Rechenzentrum Potsdam: Erhalt ist möglich, Erhalt ist nötig!

Die Ortsgruppe Potsdam von Architects for Future weist die Abrissbegründung der „Sachzwänge" als haltlos zurück

Die neu gegründete Ortsgruppe Potsdam von Architects for Future weist mit mehreren gutachterlichen Stellungnahmen nach, dass der Erhalt des Kunst- und Kreativhaus möglich und geboten ist. Die angeblichen Sachzwänge für einem (Teil)Abriss des Rechenzentrums aufgrund von Eigentumsrecht, Planungsrecht und Brandschutz erweisen sich als nicht belastbar. Es drängt sich laut Architects for Future der Verdacht auf, dass entsprechende Darlegungen des Büros für integrierte städtische Planungen und Projekte der Stadt Potsdam gezielt erfolgt sind, um den politischen Entscheidungsprozess zu beeinflussen, um somit einen sachlich nicht mehr begründeten Abriss gleichwohl durchzusetzen.

Seit vielen Jahren ist der Abriss des ehemaligen Rechenzentrums in der Potsdamer Innenstadt, das seit sechs Jahren erfolgreich als Kunst- und Kreativhaus umgenutzt wird, geplant – und umstritten. In der Kontroverse um das Rechenzentrum kulminieren mehrere die Stadt Potsdam seit 1990 prägende Debatten:

- Sind Bauten aus der DDR bewahrenswerter Teil der Stadtgeschichte oder sollen sie generell aus der (Innen)Stadt verschwinden und Neubauten weichen?

- Soll die Garnisonkirche in ihrer historischen Form wiederaufgebaut werden oder nicht?

- Soll die Potsdamer Innenstadt für Touristen und hochpreisige Neubauresidenzen als preussisches Arkadien „schön“ gemacht werden, oder ist die Stadt offen für eine Vielfalt von Lebensentwürfen, sozialen Milieus und kulturellen Haltungen?

- Ist Abriss und Neubau noch eine im 21. Jahrhundert angemessene Haltung, oder gilt es, mit dem Vorhandenen zu arbeiten und dieses durch Weiterbauen zu entwickeln?

Nach zahlreichen realisierten und geplanten Rekonstruktionen wie dem Potsdamer Stadtschloss, den Palazzi Chiericati, Barberini, Pompei und Giulio Capra, dem Plögerschen Gasthof und Klingnerschen Haus und den vollzogenen und geplanten Abrissen von Haus des Reisen, Haus der Wasserwirtschaft, der Fachhochschule und Wohnbebauung Staudenhof soll Anfang 2024 nun auch das Rechenzentrum weichen. Doch die ursprüngliche Begründung für diese Zerstörung hat sich erübrigt: An sich sollte der Abriss dem Neubau des historischen Kirchenschiffs der Garnisonkirche Platz machen. Doch für diesen gibt es keine Nutzung, keine Planung und keine Finanzierung. Die seit knapp zwei Jahrzehnten gesammelten privaten Spenden reichen bislang nicht einmal aus, die inzwischen entgegen ursprünglicher Versprechen längst überwiegend aus staatlichen Geldern finanzierte Turmrekonstruktion zu komplettieren. Für das Kirchenschiff gibt es weder Aussicht auf eine staatliche noch eine private Finanzierung. Daher ist hierfür auch keine Baufreiheit nötig, und die Stiftung Garnisonkirche hat ohne konkretes Bauvorhaben hierfür gemäß Schenkungsvertrag auch keinen Anspruch auf (Teil) -Abriss.

In dem vergangenes Jahr von der Stadt Potsdam initiierten 4-Phasen-Prozess wird nach neuen und alterativen Ideen an Stelle der Rekonstruktion des Kirchenschiffs gesucht. Für diese ist aber das historische Kirchenschiff nicht mehr der Bezugspunkt, und die eventuelle Realisierung dieser Ideen erfordert damit keinen Rückbau des Rechenzentrums.

Zugleich zeigt sich bei der Realisierung des einst als Ersatzbau gedachten Kreativquartier Potsdam dessen konzeptuelle Schwäche: In der Hand privater Investoren steigen die Kosten für die Nutzer und schwindet die Möglichkeiten von Teilhabe und Selbstbestimmung – eben genau jene Qualitäten, die das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum ausmachen und von seinen Nutzern geschätzt werden. Deswegen setzen sich diese und der Förderverein Für e.V. für den Erhalt des Baus ein.

Je mehr die Argumente für einen Abriss schwinden, werden formale Gründe in den Vordergrund geschoben: Eigentumsrecht, Planungsrecht, Brandschutz. Laut Stadt Potsdam und Stiftung Garnisonkirche Potsdam ist aufgrund angeblicher Sachzwänge ein (Teil)Abriss des Rechenzentrums unvermeidlich. Erst jüngst hat das Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche einen solchen eingefordert. Doch nichts davon ist wahr.

Die neu gegründete Ortsgruppe von Architects for Future hat führende Experten des Baurechts, Brandschutz und des Bauens im Bestand um eine Prüfung der Sachverhalte gebeten. Deren heute vorgelegten gutachterlichen Stellungsnahmen weisen nach, dass planungs- und baurechtlich wie brandschutztechnisch eine Koexistenz von Garnisonkirchturm und vollständig erhaltenem Rechenzentrum möglich ist. Zugleich erweist sich der von manchen angestrebte vermeintliche Mittelweg Teilabriss als Scheinlösung: Deutlich teurer, aufwändiger und risikoreicher als ein vollständiger Erhalt droht er zu einem Abriss auf Raten zu werden, und dies ohne Not. Denn nichts spricht gegen einen Erhalt des Rechenzentrums als Ganzes.

In Hinsicht auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung, auf kulturelle Diversität und Denkmalschutz ist – so Architects for Future - ein Erhalt des Gebäudes geboten. Die Klimakrise ist nur zu bewältigen, wenn im Baubereich statt auf Neubau auf Bestanderhalt und -entwicklung gesetzt wird. Architects for Future legt gegen die Darstellung der Stadt Potsdam zu den angeblichen Sachzwängen für einen Abriss Beschwerde beim zuständigen Dezernenten ein und droht mit einer Fachaufsichtsbeschwerde bei der obersten Bauaufsichtsbehörde beim Brandenburgischen Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung.

Die gutachterlichen Stellungnahmen wurden erstellt von:

Christoph Conrad, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht sowie Verwaltungsrecht. Leinemann& Partner Rechtsanwälte mbB Berlin, einer - u.a. laut Handelsblatt und Wirtschaftswoche – der führenden Kanzleien für Baurecht in Deutschland

Brandschutz: Helmuth Bachmann, Brandassessor und Prüfingenieur für Brandschutz

Baukosten und Nachhaltigkeit: Prof. Eike Roswag-Klinge, Technische Universität Berlin, Fachgebiet Konstruktives Entwerfen und Klimagerechte Architektur / ZRSArchitekten Ingenieure, Berlin


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