Ein nationales Denkmal im Umbruch

Munkegaard-Schule in Gentofte/DK

Der Umbau von Baudenkmälern ist stets eine schwierige Gratwan­de­rung. Dies gilt noch mehr, wenn ein Baudenkmal eines berühmten Architekten zur Disposition steht, das einer ganzen Epoche als Modell diente, wie die Munkegaard-Schule von Arne Jacobsen.

Mit der Munkegaard-Schule in Gentofte nahe Kopenhagen nahm Arne Jacobsen in den Fünfzigern nicht nur den Strukturalismus vorweg. 1948 entworfen und 1957 fertig gestellt war diese Schule eine der ersten Pavillonschulen, die eine neue Schulbauepoche einleiteten. Hier fanden sich keine einschüchternde Schulfronten und Schulkorridore mehr, sondern eine durchlässige Öffnung aller Schul­bereiche hin zur Natur. Viel publiziert und viel besucht stand sie für eine neue Symbiose von Mensch, Natur und Stadt, für eine Schule flacher Hierarchien zwischen Lehrern und Schülern.

Der Umbruch

60 Jahre später befindet sich nun auch in Dänemark das Schulsystem im Umbruch hin zu neuen Lehrformen, welche vor allem die Kreativität und Eigeninitiative der Schülern fördern sollen. Angefacht wird der neue Reformeifer nicht zuletzt von den PISA-Studien, bei denen die stolzen Dänen schmerzhaft zur Kenntnis nehmen mussten, dass sie entgegen ihrer skandinavischen Nachbarn nur Mittelfeldplätze belegten. Doch auch die Tatsache, dass im letzten Jahrzehnt immer mehr Eltern ihre Kinder auf Privatschulen schickten, fordert heute das gemeinschaftsorientierte Schulsystem heraus.

Bereits Ende der Neunziger Jahre reagierte die 70 000 Einwohnergemeinde Gentofte mit einem 260 Millionen Euro teurem „Schulentwicklungs- und Ausbauprogramm“ (SKUP), das zu einem nationalen Pilotprojekt wurde. Durchaus programmatisch entschied man sich für die Erweiterung und den Umbau bestehender Schulen als für Neubauten. Wozu bis 2010 in Gentofte zwölf Schulen, elf Erweiterungen und ein Neubau, den neuen pädagogischen Konzep­ten einer offenen Lernumgebung ohne starre Klassenzimmer angepasst wurden.

Das Baudenkmal von Arne Jacobsen

Jahrzehntelang baulich vernachlässigt, aber 1995 zum Baudenkmal deklariert und von Arne Jacobsen stammend, der in Dänemark fast schon als Nationalheiliger verehrt wird, waren die Spielräume für eine Erweiterung der Munkegaard-Schule denkbar gering. Aufgrund ihrer Bedeutung wählte man auch keinen Architekturwettbewerb, sondern die Direktvergabe. Doch ein erstes, mit dem Umbau und Erweiterung beauftragtes Architekturbüro scheiterte an der Aufgabe, da seine gewählte Strategie auf eine Perforation und damit einer Auflösung von Jacobsens starker Struktur zielte. Die Kopenhagener Architektin Dorte Mandrup, die sich bereits mit vielen Schulen, Kinder- und Jugendzentren als auch in der Auseinandersetzung mit Altbausubstanz versiert bewies, erhielt danach, 2005, den Auftrag eine Lösung für Munkegaard-Schule zu finden.

Indem Dorte Mandrup den Großteil der verlangten neuen Flächen in den Untergrund des Pausenhofs versenkte, wahrte sie die Integrität von Jacobsens bestechend klarer Schulbaustruktur fünf paralleler, süd-nord-orientierter Gangbänder, welche drei querlaufende, eingeschossige Klassentrakte und einen vierten, zweigeschossigen Fachklassenriegel miteinander verknüpfen. Implantation und nicht Überformung war Mandrups Strategie, die das Neubauvolumen reduzierte, das eine Erweiterung der Schule um mehr als ein Viertel der Fläche vorgesehen hatte. So fand Dorte Mandrup in der alten Schulaula eine kaum genutzte Raumreserve, die mittels neuer Implantate zu einem ganztägig genutzten Lern- und Erholungsbereich verwandelt wurde. Die Wegnahme einer Trennwand in der Sporthalle und ihre Öffnung zum Korridor verwandelte wiederum diesen Bereich in einen Raum, der nun von den Schülern auch zum Spielen genutzt werden kann.

Jacobsens Gebäude veränderte sich nur wenig. Neue Wärmeschutzfenster erhielt es und im Inneren wurden die Originalfarben ­recherchiert und restauriert. Substanzieller war die Einfügung von Verbindungstüren in die Zwischenwände von Jacobsens Zweiergruppen von Klassenzimmern, um von Lerngruppen gemeinsam genutzt werden zu können. In Verbindung mit Jacobsens Vorräumen der Klassenzimmer, die er schon in den Fünfzigern als offene Lernbereiche konzipierte, konnte so das Monument Munkegaard-Schule zumindest partiell dem neuen Schulkonzept offener Lernbereiche angenähert werden, das in der Aula und der Erweiterung völlig eingelöst wurde.

