Bei Axel Springer wird gearbeitet

Ein später Besuch in dem Neubau von OMA, Rotterdam, für die Axel Springer SE, Berlin

"[...] Darüber hinaus ist das neue Gebäude ein Modernisierungs- und Veränderungstreiber. Die Art, wie dieses Gebäude konzipiert ist im Innenraum, wie hier Arbeit in der digitalen Welt gedacht worden ist, basiert genau auf der Hypothese, dass viel weniger in Büros klassischer Prägung gearbeitet wird." CEO Mathias Döpfner

"Paradoxerweise zeigen die aktuelle Pandemie und die gleichzeitige digitale Beschleunigung die Notwendigkeit von Räumen, die für die Interaktion von Menschen konzipiert sind. In einem typischen Bürogebäude tritt ein Besucher ein und verschwindet dann wieder. Es ist alles andere als klar, was in einem solchen Gebäude geschieht. Im Axel-Springer-Gebäude stehen Menschen und ihre Interaktion im Mittelpunkt. Das neue Verlagshaus ist ein Werkzeug für die Weiterentwicklung eines Unternehmens in ständiger Bewegung. Es bietet seinen Nutzern eine physische Basis – verschiedenste räumliche Gegebenheiten, intim bis monumental – im Gegensatz zur Eintönigkeit des Arbeitens im virtuellen Raum." Rem Koolhaas, Architekt und Gründer OMA, bei der Eröffnungszeremonie (6.10.2020)

Natürlich wird auch bei Springer gearbeitet! Aber anders. Jedenfalls, wenn man die Sicht des CEO, Mathias Döpfner, teilt, der wesentlicher Treiber war, den altehrwürdigen Springerhochhäusern gegenüber einen Neubau gegenüberzustellen. Da die alte Welt mit dem sagenumwobenen Journalistenclub in der oberen Etage, dort ein Gehäuse für das Arbeiten in der digitalen Zukunft.

Die Verlage müssen sich sämtlich neu erfinden, Geschäftsmodelle, die jahrzehntelang einträglich funktioniert haben, greifen nicht mehr. Noch hat niemand eine abschließende und überzeugende Antwort auf die Ansprüche des digitalen Marktes gefunden, verdient wird immer noch im Print ... Es sein denn, das digitale Geschäft - wie bei Springer - ist nicht mehr auf Kontent fokussiert, sondern auf Verkauf und Service.

Rem Koolhaas / OMA haben sich nun der Anforderung seitens Springer auf äußerst kluge Weise gestellt: Sie haben ein Haus entworfen, das - außen betrachtet - "alles andere als klar" ist. Büro? Veranstaltung? Verwaltung? Medienhaus? Kaufhaus? Typologisch bringt der Neubau manches ins Wanken, er will nicht sein, was man ihm zumuten möchte. Auch beim Umwandern des mächtig großen Volumens wird nichts klarer, gold schimmerndes Eloxal, berstenden Glasfronten, versteckte Zugänge, Durchsichtigkeit und Reflektion ...

Mathias Döpfner spricht anlässlich der kleinen Eröffnungsfeier am 6. Oktober 2020 von multifunktionalen Räumen, die maximal flexible Nutzung erlauben. Passt das zum, von ihm ebenfalls konstatierten Spektakulärem, was der Architekt Koolhaas hier bewältigt habe? Und schon gar zum Bild vom "Haus als Kraftwerk der Kreativität"? Wir, die DBZ Redaktion, waren uns lange nicht schlüssig, ob wir diesen Bau in unserem Themenheft "Arbeiten" (DBZ 10 / 2021) besprechen sollten, möglicherweise lag die Zurückhaltung in eben den genannten Dingen: Ungreifbarkeit, Ephemeres, Uneindeutigkeit ... Ist das das neue Arbeiten?

Der Axel-Springer-Neubau steht - zwischen Axel-Springer-, Schützen-, Zimmer- und Jerusalemer Straße - auf dem Grund der ehemaligen Berliner Mauer. Seit dem Frühsommer 2020 ziehen nach und nach Redaktionen, Zentralbereiche und digitale Unternehmen von Axel Springer hier ein, die bis dahin zum Teil an mehreren Standorten in Berlin verteilt waren. Das Haus gehört der Norges Bank Real Estate Management, eine Gesellschaft des norwegischen Staatsfonds The Government Pension Fund Global, die das Grundstück von Springer SE kauften und den Neubau realisierten. Springer ist Hauptmieter. Darunter fallen neben den Zentralbereichen unter anderen die Shopping- und Vergleichsplattform idealo, die Redaktion von WELT Print und WELT Digital, WELT Fernsehen (im Laufe des zweiten Quartals 2021) sowie Media Impact. Das Gebäude bietet Arbeitsmöglichkeiten für rund 3000 MitarbeiterInnen und folgt, so die Konzernkommunikation, "einem progressiven Arbeitsformenkonzept mit Flex-DeskModell". Generalunternehmer war die Ed. Züblin AG. Voraussetzung für die Entscheidung, wer in den Neubau einziehen wird, war ein sogenanntes Flächenkonzept. Dieses beschreibt unter anderem die Flächen und Bedarfe jeder Mietpartei, wie Räume aufgeteilt werden und welche Arbeitsmöglichkeiten sie bieten sollen. Auf dieser Basis wurde vom Vorstand der Axel Springer SE entschieden, wer künftig wo am Standort Berlin arbeiten wird.

