Badelandschaft im Flussbogen

Freibad „’s Bad“, Waldkirch-Kollnau

Ein neues Bad für zwei alte – so lautete die Devise in der südbadischen Kleinstadt Waldkirch. Das Stuttgarter Büro Kauffmann Theilig & Partner (KTP) modellierte die Topografie am Standort im Stadtteil Kollnau neu und verlieh dem Bad mit besonderen Gestaltungsideen und wertigen Materialien eine individuelle Note.

Seit der Eingemeindung von Kollnau im Jahr 1975 gab es in Waldkirch zwei Freibäder – auf Dauer ein unbezahlbarer Luxus für eine Stadt mit knapp 22 000 Einwohnern. Nach mehrjährigen Diskussionen in Gemeinderat und Bürgerschaft einigte man sich schließlich, auf dem Gelände der aus dem Jahr 1968 stammende Kollnauer An­lage ein neues, gesamtstädtisches Bad zu schaffen. Das 2013 durchgeführte VOF-Verfahren mit fünf Büros konnte KTP für sich entscheiden. Nach 28 Monaten Planungs- und Bauzeit wurde das neue, nunmehr einzige Freibad Waldkirchs zur Saison 2016 eröffnet.

Das Gelände liegt malerisch in einer Schleife des Flüsschens Elz. Ein etwa 2 m hoher Damm dient als Hochwasserschutz nach Osten und Süden, im Norden und Westen grenzen ein Sportplatz und ein Wohnviertel an. Wettbewerbsvorgabe war eine veränderte Erschließung über eine neue Zufahrt von Norden samt PKW- und Fahrradstellplätzen. Außerdem wünschte man sich zusätzliche Liegeflächen innerhalb des bestehenden Areals. „KTP hatte die pfiffige Idee, das Erschließungsgebäude in einem Erdhügel zu verstecken“, berichtet Detlev Kulse vom Waldkircher Stadtbauamt. Auf dem Hügel entstanden 1 300 m² Liegewiese mit Rundumblick in die Landschaft. Vom ehemaligen Eingangsgebäude auf der Westseite blieb nur das Untergeschoss erhalten, über dem – als Raumabschluss sowie Schallschutz zum benachbarten Wohnviertel – eine überdachte „Lounge“ errichtet wurde.

