Zukunftsorientiert Bauen

Klimawandel und Ressourcenknappheit fordern Veränderung

Seit der Entdeckung des Öls und der Industrialisierung, spätestens aber mit der massenhaften Umsetzung der in der Moderne als Verheißung entdeckten Möglichkeiten industrieller Materialien nach dem 2. Weltkrieg, wendet sich das Bauen von lokalen Klimabedingungen und lokaler Bautradition ab. Gebäude wachsen mit Stahl und Beton in die Höhe und werden möglichst allseitig verglast und klimatisiert. Es herrscht die Meinung, dass Technik das Raumklima besser regeln kann als die natürlichen Bedingungen, die das Gebäude umgeben.

Heute werden in Deutschland ca. 50 % der verbrauchten Energie zur Klimatisierung von Gebäuden genutzt. 60 % der verwendeten fossilen Ressourcen werden als Konstruk­tionsmaterialien in Gebäuden verbaut. Der Bausektor ist somit der größte Konsument im fossilen Zeitalter.

Der Klimawandel und die Verknappung der Ressourcen zwingen unsere Gesellschaft, ihr Handeln umgehend zu überdenken und zu verändern. Gleichwohl in unserer konsum- und technikorientierten Gesellschaft der Glaube vorherrscht, mit mehr Effizienz und mehr Technik die Fragen der Zukunft lösen zu können, werden wir wohl andere Qualitäten erkennen und uns von Konsum und Wachstum als Antrieb unserer Gesellschaft lösen müssen. Unser Planet wird weder die Ressourcen für den elektrisch betriebenen Allradwagen noch den täglichen Fleischkonsum für zukünftig 10 Mrd.Menschen bereitstellen können. Es wird also um das „Weniger“ gehen, das mit anderer Qualität das „Mehr“ für unsere Gesellschaft ausmacht.

Denken statt Technik

Nachhaltige Gebäude sind heute oft mit einem Übermaß an Technik ausgestattet um den Energiebedarf zu reduzieren. So wird mehr am Symptom als an der Ursache gearbeitet. Bei zunehmender Technisierung nimmt das Fehlerrisiko durch die Technik und durch das Nutzerverhalten zu. Hoch technisierte Gebäude verbrauchen in der Realität oftmals weit mehr Energie als auf dem Papier geplant. Zudem wird es aufgrund der schwindenden Ressourcen langfristig und global nicht möglich sein, einen Großteil der Gebäude zu technisieren. Der Fokus sollte folglich auf einfache, möglichst wenig technisierte, gut durchdachte Konzepte gelenkt werden.

Der Blick in die Zeit vor dem Öl-Boom zeigt uns – im Ausland und anderen Klimazonen aber auch in unserem Klima – Ansätze zur Reduktion des Energieverbrauches von Gebäuden. Klimaangepasste Gebäudekonzepte werden in unseren Witterungslagen bei heutiger Technik vorrangig anhand der Versorgung mit Tageslicht gestaltet. Angepasste Gebäude weisen einen angemessenen Glasanteil auf, der eine gute Tageslichtversorgung sichert, im Winter passive Energiegewinne generiert im Sommer aber vor Überhitzung schützt.

Klimasteuerung durch Naturbaustoffe

Natürliche Baustoffe wie Lehm und Holz steuern die Raumluftfeuchte und schaffen ein gesundes Innenraumklima. Mit diffusionsoffenen Außenwandkonstruktionen können diese hochgedämmt als Niedrigstenergiehäuser auf Lüftungsanlagen verzichten. Bei ausreichend großem Anteil an sorptionsfähigen, also feuchtesteuernden Oberflächen liegt die Raumluftfeuchte im Winter stabil bei ca. 50 % relativer Luftfeuchte und die Gebäude sind schimmelfrei. Gewinnen diese Gebäude ausreichend Energie über ihre Hülle, können sie auch zu Plusenergiehäusern werden.

Im Sommer sind Naturbauhäuser bei geregelter Nachtauskühlung durch Querlüftung auf natürlichem Wege ca. 8 °C kühler als die Spitze der Außentemperatur, was in unserem Klima einen sehr hohen Komfort für den Nutzer bedeutet. Holz und Lehm nehmen die hohe Luftfeuchte der kühlen Nachtluft auf, verdunsten diese bei steigenden Temperatu­ren wieder und kühlen so die Häuser.

Zukunftsorientierte Wohnhäuser wie die ehemalige Torfremise in Schechen bei Rosenheim haben eine hochdämmende Fassade mit U-Werten < 15 W/m2k. Die Gebäudehülle ist aus Holz und Lehm in diffusionsoffener Bauweise errichtet, also aus Materialien, die das Raumklima steuern und Lüftungsanlagen verzichtbar machen. Wandheizungen ermöglichen ein Niedrigenergieheizungssystem, das regenerativ über Solarkollektoren und Stückholz, in diesem Falle aus dem eigenen Wald, betrieben werden kann. Dieses einfache Bausystem, das von lokalen Zimmerleuten, Maurern und Putzern gebaut werden kann, steht in seiner Materialität in direkter Tradition zum historischen Fachwerkhaus, erfüllt jedoch heutige energetische und Komfort Anforderungen.