Der Axel-Springer-Neubau, so die Kommunikation weiter, soll dabei helfen, "im Unternehmen noch besser zusammenzuarbeiten und zu kommunizieren. Das Zusammenrücken der AxelSpringer-Units im Neubau ermöglicht damit auch eine bessere Vernetzung und einen besseren Wissensaustausch der Bereiche und Marken untereinander." Die einstige Brache, die nun überbaut ist, soll der Entwurf von Rem Koolhaas nun "architektonisch überwinden: Der ehemalige Grenzverlauf, der sich in der Anmutung eines Tals quer durch das Gebäude zieht, wird durch Brücken und Terrassen im Gebäude überspannt."

Ja, das "Tal der Arbeit" bildet sich deutlich ab, sein Volumen ist - von außen nicht zu ahnen - gigantisch, seine Terrassierung beeindruckend, die Möblierung von erstaunlicher Nüchternheit. Sonnenschirme all über all sorgen für gleichmäßig difuses Licht an den Schreibtischen, Pflanzen simulieren Landschaft, Schallabsorber machen die Sprachlandschaft zu einem Grundrauschen, das auch ein plätscherndes Wasser sein könnte, das hier über Jahrtausende das Tal in den Boden fräste. Akustisch ist die Arbeitswelt gelungen, optisch ... Ob das Synergetische, ob der Ausstausch auf direktem Wege, ob das Informelle der informellen Flächen inspirierend wirkt, ob hier innovatisch produktiv gearbeitet werden kann ... Unter den Tischflächen in der Mensa / dem Restaurant ist eine zweite Fläche, hier kann wer muss seine Arbeitsmittel, Devices oder Manuskripte ablegen und lunchen oder weiterarbeiten mit einem Cappuchino, Late macchiato oder Selters, USB- und 220 V-Anschlüsse sind vorhanden, Wlan sowieso.

Wie wollen wir arbeiten? Vielleicht ist das nicht klar, trotz all der altbackenen Desk-Sharing-Installationen im Tal, trotz Vertrauensarbeitszeit und Arbeiten rund um die Uhr. Rem Koolhaas - ich schrieb es schon - hat mit der Medienkaba ein Husarenstück Architektur abgeliefert, ein Kuckucksei für die Medienbranche, die sich neu erfinden muss, aber immer noch nicht weiß wie. "Es ist alles andere als klar, was in einem solchen Gebäude geschieht", ganz genau! Be. K.

