„270 Park Avenue“: largest all-electric tower

Die Behauptung, man arbeite schon immer nach einer Strategie der Nachhaltigkeit, ist grundsätzlich zu hinterfragen. Gerade in der Bauökonomie ist nachhaltiges Handeln eine schwierige, vielleicht gar widersprüchliche Sache. Denn immer noch verbraucht unser Bauen Ressourcen, immer noch produzieren unser Bauen und der Gebrauch des Gebauten schädliche Gase, verändern Mikroklimata und verhindern Aus- und manchmal den wortwörtlichen Durchblick. Ganz besonders heikel wird der Hinweis, man sei auf Nachhaltigkeit – oder auch wieder mal Ökologisches Bauen – spezialisiert oder versuche sich zumindest im Benchmarken der Arbeit auf irgendwelche Bezugsgrößen, wenn das Büro ein international aufgestelltes ist. Denn solche Büros sind in der Regel größer (>200 Mitarbeiterinnen) und können sich, was beispielsweise die hiesige Diskussion um eine Bauwende angeht, mit derlei Argumentationen in China oder Abu Dhabi kaum durchsetzen.

Dennoch wird man das auf jeder Webseite solcher Büros lesen: „We believe design can be a catalyst for positive environmental change. Our work is an attempt to realise this vision and to produce buildings that are ahead of their time“ (Foster + Partners). Immerhin, man ist ehrlich und spricht von „Versuch“ und „Vision“. Die angepeilten und gerade fertiggestellten Häuser von Foster + Partners zeigen tatsächlich Bauten, die vor Jahrzehnten einmal etwas von Visionen hatten, da aber waren die digitalen Helfer noch nicht einmal 3D-fähig, Frank Gehry hatte noch nicht die Programme der Raumfahrt gehackt und mit Rhino3D/CATIA und Konsorten den Raum zum wunderbaren Explodieren gebracht. Zaha-Hadid-Gestus ist längst Tagesgeschäft für Bauten in Ländern, die für solcherart Architektur noch immer zuviel Geld haben oder die glauben, mit Unikaten Geld machen zu können. Aber zurück zu Foster+Partners, die aktuell mit einer Pressemeldung zu dem im Bau seienden „270 Park Avenue“ an die Öffentlichkeit gehen. Die mitgelieferten Renderings zeigen das Erwartete: mäßige Kühnheit mit altbackenen Fassadendesigns, luxuriöse Innenräume mit geschmackloser Protz-Innenarchitektur. Das alles wäre vorhersehbar und damit zum Löschen fertig gewesen, würde die Pressemeldung nicht mit dem Satz schließen: „Im Rahmen des Projekts wurden außerdem 97 % der Baumaterialien aus dem Abriss recycelt, wiederverwendet oder upgecycelt – was die 75 %-Anforderung des führenden Standards für umweltfreundliches Bauen weit übersteigt.“

Wow. Meine Anfrage in London, wie genau das gemeint sei, blieb bis heute unbeantwortet. Ich vermute also, dass das zuvor hier den Block besetzende und 2021 abgerissene, oder wie man lieber sagt „zurückgebaute“, 52 Geschosse hohe „Union Carbide Building“ nicht das Baumaterial lieferte für den Nachfolger, sondern samt und sonders in den Straßenunterbau verbracht wurde und nicht wie bisher üblich auf eine Deponie. Der schlicht schöne, aber nun abgerissene Skyscraper, der einmal das höchste Haus am Ort war, war ein Entwurf von Pritzker Preisträger Gordon Bunshaft/SOM, fertiggestellt 1960. Der neue Turm von Foster + Partners wird der Hauptsitz von JPMorgan Chase werden, der drittgrößten Bank der Welt. JPMorgen gehörte der Vorgängerbau bereits über den Zukauf des dort ansässigen Manu­facturers Hanover Trusts.

Forster + Partners beschreiben den rund 423 m hohen, 60-geschossigen Turm mit 2,5 Mio. m² „flexibler und kollaborativer Fläche“ für bis zu 14 000 Mitarbeiterinnen als „vollelektrisch“. Was heißt: Das Haus verzichtet auf fossile Energieträger, deckt seinen Energiebedarf mittels eines Wasserkraftwerks des Staates New York. Natürlich wird es – neben dem Betrieb mit CO2-Netto-Null-Emissionen – „modernste Gebäudetechnologie und -systeme nutzen, um sicherzustellen, dass es so effizient wie möglich arbeitet, einschließlich intelligenter Gebäudetechnologie, die Sensoren, KI und maschinelle Lernsysteme nutzt, um den Energiebedarf an äußere (Witterung) und innere Parameter anzupassen“ (Foster + Partners). Man werde den Wasserverbrauch um 40 % reduzieren (bezogen auf welche Referenz?), die Fassade ist dreifachverglast, automatische Sonnenschutzsys-teme sind an HVAC-Systeme (Heating, Ventilation and Air Conditioning) angeschlossen, Außenterrassen mit „natürlichen Grünflächen und Bepflanzungen“ runden das Projekt irgendwie grün ab.

Das alles ziele, so die Architekten, darauf ab, ein Haus in die Welt zu bringen, das „eine zeitlose Ergänzung der Park Avenue“ ist und das in der Lage ist, „die ikonische Architekturgeschichte der Stadt“ zu feiern, ein „kraftvolles neues Symbol für die nächste Generation von Bürotürmen in New York“. Letzteres hatten auch SOM vor Augen mit dem Vorgängerbau. 60 Jahre hat er gehalten, mal schauen, wie lange sein Nachfolger es schafft. Stehen müsste er sicherlich mehr als 100 Jahre, dann wäre die CO2-Bilanz ausgeglichen … annähernd. Aber darum geht es hier ja auch gar nicht, sonst hätte ein Bauherr mit jährlich zweistelligen Milliardengewinnen seinen Besitz nicht als „outdated facility“ abgerissen. Be. K.

www.fosterandpartners.com
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