Das EU-Forschungsvorhaben H-House (Healthier life with eco-innovative components for housing constructions) untersucht unterschiedliche Materialien in Bezug auf ­ihren Einfluss auf das Innenraumklima.

Holz und Lehm liegen erwartungsgemäß sehr gut, aber auch Stoffe wie Gipsfaserplatten haben ein respektables Potential zur Steuerung des Innenraumklimas und stellen für eine Reihe von Anwendungen eine gute Alternative dar.

Ressource

Lag in den vergangenen Jahren der Fokus auf der Entwicklung energieeffizienter Gebäude, also der Reduktion des Verbrauches im Betrieb, so tritt zunehmend die ganzheitliche Betrachtung von Gebäuden über den gesamten Lebenszyklus in den Vordergrund. Wir kennen die Verknappung von Edelmetallen, aber auch Sand und Wasser werden zunehmend knappe Ressourcen. Ziel künftiger Entwicklungen ist die Wiederverwendung und das Recycling von Materialien, also Stoffe im Nutzungskreislauf zu halten, aber auch der Einsatz von nachwachsenden und erneuerbaren Ressourcen.

Holz kommt im Moment zwar als nachhaltiger Baustoff in Mode, ist aber aufgrund des langjährigen Wachstums und schwindender Anbauflächen ein begrenzter Baustoff. Es wird zukünftig global darum gehen, neue, schnellwachsende, natürliche Ersatzstoffe wie Bambusfasern und -produkte einzusetzen.

Einen Schwerpunkt zukunftsgewandter Entwicklung wird die Wiederverwendbarkeit einzelner Stoffe und somit die Reversibilität von Baukonstruktionen und Baustoffen sein. Ein gutes Beispiel sind historische Holzbaukonstruktionen, die vielfach um- und nachgenutzt bzw. recycelt wurden, da das Aufbereiten des Balkens historisch sehr aufwendig war. In Zukunft wird Rohmaterial teurer werden und der intelligente Einsatz bzw. qualifizierte Handwerklichkeit in den Vordergrund treten.

Die Torfremise in Schechen wurde um 1810 errichtet und mindestens schon zweimal versetzt und umgebaut; was sich an den Zimmermannszeichen und der Lage der Balken im Gebäude ermitteln lies. Durch die Wiedererrichtung am neuen Standort in Schechen, ehemals stand sie in Kolbermoor und musste Supermärkten weichen, wird sie wohl den Sprung über das Zeitalter von Ressourcenkonsum und der Wegwerfkultur geschafft haben. Sie wird so als historisches Gebäude in ihrer Tradition der Umnutzung und Fortschreibung zum Vorbild der ressourcenangepassten Kultur.

In unserem Kontext, vor allem aber global, wird der Einsatz von Naturbaustoffen einen wesentlichen Beitrag zur ressourcenorientierten Gesellschaft leisten. Vorstellbar sind global mehrgeschossige Gebäude, die komplett aus lokalen bzw. regionalen Naturbaustoffen errichtet werden. Oberirdisch ist dies in mehrgeschossigen Holzbauten für Wohn- und Nichtwohnzwecke mehrfach bewiesen. Wesentlich prägen aber Gründungen und Kellergeschosse, die meist aus Stahlbeton errichtet werden, den ökologischen Fußabdruck von Gebäuden. In diesem Bereich ist noch viel Innovation bzw. Forschungstätigkeit gefragt.

Neben den für die Errichtung der Gebäude notwendigen Ressourcen werden wir auch mit der Menge der Nutzflächen effizienter umgehen bzw. dem Flächenkonsum vorbeugen müssen. Effiziente, kompakte Siedlungsstrukturen, die intelligent Wohnen und Arbeiten verbinden, werden in Zukunft Vorteile haben. Zukunftsfähige Gebäudestrukturen werden kompakt und flexibel für Misch­nutzungen und zukünftige Änderungen ihrer Nutzung sein.

Ästhetik, Gestalt

Die Moderne und ihre gestalterische Revolution war ohne die technischen Errungenschaften der Industrialisierung, also ohne Stahl, Zement und Beton, nicht vorstellbar. Diese Vision, die ihre größte Entfaltung im Hochhaus aus Glas und Stahl fand, prägt das Bild unserer Konsumkultur bis heute. Die Architektur wird in unserer Zeit vorrangig als Kunstform begriffen, die weniger die Notwendigkeiten unserer Zeit widerspiegelt.

Die Gestalt und Ästhetik der Architekturen der Zukunft sollte vor allem Angemessenheit und Bescheidenheit reflektieren. Sie wird zudem vom Bezug auf das jeweilige Klima, lokale Ressourcen und lokale Kultur bzw. die sie begründende Gesellschaft geprägt sein. In diesem Sinne wird Architektur wieder stärker lokal in ihrem kulturell gesellschaftlichen Kontext verankert sein und kulturelle Identität bilden können.

