Baden im Bach Neue Therme Wien/A

Die Neue Therme Wien ist ein künstliches Bade-, Sauna- und Wellnessbiotop der Superlative mit integriertem Gesundheitszentrum, 26 Becken, 24 Saunen und Dampf­kammern, Bibliothek, Kino, Kaminzimmer und Fitnesscenter. Mit einer poetischen Idee gelang es den 4a Archi­­tekten, viele Funktionen organisch zu strukturieren: Besucher folgen einem imaginären Bachlauf, der durch Themensteine mäandert und sich in den Becken verzweigt.

Die Therme in Oberlaa ist eine Wiener Institution. Bereits im 18. Jahrhundert stieß man dort bei Brunnenbohrungen auf schwefelhaltiges Thermalwasser. 1965 ließ die Stadt Wien in 412,5 m Tiefe eine Schwefelquelle mit dem nötigen Wasserhorizont erbohren. 1968 wurde die „Heilquelle Oberlaa KurbetriebsgesmbH“ gegründet, 1969 nahm man den provisorischen Kurbetrieb auf, feierlich wurden 1974 die Wiener Internationale Gartenschau (WIG) und das Kurzentrum Oberlaa eröffnet. Es liegt am südlichen Rand des 860 000 m² großen Parks und wurde von den WienerInnen vom Start weg gestürmt. 1978 kamen Bäder und Saunen dazu, 1986 folgte das Sportbecken, 1992 die gemischte Sauna, 2001 setzte man die Kinderwelt aufs Dach, 2009 gab es eine zweite Bohrung in 900 m Tiefe.

„Die Nachfrage war ungebrochen und so bauten wir ständig aus“, sagt Raimund Kveton, General Manager der Therme Wien. „Wir aber wollten als Stadttherme ein stärkeres Profil entwickeln. Dazu zählt eine urbane Architektur, die den Ansprüchen vieler Zielgruppen genügt.“ Kinder, Jugendliche, Familien, Mütter in Karenz, Senioren und eine Business-Klientel, die nach der Arbeit abschalten will: Sie alle sollten unter einem Dach ihr spezifisches Wohlfühlambiente vorfinden. „Die Trennung von Bade- und Saunakultur, Action, Fitness, Entspannung und medizinischen Therapien war ein großes Thema,“ so Kveton. „Unter hundert Leuten muss man hier noch entspannen können.“

 

Breit gefächertes Anforderungsprofil

Man entschied sich, dem ständigen Aus-, Zu- und Umbau ein Ende zu setzen: 2005 wurde ein Masterplan entwickelt, auf dessen Basis die VAMED Standortentwicklung und Engineering GmbH einen EU-weiten, geladenen Realisierungswettbewerb für den Neubau der Therme Wien ausschrieb. Das programmatische Anforderungsprofil reichte von diversen Bädern, Saunen, Gastronomie-, Ruhe- und Fitnesszonen bis zum angeschlossenen Gesundheitszentrum. Die einschlägig versierten a4 Architekten aus Stuttgart ließen sich vom Bild eines Bachlaufs leiten, der die einzelnen Themensteine der Bade- und Saunalandschaft umfließt. Sie gewannen ex aequo mit Delugan Meissl Associated Architects. Beide Büros gingen in die Überarbeitung. Das Projekt der 4a Architekten erwies sich als flexibler und hatte bei der Umsetzbarkeit die Nase vorn. „Am 31. Juli war der letzte Badetag im Altbau, am 27. September haben wir die neue Therme eröffnet,“ so Kveton. Bis 9. Januar zählte man 230 000 Gäste.

Die Idee mit dem Wasserlauf ermöglicht sowohl eine klare Orientierung, als auch eine charakteristische Gestaltung der einzelnen Bereiche. Als polygonale, anthrazitgrau verputzte Stahlbetonbaukörper ragen sie wie Bachkiesel aus der Dachlandschaft. Der Weg durch die Anlage verengt sich zwischen den Themensteinen, weitet sich zu den lichten Thermalhallen und strömt an den Durchschwimmkanälen in die Becken im Freien aus. Jeder Themenstein ist von Oberlichtern und Fenstern durchbrochen, die unterschiedliche Ausblicke und Atmosphären bieten.

„Wir haben die Therme Wien um den Bestand herum gebaut: sie bildet einen Bogen um den Badegarten mit der Liegewiese und schließt direkt an den Kurpark an“, sagt Andreas Ditschuneit, Projektleiter der 4a Architekten. Neubau und Abriss verliefen phasenweise synchron, das alte Sportbecken aus Edelstahl wurde in den Bäderbogen integriert. Auch das runde Fitnesscenter blieb als prototypisches Relikt der Postmoderne erhalten. Es bildet gleichsam den Schlussstein, in dem die Vergangenheit auf die Zukunft trifft.

