Geschichte zeigt sich im Städtebau, aber auch am einzelnen Objekt. Etwa bei der „Dr. Oetker Welt“ in Bielefeld, wo aus „Bauen im Bestand“ ein „Bauen mit dem Bestand“ wurde. Der mit Stilmitteln der Renaissance ornamentierte, U-förmige Backsteinbau, einst die größte Puddingpulverfabrik der Welt, sollte zu einem Kommunikations- und Informationszentrum umgebaut werden. Wichtig für Ackermann & Raff war dabei, nicht die traditionellen Strukturen zu zerstören, sondern sie verantwortungsvoll in die Gegenwart zu transponieren. Die Bereiche des Konzerns, die sich mit Kommunikation beschäftigen, wurden in dem neuen Zentrum untergebracht.Vor den langen, vielfach umgebauten Schenkel des Us stellten die Architekten eine Glashalle mit vertikaler Erschließung mit der Konsequenz, dass sich die Besucher frei im Gebäude bewegen können, ohne interne Bereiche wie die altehrwürdige Versuchsküche oder die Konferenzräume zu betreten.

Der bürointerne Titel für den Umbau lautete: „Heimat für Dr. Oetker, ein weltweit agierendes, hoch modernes Traditionsunternehmen.“ Aus diesem Titel spricht – wie bei vielen Projekten von Ackermann & Raff – eine besondere Empathie für die Bedürfnisse, für die Vergangenheit und für die Möglichkeiten des Bauherrn, der Nutzer, der Bewohner. Auch für die finanziellen Möglichkeiten. Dass sie aus einem für Sparsamkeit bekannten Bundesland kommen, sagt Gerd Ackermann, hätte ihm oft einen gewissen Heimvorteil beschert. Sie wüssten, wie man einfach baut – und fühlten sich wohl darin. Das können sie auch den Bauherrn vermitteln. Preiswerte Materialien, vorgefertigte Bauteile, diese aber akkurat gefügt, sowie subtile Farbkonzepte finden bei eine Reihe von Planungen des Büros reiche Anwendung. Die farbigen Wand- und Bodenflächen in der Mensa und der Mediathek in Balingen wirken geradezu wie eine zeitgenössische Interpretation von Bruno Tauts Motto „Farbe ist der Marmor des kleinen Mannes“. Von außen scheint der erdfarben verputzte Bau zurückhaltend streng, innen präsentiert er sich als buntes Schatzkästchen mit grünen Ruheinseln – an den Wänden kam kunstrasenähnlicher Teppich zur Verwendung - und gelb-gold gestrichenen Treppenhäusern. Ausgehend von der japanischen Tradition, einfache Dinge wie zum Beispiel die berühmten Lackschalen mit den Farben rot und schwarz zu nobilitieren, entwickelt das Büro mit dem Farbberater Manfred Hülsewig Konzepte, die in der Lage sind, selbst in Zwitterbauten wie Mehrzweckhallen jeweils nutzungsspezifische Atmosphären zu schaffen. So sind etwa die Prallflächen der Mehrzweckhalle in Rottenburg-Hailfingen in rot, Teile der Wände aber in Anthrazit gestrichen. Das Rot steht dabei für Festlichkeit und harmoniert mit den komplementären Grüntönen der Landschaft. Wenn dann die Halle bei einem Konzert bestuhlt wird - die Bestuhlung deckt die Bodenmarkierungen für die verschieden­en Sportarten zu – bekommt sie einen ganz festlichen Klang. Die Halle spricht für das gesamte Œuvre des Büros: präzise im Detail, unprätentiös, formaler Wille dort, wo ihn die Bauaufgabe verlangt und stets eine Beziehung zum Umfeld. Eine Erfolgsgeschichte seit 25 Jahren. Enrico Santifaller, Frankfurt