MEILENSTEINE DES BAUPROZESSES • 30. Juni bis 5. Oktober 2016: Auf der Baustelle finden bauvorbereitende Arbeiten statt. 3 • 6. Oktober 2016: Offizieller Baustart des Axel-Springer-Neubaus – genau 50 Jahre nach Eröffnung des ersten Verlagshochhauses am Standort Berlin. • Frühjahr 2017: Das Fundament wird gegossen. • 2. Mai 2017: Axel Springer feiert die Grundsteinlegung des Neubaus. • Sommer 2017: Nach Abschluss der Tiefbauarbeiten beginnen die Rohbauarbeiten. • 4. September 2018: Axel Springer feiert das Richtfest des Neubaus – den symbolischen Abschluss der Rohbauarbeiten. • 19. Dezember 2019: Fertigstellung und traditionelle Schlüsselübergabe des neuen Verlagsgebäudes • 26. Februar 2020: Gedenkveranstaltung für ermordete Berliner im Areal des Neubaus mit Verlegung von Stolpersteinen • Seit Frühsommer 2020 (laufend): Sukzessiver Einzug der Mieter • 6. Oktober 2020: Zeremonielle Eröffnungsfeier des Neubaus DER AXEL-SPRINGER-NEUBAU IN ZAHLEN • Durch das 45 Meter hohe, lichtdurchflutete Atrium entstehen auf dem Grund des ehemaligen Grenzverlaufs zwei Gebäudeteile, welche visuell stets miteinander konfrontiert sind. • 9.100 Quadratmeter misst die bebaute Fläche – das entspricht etwa 35 Tennisplätzen. Das gesamte Grundstück ist 10.000 Quadratmeter groß. • 52.204,31 Quadratmeter stehen für Büros, Besprechungsräume und Gemeinschaftsflächen zur Verfügung. • 13 Geschosse besitzt der Axel-Springer-Neubau – zwei Untergeschosse, das Erdgeschoss und zehn Obergeschosse. • Insgesamt circa 120.000 Kubikmeter fasst der Bereich des Atriums im neuen Verlagsgebäude. Das entspricht etwa der 40-fachen Größe des Olympia-Beckens in Rio de Janeiro. • 55 Meter misst die steile Betonrampe an der Westseite des Gebäudes (Jerusalemer Straße). Ihr Neigungswinkel beträgt 18,1 Grad. NACHHALTIGKEIT IM AXEL-SPRINGER-NEUBAU • In 2019 wurde der Axel-Springer-Neubau von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB e.V.) mit dem Gold-Zertifikat für Nachhaltigkeit ausgezeichnet. • Im Gebäude wurden zertifizierte Materialien, lichtemittierende Dioden und Akustikstreifen aus Recyclingglas verwendet. In den Untergeschossen stehen den Nutzern Ladesäulen für Elektromobilität bereit. • Darüber hinaus ist die Lüftungstechnik im Gebäude energieeffizient und entspricht der Ecodesign-Richtlinie 2018. • Mehr als 3.000 Quadratmeter betretbare Grün- anstatt versiegelter Flächen sowie eine sorgfältige Auswahl an Bäumen und Sträucher, die auch als Insektenlebensräume dienen, zeichnen die Dachterrasse aus. 4 • Zudem sind vor Ort Hochbeete für Gemüse und Kräuter vorhanden, die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern selbst gepflegt werden. Dafür engagiert sich vor allem auch das selbstorganisierte „Green Team“, welches seit Mai 2020 Nachhaltigkeitsthemen im Axel-Springer-Kiez vorantreibt und vor Ort gemeinsam mit den Prinzessinnengarten regelmäßig „Urban Gardening Q&As“ organisiert. Microsite Axel-Springer-Neubau Weitere Informationen, Film- und Fotomaterial zum Axel-Springer-Neubau finden Sie unter http://www.axelspringer-neubau.de/. Die Filmdokumentation „DAS FUNDAMENT“ widmet sich der Historie zum Baugrundstück und seiner Umgebung, während „AUFBRUCH“ zeigt, was das neue Haus für Axel Springer leisten soll, welche Chance es bietet, aber auch, wie es das Unternehmen herausfordert, sich intensiv mit der Zukunft des Arbeitens auseinanderzusetzen. Die Dokumentation „DAS NEUE GEBÄUDE“ beleuchtet die Entwicklung von der abstrakten Idee zum konkreten Gebäude sowie die übergreifende Vision des Neubaus als Kommunikationslandschaft im digitalen Zeitalter. Darüber hinaus bietet die Microsite Videorundgänge durch das Gebäude in seinen verschiedenen Bauphasen sowie Interviews mit einziehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. 5 The new Axel Springer building – Factsheet September 2021

Thematisch passende Artikel:

2013-10

Springer will internationale Avantgarde www.axelspringer.de

Axel Springer baut um. Nicht der Axel, der Mathias, der Dr. Döpfner. Trennt sich von traditionellen Druckerzeugnissen, möchte das führende digitale Medienunternehmen sein. Im Print läuft es nicht...

mehr
2021-09

Büroneubau, Berlin

Seit Anfang 2020 ist er die neue berufliche Heimat für rund 3?500 Mitarbeiter der Axel Springer SE: ein beeindruckender Büroneubau in Berlin-Mitte mit einer Gesamtnutzfläche von 52?000 m². Bislang...

mehr
2014-02

Ein Verlag erfindet sich (architektonisch) neu www.axelspringer.de

„Zusammen mit der Transformation der etablierten starken Medienmarken, eigenen Online-Neuentwicklungen und strategisch ausgerichteten Akquisitionen von Web-Unternehmen ist diese Vernetzung einer der...

mehr
2021-11

Was der Sinn und Zweck unserer Arbeit ist

Wie in Zukunft arbeiten! Kein Fragezeichen, ein Rufzeichen steht über dem Neubau der Axel Springer SE im Herzen Berlins. Dort, wo der Gründer der auch Medienkonzern seienden Springer SE das...

mehr
2018-09

Axel Springer Campus. Ein Baustellenbesuch

Irgendwie ziemlich imponierend: Da reist ein Chefredakteur mit kleiner Mannschaft für ein Jahr gleichsam undercover ins kalifornische Silicon Valley, um dort bei den digitalen Nerds der Branche nach...

mehr