Der Weg aus hellem Feinsteinzeug windet sich etwa 300 m am imaginären Fluss durch die Anlage. In Wasserstreifen mit Steinen, künstlichem Schilf und blau leuchtendem Glas blitzt der Wasserlauf immer wieder auf. Er entspringt der Thermalquelle, die tatsächlich im Norden des Areals liegt. Im Süden zieht die Straßenbahnlinie 67 ihre Schleife: hier schreitet man an Kurkonditorei und Apotheke vorbei auf das Foyer zu. Es liegt zwischen dem anthrazitgrauen „Stein der Schönheit“ und dem Gesundheitszentrum. Mit seinen fünf Geschossen, den springenden Fensterbändern und blau-weißen Alucobond-Streifen bildet es quasi im Westen den urbanen Schutzschild zu Bahntrasse und Stadtautobahn.

Das zweigeschossig verglaste Foyer mit dem weiten Vordach ist die allegorische Flussmündung: hier beginnt der Weg zur Quelle, liegen die Kassen und führt eine Treppe hinunter zu den Garderoben mit den gelborangeroten Türen. Ihre Kapazität ist erschöpft, wenn alle 800 Kästchen und 400 Kabinen vergeben sind: das bedeutet an die 2 000 gleichzeitige Besucher oder bis zu 6 000 Personen an Spitzentagen. Vom Untergeschoss gibt es drei Durchstiche in das Thermenbiotop mit seinen 26 Becken, 24 Saunen und Dampfkammern auf 75 000 m² Gesamtfläche.

 

Vier Jahreszeiten am Fluss

„Es war wichtig, jeden Stein so zu gestalten, dass man sich zurecht finden kann“, sagt Ditschuneit. „Wir haben uns von der Natur inspirieren lassen und die Decken in unterschiedliche Farben getaucht.“ Bilder der vier Jahreszeiten wurden gepixelt und in bunten, schallabsorbierendem, zementgebundenen Holzwerkstoffplatten an die Decken transferiert. Die Dachkonstruktion ist aus Holzleimbindern. „Holz ist für Thermen gut geeignet: es nimmt die Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab. Außerdem lassen sich große Spannweiten bis zu 12 m überbrücken,“ so Ditschuneit. Die Dächer der Hallen sind begrünt, auf den Themensteinen liegt Kies. Das passt zum Park.

Orange, Grün, Rot, Gelb und Zinnober leuchtet die Decke der Thermalhalle 1 und verströmt so milde Herbstimmung. Große Galerien mit Ruheliegen säumen das freigeformte Becken. Es ist – wie alle anderen auch – weiß gekachelt. „Da ist die Wasserfarbe am schönsten“, so Ditschuneit. Die Halle ist nach Osten orientiert und öffnet sich mit einer zweigeschossigen Isolierglasfassade und Durschschwimmkanal nach draußen. Damit sich die Scheiben nicht beschlagen, werden sie mit konditionierter Luft mit 31°C bestrichen.

Unmittelbar dahinter verengt sich der Weg: Im „Stein der Ruhe“ im Osten kann man sich im introvertierten, dunklen Grottenbecken treiben lassen. Gegenüber im Westen sorgt der Erlebnisstein für erhöhte Pulsfrequenz: er ist mit einer Wand aus Sichtbeton gestaltet, aus der in ein, drei und vier Meter Höhe drei Sprungbretter ragen. Sie erinnert an einen Fels, das Becken davor ist vier Meter tief. Die Decke strahlt in kühlen Blautönen, wie quadratisch getrimmte Stalaktiten ragen die Oberlichtschächte aus dem künstlichen Eismeer. Hier gibt es einen Wildwasserkanal und einen „Lazy River“ für die Kleinen. Geschickt sind die Erlebnis- und Reifenrutsche integriert. Eine Wendeltreppe aus Riffelblech führt zum Einstieg in der Sichtbetonwand, die lila Rutschbahnschlaufen sind nach außen verlegt. Dort geben sie der Fassade einen futuristischen Touch, transparente Sichtfenster und Lichtstreifen im dunklen Rohr steigern das Vergnügen. Das Außenbecken ist der Wiese mit dem Wasserspielpark zugeordnet, den man auch von der Terrasse des Restaurants im Blick hat. Es ist mit einer rotgetönten Decke, holzverkleideten Wänden und dem hinterleuchteten Bild einer langen Tafel sehr ruhig gehalten.

Hinter der Thermalhalle 2 beginnt die Saunawelt. Die Damen haben rot hingehauchte Blütenblätter an den Wänden, helles Ahorn und abgehängte Holzdecken, die Freibereiche mit der finnischen Sauna sind vor Herrenblicken sicher. Im Kaminzimmer lodert Feuer und hängt ein Hirschgeweih. Die größte Therme Österreichs hat sogar eine Bibliothek: Die Hauptbücherei spendiert den Lesestoff. Für die Übertragungen von Ski-, Autorennen und Fußballmatches gibt es hier ein eigenes Kino. Isabella Marboe, Wien


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