Eine Außenhaut aus Schmorbrandziegel

Kirche St. Marien, Wangerland-Schillig

Unmittelbar an der Nordsee, in Horumersiel-Schillig, hat die katholische Kirche ein Gotteshaus errichtet.Seine Außenhaut besteht aus ungeahnt lebendig wirkenden Schmorbrandziegeln, sein Inneres ist geprägt von einer beeindruckenden Inszenierung des Tageslichtes.

Weshalb baut die katholische Kirche in einer Zeit zunehmender Kirchenentwidmungen ein Gotteshaus? Und das ausgerechnet in die so genannte Diaspora, also dorthin, wo die Bevölkerung überwiegend evangelisch ist. Das kleine Küstenörtchen Schillig besitzt einen der größten Campingplätze Deutschlands, auch gilt der Weg hierher als einer der schnellsten, um vom Ruhrgebiet ans Meer zu gelangen. Das Ruhrgebiet hingegen ist überwiegend katholisch geprägt, und Seelsorger haben in den letzten Jahren erkannt, dass Menschen gerade in einer Phase der Ruhe und Entspannung – also in ihrem Urlaub – gerne ihren Glauben pflegen, sogar intensivieren wollen. Tatsächlich erfreute sich auch schon der Vorgängerbau, eine wenig attraktive Kirche aus den 1950er-Jahren, ungeahnt hoher Besucherzahlen; so hoch, dass hier ein eigener Gemeindepfarrer ansässig ist.

Zur Mitte des letzten Jahrzehnts wären bei dem turmlosen, eingeschossigen Altbau umfassende Sanierungsarbeiten erforderlich geworden, die den Gedanken nahe legten, diesen durch eine neue, attraktivere Kirche zu ersetzen.

Welle trifft Kreuz

Den entsprechenden, eingeladenen Architekturwettbewerb konnten Königs Architekten aus Köln mit ihrem Entwurfsgedanken gewinnen, einen maritimen Charakter in der Gestalt von Wellen mit einem Kreuz zu verbinden. Der Grundriss der Kirche St.Marien zeigt eine klassische Kreuzform, deren Flügel freilich sehr gestaucht und abgerundet sind. Diese in die Höhe gezogene Form wird durch einen halbrund ausgeführten Querschnitt begrenzt. Ein sattelartiger Körper ist so entstanden mit einem Hochpunkt im Westen, dem darin integrierten Glockenturm, und einem im Osten, dem Chor.

Bewusst wurde dieser Schnitt nur annähernd horizontal ausgeführt: So weist das gläserne Dach, das vage an eine Half-Pipe erinnert, ein Gefälle nach Süden auf, das einerseits seiner Entwässerung dient, gleichzeitig aber auch eine gezielte Störung der Geometrie darstellt, was subtil die Lebendigkeit des Baukörpers erhöht.

Natürliche Lichtinszenierung im Innern

Der Kirchenraum ist geprägt durch seine abgerundeten Wände und die schier zahllos aneinander gereihten Oberlichtbänder in Nord-Süd-Richtung. Diese Tageslichtstreifen weisen ebenfalls wellenförmige Verschlankungen auf, die sich vor allem in einem unregelmäßigen Schattenwurf bemerkbar machen. Des Weiteren setzten die Architekten bewusst unterschiedliche Glastönungen bei den einzelnen Oberlichtelementen ein.

Mittags, wenn die Sonne am höchsten steht, erscheint der gesamte Raum erfüllt von einem farbigen Licht- und Schattenspiel. Dabei verändern sich die leuchtenden Flächen ständig, da sie einerseits auf gekrümmte Wände treffen, andererseits die einstrahlende Sonne durch die gewellten Oberlichtbänder fällt. Tatsächlich verbirgt sich hinter den Leuchtenkörpern aus Polycarbonat nur hinter jedem zweiten Unterzug ein stählerner Horizontalträger des Daches, ihr Hauptzweck ist der irisierende Schattenwurf.

Unbedingt Beachtung finden sollte auch der Tabernakel in einer mit poliertem Messing ausgeschlagenen Wandnische. Der silberne Hostienschrein der Aachener Goldschmiedewerkstatt Schwerdt-Förster ist eines der wenigen Objekte, die vom Vorgängerbau übernommen wurden. Die Nische ist hingegen nur eine scheinbare, tatsächlich handelt es sich um einen horizontal abgewinkelten Lichttrichter, der bei entsprechender Witterung von hinten Sonnenlicht heranführt. Eingefangen wird dies über ein kleines Oberlicht im Flachdach des eingeschossigen, nordöstlichen Kirchenanbaus.

Geschmorte Außenhaut

In den deutschen Küstenregionen herrscht die Ziegelbauweise vor. Es gab im Rahmen der Wettbewerbsauslobung eine Empfehlung, diese Tradition zu kontextualisieren. Gerne nahmen Ilse und Ulrich Königs diese Vorgabe auf, jedoch suchten sie auch nach einem besonderen Material, das die gesellschaftliche Wertstellung eines Sakralbaus betont. Durch eine kompetente Beratung des Kölner Backstein Kontors wurden sie aufmerksam auf die doppelt gebrannten Ziegel eines Krefelder Unternehmes.