Auch in unserem europäischen Kontext werden natürliche Materialien und Produkte aus diesen sowie hybride Materialien und Konstruktionen die Gestalt der Architektur in Zukunft prägen und den Wandel visualisieren können.

Bewertung und Zertifizierung

Der Bewertung und Zertifizierung von Gebäuden nach Systemen wie BNB, DGNB, LEED etc. aber auch Cradle to Cradle und 2000-Watt-Gesellschaft werden aktuell große Beachtung geschenkt. Diese weitgehend privat und am Ende meist wirtschaftlich motivierten Systeme oder Denkmodelle haben jedoch ihre Grenzen.

Sehr effektiv, aber von der Gesellschaft und auch der Mehrzahl der Architekten und Ingenieure kaum bemerkt, wirken Lebenszyklusberechnungen. Sie machen den ökologischen Fußabdruck von Bauprodukten und Gebäuden ganzheitlich transparent und motivieren die Hersteller von Baustoffen und -produkten diese jenseits von direkter, wirtschaftlicher Auswirkung, wie der Einsparung von Energiekosten, zu verbessern. Diese weniger sichtbare Veränderung hat eine breite Wirkung auf die gesamte Bauindustrie.

Die vermeintliche Bewertbarkeit der Nachhaltigkeitssysteme kann aber z. B. in Wettbewerben Innovation bremsen. Wenn alle Projekte die geforderten Grenzwerte einhalten, macht sich wieder konventionelles Denken breit. Wir haben dann den Schnitt der Produktion angehoben, aber der nötigen Innovation und dem Reformwillen nicht ausreichend Raum gegeben. Diese Form von Nachhaltigkeit behindert grundsätzliches Umdenken, Wandel und notwendige Innovationen.

Gesellschaft im Wandel

In der Anpassung auf unsere natürlichen Gegebenheiten wird die gesamte Gesellschaft bzw. werden verschiedene Gesellschaften und Gesellschaftsformen im Dialog miteinander Veränderung herbeiführen. Dieser Prozess wird immer lokal geprägt sein und nach der globalen Konsumgesellschaft westlicher Prägung eher lokal und regional stattfinden.

Der Prozess des Wandels wird nur durch freies Denken und Hinterfragen von Bekanntem und Vertrautem möglich werden. Die Vorboten dazu sind der zunehmende Verlust an Verbindlichkeit von Regelwerken wie DIN-Normen und der Rückzug des Staates aus der gesetzgeberischen Verantwortung.

In der Phase des Wandels benötigen wir Reformwillen und einen offenen Dialog, der keine Besitzstandwahrung kennt. Gleichwohl das Geschäftsmodell mit dem Althergebrachten noch gute Profite abwirft, muss der Reformprozess angestoßen werden. Agile, interdisziplinär agierende Forschungs- und Planungsteams müssen offen neue Möglichkeiten diskutieren und den Wandel denken.

Rund die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in einfachen Hütten aus Naturbaustoffen, versorgt sich vielfach selbst und hat kleine ökologische Fußabdrücke. Auch wenn dies aus unserer Sichtweise ungewöhnlich erscheint, können wir von diesen Menschen sehr viel lernen bzw. mit ihnen und vor allem mit den Menschen an der Schwelle zum Konsum gemeinsam am Wandel arbeiten.

Wenn es zu einem globalen Ausgleich kommen soll, müssen wir reduzieren und Vorbild für Intelligenz und nicht für Technik sein. Das ehemals einfache Bauwesen wurde in den vergangenen Jahrzehnten in eine komplexe Maschinerie verändert. Gebäude sind viel zu individuell, als das sich eine verständliche, standardisierte von dem Menschen zu adaptierende Technologie im großen Maßstab herausbildet, die übergreifend funktioniert. Zunehmende Komplexität und eine Vielzahl an Lösungsmöglichkeiten erhöhen das Fehlerrisiko. In diesem Sinne gilt der Apell der Vereinfachung und Reduktion bei gleichzeitiger Erhöhung der technischen, gestalterischen und handwerklichen Qualität, um uns Menschen angemessene Behausun­gen für die Zukunft zu schaffen.

Es werden weiterhin zukunftsorientierte und entschlossene Bauherren sein, die den Wandel vorantreiben, sich intensiv in ambi­tionierte Projekte persönlich einbringen und Veränderungen anstoßen.

Die Rolle des Architekten ist die des Moderators, der die komplexen Fragestellungen unserer Zeit und eine Vielzahl von Interessen und Beteiligten koordiniert, im Dialog mit ihnen Lösungen entwickelt und in angemessen­er Gestaltung umsetzt. Der Prozess des Wandels und der Veränderung kann viel Freude bereiten und sollte die Gesellschaft als Ganzes erfassen.