Ganztägig geöffnet ist nun die frühere Aula, die den Schülern nun als PUC Pädagogisches Entwicklungscenter (PUC), als Mediathek, offener Erholungs- und Lernbereich dient. Hier implantierte Mandrup Sitz- und Fläzinseln sowie eine hohe stählerne Tribüne mit Stufen und Brüstungen aus transluzentem Polycarbonat, deren tropfenförmige Binnenstruktur das Licht angenehm bricht. Ein spielerisches ­Zitat der Erinnerung an den früheren Theatergebrauch ist die Tribüne, wo sich zuvor Jacobsens Tungen-Stühle nur in der Ebene erstreckten. Die letzten Überbleibsel der eigens für die Munkegaard-Schule entwickelten Kinderstuhlserie finden sich nun am Fuße der Tribüne vor den neuen Computern. Den Raum unter der Tribüne jedoch füllen nun hohe, leicht drehbare Bücherregale aus Holz, die den Kindern ­erlauben den Raum zu verändern. Dabei blieb Jacobsens Raum erstaunlich unberührt erhalten.

Die neu Schulwelt

In eine andere, neue Welt lädt die unterirdische Erweiterung ein, wo Mandrup bewusst den partiellen Ausbruch aus der strengen Orthogonalität wagte. Im Pausen- und Eingangshof empfangen nun Schüler und Besucher vier seltsam kristalline Lichthöfe, deren prismatische Formen und ornamentalen Bodenmuster aus der gewohnten Geometrie ausscheren. Über eine Länge von 70 m implantierte Mandrup unter dem Pausenhof einen überraschend lichten Hallenraum, dessen Höhe von fast vier Metern sich deutlich von Jacobsens niedrigen Erschließungsbereichen unterscheidet. Als offener Lern- und Erholungsbereich konzipiert stellt diese großzügige Halle die Verbindung zu den neuen Fachräumen für Körper und Gesundheit, Natur und Technologie her.

Eher einem Platz als einer Halle gleicht der stützenfreie Raum mit einer Breite von fast 13 m, der über die grazilen Stahl-Glas-Kons­truk­tionen seiner prismatischen Lichthöfe zum Himmel und dem Tageslicht ausgerichtet ist. Nahezu immaterialisiert wirken seine Wand- und Deckenflächen mit ihrem leuchtenden Weiß, die das Auge unwillkürlich auf alles Farbige, auf die bunten Bodenmuster der Höfe, die Sitz- und Fläzinseln sowie die grün lackierten, 25 m langen Schrankfronten der Fachräume lenken. Durch den Kontrast verstärkt sich die Wahrnehmung der Tiefe des Raumes, der in die grüne, artifizielle Land­schaft der Fachräume auszufließen scheint. Denn 3,80 m hohe Ganzglastrennwände und breite Glaspendeltüren lassen die Fachräume visuell bruchlos mit der Halle verschmelzen wie auch sich ihre Nutzung als Experimental- und Kochbereiche problemlos auf die Halle ausdehnen lässt.

Inszeniert sind die Übergänge von der alten Schule zur Erweiterung mit Treppen, die sich zu kleinen Tribünen der Kommunikation verwandeln und der erste dänische Unisex-Toilettentrakt den Zwischenraum zwischen Alt und Neu füllt. Mit einer erstaunlichen Präzision schnitt dort Dorte Mandrup das alte Kellergeschoss auf und führte ein früh­eres, ornamental-vegetabiles Tapetenmuster Jacobsens über Horizon­tale und Vertikale. Fern von gewohnten Schultoilettentristesse grüßt nun eine leuchtend grüne Landschaft mit einem Boden aus Epoxidharz und die Toilettenkabinen, die mit dem Mastertop TC430-Granulat des DAP-Systems von BASF beschichtet wurden.

Zielsicher gewählte Abweichungen, Aufbrüche und Verspieltheiten kennzeichnen so die neue Munkegaard-Schule, deren sensibel wie präzise eingesetzte Implantate nie mit der Struktur Jacobsens in Konflikt geraten, aber bewusst Kontrapunkte zu seiner strengen Serialität setzen. Großzügig und einladend werten Mandrups Ergänzungen die alte Schule auf, wenngleich die Schüler und Lehrer die neuen Möglichkeiten noch entdecken müssen. Denn mit der Erweiterung kam ein neuer Maßstab von offenen, undefinierten Raum in die Schule, der funktional und öffentlich genutzt werden will, wo zuvor eher ein Nebeneinander zurückgezogener Klassenfamilien gepflegt wurde.

Claus Käpplinger, Berlin


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