Der kleine Familienbetrieb brennt seine Klinker noch in einem traditionellen Ringofen. Dabei sind diese nach einem ersten, regulären Brand immer noch rot, besitzen aber schon eine deutlich lebendigere Textur, als deren industrielle Pendants aus dem Tunnelofen. In einer kleinen Ziegelmanufaktur in Belgien erhielten die Klinker einen zweiten so genannten Reduktions- oder Schmorbrand, durch den die Steine noch weitere Feuchtigkeit verlieren und der verwendete Ton teilweise zu reinem Kohlenstoff zerfällt. Dafür werden die Öfen luftdicht abgeschottet, womit das Feuer zum Brennen den elementaren Sauerstoff des Tones nutzen muss. Chemisch liegt dieser in dessen Ferritanteil vor, der Grund warum Ziegel überhaupt rot sind. Denn Eisenoxid ist nichts anderes als Rost. Der zweite Brand zerlegt den Ton in seine chemischen Bestandteile, in reinen Kohlenstoff und in Eisen. In der Folge werden die Klinker langsam von außen nach innen schwarz und ihre Oberfläche bekommt eine metallische Verfärbung, sowie durch andere zersetzte Bestandteile diverse Salzver­krustungen und Ausblühungen. Bedingt durch den handwerklichen Charakter der Ringofenproduktion, sind diese Texturen von Stein zu Stein unterschiedlich. Leider verformen sich die Ziegel mitunter auch sehr stark, so dass bis zu 5 % aussortiert werden müssen. Auch sind die fertigen Ziegel zunächst staubig wie Steinkohle-Briketts.

Bauherr trägt die Idee mit

Die Auswahl des Ziegels fand gemeinsam mit der Bauherrnschaft lange vor der Ausführung statt. Dabei fiel die Entscheidung zugunsten des authentisch hergestellten, sehr lebendig erscheinenden Ringbrandklinkers, anstelle eines „oberflächlich“ nachbearbeitenden, industriell hergestellten Klinkers. Erfreulicherweise hatten sowohl Weihbischof Heinrich Timmerevers, als auch die örtliche Gemeinde, keine Bedenken gegenüber dem „schwarzen“ Ziegel. Der Weihbischof des Bistums Münster, als Offizial von Oldenburg für den Kirchenneubau verantwortlich, stellte vielmehr fest, dass er den geschmorten Ziegel für das authentischere Material halte. Und um Authentizität ginge es ihm, nicht nur in Glaubensfragen.

Vor Ort war erforderlich, die mit unterschiedlichen Brandspuren versehenen Steine in der richtigen Mischung zu vermauern. Sie mussten von Hand nachgemischt werden, denn entsprechend ihrer Lage im Ofen hatten die Steine eine ähnliche Oberfläche, weshalb in der späteren Gebäudeansicht „Mauerflecken“ entstanden wären. Ein erstes Vermischen wurde im Werk durchgeführt, jedoch erforderte die „Perfekte Mischung“ ein zweites Sortieren durch die Maurerfirma auf der Baustelle. Dabei nahmen die Arbeiter die Steine abwechselnd von zwei verschiedenen Paletten und sortierten zudem die unbrauchbaren Klinker aus.

Integrales Planen

Von großer Bedeutung für die erfolgreiche Umsetzung des Projektes war auch die Bauleitung, welche die Kölner Architekten aufgrund der großen Entfernung zwischen Köln und Schillig an das Oldenburger Architekturbüro Göken + Henckel abgaben. Diese wussten sich einerseits in die Entwurfsziele des Kölner Büros einzufühlen, aber auch kompetent die Arbeiten zu koordinieren und zu überwachen.

Eine besondere Herausforderung war die Ausführung der durchweg gekrümmten Wandflächen. Die unvermeidlichen Dehnungsfugen wurden aber nicht als senkrechte Zäsuren ausgeführt, die als harte Kanten sichtbar gewesen wären, vielmehr ließen sie die Verblender verzahnte Dehnungsfugen aufmauern. Anspruchsvoll war auch ein versatzfreies Auslaufen der Mauerrundungen an Schnittpunkten mit Stürzen, Vordächern oder ebenen Wandflächen. So gehen die vier Außenrundungen der Kreuzform ebenengleich in den Sockelbau über und schließen bündig mit der Vorderkante des Erdgeschossvordaches ab.

Technisch aufwändig war die Realisation der Turmspitze, die in
ihrem Hochpunkt attikafrei spitz ausläuft. In ihren obersten Metern ist sie daher ein Betonfertigteil, in dessen Außenseite daraus hervorragende Schmorbrandziegel vergossen wurden.

Grundsätzlich sind alle Ziegel zunächst erst mit einem Kernmörtel aufgemauert worden, danach verfugte eine Verblenderkolonne mit einem farblich abgestimmten Sichtmörtel die etwa 2 cm tiefen Fugen. Diesen Mörtel brachten die Handwerker auch zwischen die Steine der Turmspitze ein, weshalb die Betonkonstruktion nicht erkennbar ist.

Periskop

In einem früheren Entwurfsansatz hatte Ulrich Königs die Idee, eine Projektion des unmittelbaren Küstenabschnittes in die Kirche zu holen. Den Planern schwebte eine Lösung in der Art eines U-Boot-Periskops mit zahlreichen Spiegeln und Prismen vor. Diverse Studien versprachen aber nicht den gewünschten Effekt, weshalb man begann, sich dem Thema abstrakt zu nähern. Es führte zu dem sinnfälligen Kunstgriff des farbigen Licht- und Schattenspiels, dem man sich nicht entziehen kann, wenn man in diesem Raum steht.

Auch wenn es sich um einen spirituellen Ort handelt, ist es daher zweifellos kein Wunder, dass diesem Kirchenbau zahlreiche Preise zuerkannt wurden. Wir gratulieren! Robert Mehl, Aachen