Neue räumliche Fassung mit vielfältigen Angeboten
„Mit der räumlichen Neuordnung sind differenzierte Liegebereiche entstanden“, erklärt die projektverantwortliche Architektin Andrea Litterer. „Auf dem Erschließungshügel ist es etwas ruhiger, auf den neu angelegten Holzdecks am Damm tummeln sich vor allem die Jugendlichen und unter dem Dach des Loungegebäudes kann man im Schatten auf Liegestühlen ruhen.“ Den tiefsten Punkt des Geländes bildet die ursprüngliche Liegewiese mit altem Baumbestand, während andere Bereiche um bis zu 80 cm aufgeschüttet wurden. Diese Maßnahme sollte die Muldenwirkung hinter dem hohen Damm mildern, zudem war so ein stufenloser Anschluss an die durch den Vorgängerbau vorgegebene Fußbodenhöhe des Loungegebäudes möglich.
Auch die Badezonen wurden neu geordnet. Völlig neu angelegt wurde das Nichtschwimmerbecken, das aus drei verbundenen Kreisen besteht und deshalb bereits den Spitznamen „Mickymausbecken“ erhalten hat. Die spezielle Form ergab sich einerseits aus der Lage direkt am Damm und andererseits aus der Anforderung, drei Funktionsbereiche – Landebecken für die Großrutsche, Strömungskanal und Hauptbecken für Schwimmkurse – unterzubringen. Erhalten wurde das bereits früher sanierte, sechseckige Kinderplanschbecken. Von der Lage ebenfalls unverändert blieb das 50 m-Schwimmerbecken, das lediglich eine neue Auskleidung aus Edelstahl erhielt. Das bisher verbundene Sprungbecken setzte man dabei um einige Meter ab. Eine durchgehende Badeplatte verbindet alle Badebereiche miteinander und macht sie barrierefrei zugänglich. „Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass es ein inklusives Schwimmbad wird“, sagt Detlev Kulse vom Stadtbauamt. Dazu gehört auch ein Leitsystem für Sehbehinderte sowie ein inklusiver Kiosk, der bis zur Saison 2017 in einem Bestandsgebäude in der Südwestecke des Geländes eingerichtet werden soll.
Anspruch des KTP-Entwurfs war es, den verschiedenen Funktionsbereichen des Bades eine räumlich wirksame Fassung zu geben. „Der Ort hat so viel Qualität, die wollten wir besser ins Szene setzen“, sagt Andrea Litterer. So steht der natürlichen Begrenzung durch den Elzdamm jetzt eine geschlossene Bebauung aus Erschließungshügel und Lounge gegenüber. Letztere ist eine Stahlkonstruktion mit stehenden Lamellen aus vorvergrauten Fichte-Dreischichtplatten, die ins Erschließungsgebäude übergehen. Die Lamellen grenzen das Bad zum benachbarten Sportgelände ab und bieten zugleich einen Durchblick von der davor angeordneten hölzernen Tribüne. Das Eingangsgebäude erhielt eine Fassade aus Sichtbeton mit geschwungenen Dachkanten in Anlehnung an die Topografie des Geländes. „Da die Decke nicht als Fuge in der Fassade sichtbar sein sollte, mussten wir zuerst die Wandteile herstellen und diese abstützen, während die Decke dazwischen betoniert wurde“, berichtet die Architektin. Als Kontrast zum Sichtbeton erhielten Teilbereiche der Fassade eine Schalung aus Lärchenholz.
Individuelle Lösungen statt Katalogware
Außen wie innen legte Andrea Litterer Wert auf eine klare Linie. „Wir wollten vermeiden, dass die technischen Funktionen das Erscheinungsbild dominieren.“ Wenige, wertige Materialien – Beton, Holz und Edelstahl – prägen das Bild. Wo möglich wurde individuellen Lösungen der Vorzug gegeben: Den dynamisch wirkenden Sprungturm und die formal angepassten Startblöcke am Schwimmerbecken entwarf die Architektin in Sichtbeton. „Ein Hingucker“, sagt Detlev Kulse. Auch die geschwungenen Geländer sind eine Sonderanfertigung. Die Ortbetonflächen der Badeplatte erhielten eine Besenstrichoberfläche, deren Herstellung der Freiraumplaner persönlich überwachte, und im Innern des Erschließungsgebäudes wurde ein fugenloser, auf den Sichtbeton der Wände und Decken farblich abgestimmter Gussasphaltboden verlegt. Die Nassräume sind nicht wie üblich mit Fliesen verkleidet, sondern erhielten eine Beschichtung aus Polyurethan – der Bauherr hatte sich ausdrücklich ein „fliesenloses Bad“ gewünscht. Weitere Details wie vom Schreiner gefertigte hölzerne Kleiderhaken, erhabene Aufschriften und Motivfolien auf Umkleiden und Glasflächen unterstreichen den individuellen Charakter.
Völlig erneuert wurden auch die technischen Anlagen. Zwei getrennte Wasserkreisläufe ermöglichen eine unterschiedliche Temperierung der Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken. Für die Grundbeheizung sorgen 395 m² Solarabsorberfläche auf dem Dach des Loungegebäudes, bei kühlem Wetter wird ein Gas-Brennwertkessel zugeschaltet. Zusätzliche Energie wird über eine Wärmerückgewinnung aus den Stetsabläufen der Becken gewonnen (Stetsablauf ist ein Begriff aus der Schwimmbadtechnik, er bedeutet: Das Wasser aus den Becken wird laufend über Filter gereinigt und den Becken wieder zugeführt. Ein kleiner Teil dieses gereinigten Wassers wird abgezweigt und fließt in den sogenannten Rückspülbehälter. Da dieser Behälter nicht auf einmal, sondern stetig über einen längeren Zeitraum befüllt wird, nennt man dies Stetsablauf. Das im Rückspülbehälter gesammelte Wasser dient dazu, die Filteranlagen alle paar Tage durchzuspülen). Die Umwälz- und Filteranlage ist für 2 500 Badegäste ausgelegt und lässt sich hygieneabhängig steuern. Auch Spitzentage mit 4 000 Besuchern bewältigt die Anlage laut Detlev Kulse problemlos.
Wöchentliche Abstimmung zwischen Bauherr und Planern
Im Planungsverlauf veränderte sich die Form des Erschließungsgebäudes, außerdem kam – infolge der Anforderungen des Lärmschutzgutachtens – das Loungegebäude hinzu. Ansonsten gab es keine größeren Änderungen im Vergleich zum Wettbewerbsentwurf. Die Architektin lobt ausdrücklich die Zusammenarbeit mit dem „kompetenten und kritischen“ Bauherrn, der für ihre Vorschläge stets offen gewesen sei. Im Wochentakt stimmte man sich in Besprechungen vor Ort ab, bei denen auch die jeweils zuständigen Fachplaner anwesend waren. Die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten war für Detlev Kulse auch ein Kriterium für die Auswahl von KTP gewesen: „Bei der Vorstellung hatten wir den Eindruck, die sind ein echtes Team.“
Auch der Waldkircher Gemeinderat war während der gesamten Planungs- und Bauphase über einen Bauausschuss eingebunden – eine Vorgehensweise, die Detlev Kulse auch anderen Kommunen bei Großprojekten empfiehlt: „Wenn wir dann für besondere Lösungen mehr Geld brauchten, war das kein Problem.“ So konnte man sich in vielen Fällen für das bessere Detail oder das hochwertigere Material entscheiden. Rund 10,5 Mio. € wird das Bad nach der Schlussabrechnung gekostet haben. „Dafür haben wir etwas Schönes und Einzigartiges bekommen, das auch von der Bevölkerung gut angenommen wird.“ Reinhard Huschke, Freiburg
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