Jan Hoet (1936-2014)

Einer der profiliertesten Kuratoren zeitgenössischer Kunst ist tot: Heute kam die Meldung aus Belgien und dem MARTa, Herford, dass Jan Hoet, Gründungsdirektor eben dieses MARTa am heutigen Donnerstag, 27. Februar 2014, „in den frühen Morgenstunden in Gent seiner langjährigen Krankheit“ erlegen sei.

77 Jahre alt ist er geworden der Mann der Kunst, der 1936 in Löwen, Belgien, geboren wurde. Der Kunsthistoriker und Archäologe – Letzteres in einem überaus weit gefassten Sinn – war unter anderem Direktor des neu eröffneten S.M.A.K. (Stedelijk Museum voor Actuele Kunst) in Gent, daneben und eigentlich zeit seines Lebens Kurator internationaler bedeutender Ausstellungen für Gegenwartskunst. Als bewusstseinserweiternd wollte er seine Arbeit verstanden wissen, wie er im Gespräch einmal sagte, damals trafen wir den auch künstlerischen Leiter der documenta IX in Herford, wo er von 2003 bis 2008 das MARTa Herford, ein Museum für zeitgenössische Kunst und Design auf die Füsse stellte. Der Museumsbau stammt von Frank Gehry.

Seine Ausstellungen im MARTa rieben sich stets mit dem Provinziellen, bekamen aber auf überregionaler und internationaler Ebene die besten Kritiken. Die Jahre waren anstrengend für den engagierten Belgier, erste gesundheitliche Einschränkungen gaben mit den Ausschlag, den Vertrag nicht zu verlängern http://www.dbz.de/artikel/dbz_Wehmuetig_in_Herford_Jan_Hoet_verabschiedet_sich_aus_dem_Marta_seine_52148.html

. Zuletzt war Hoet verantwortlich für das Kunstprojekt „Colossal.Kunst-Fakt-Fiktion. Orte künstlerischer Interventionen“, das in vielen Stationen im Osnabrücker Land das Thema der Varus-Schlacht aufgriff. In seine Wahlheimat Gent kehrte er zurück, hier und in seiner Heimatregion Flandern war Hoet Connaiseur, ja Kunstpapst, was im Nachbarland Deutschland nur wenige zu schätzen wussten. Nun ist er endgültig gegangen. Be. K.

Mit Helden eröffnen

"MARTa" hat einen (Über)Vater (in: DBZ 10 2003)

Kennen Sie Herford? Waren Sie schon einmal in der ostwestfälischen Stadt, deren Name einige wohl mit einer Biermarke verbinden, wenige jedoch mit dem Sitz von fünf Regional- und Fachverbänden der Holz- und Möbelindustrie, die immerhin mehr als 500 Unternehmen mit einem Umsatz von rund 6,65 Mrd.EUR und über 35000 Mitarbeitern organisieren? Nicht verwunderlich ist es, dass hier die Idee zur Gründung eines "Hauses des Möbels" in Herford aufkam, mit welchem der damalige Wirtschaftsminister des Landes, Wolfgang Clement, der Provinz eine deutlich bessere Überlebenschance am wackligen Möbelmarkt versprach. Nur, für ein reines Industrieschaufenster allein konnte der smarte Clement keine Fördergelder zusagen, das Projekt bedurfte eines kulturellen Überbaus. Ein Museum sollte es sein, eine Institution, die das Thema Möbel über designerische, künstlerische und weitere kulturelle Transmitter in die Öffentlichkeit und damit unter die Leute, kurz: auf den Markt bringt. Möbel, Kunst, Ambiente: MARTa war (noch gegenstandslos virtuell) geboren.

Nun hätte man einfach ein nettes Museum bauen können wie anderswo vielfach getan, doch die periphere Lage Herfords auf der Wahrnehmungsebene bundesdeutscher Hochkultur verlangte nach einem besonderen Museum; und das hiefte in Noch-Bilbao-Zeiten Frank O. Gehry auf die Bühne. Der Designer städtebaulicher Wunderkerzen konnte gewonnen werden, und er lieferte gewundene Betonblüten hinter sandhellem Klinkerkleid. Und als ob das nicht ausreiche - und es reicht nicht aus, auch wenn O. Gehry sein Projekt, zumindest was Größe und Provinz angeht, mit Corbusiers Ronchamp verglich - engagierte man Jan Hoet als künsterlischen Direktor. Der 67-Jährige, bis Ende September noch Übergangs-Direktor des von ihm erfolgreich geführten "Stedeljik Museum voor actuelle Kunst SMAK" im belgischen Gent, der 1992 als "dokumenta"-Direktor für Furore sorgte, möchte nicht allein seiner Königin regelmäßig zeitgenössische Kunst näher bringen, er möchte es auch bei denen versuchen, die in der Provinz, pardon, in der Peripherie leben.

Doch die Peripheren, die Herforder beispielsweise, fragen sich: "Ist M.art.A nicht eine Nummer zu groß für Herford?" (Web-Gästebuch) und längst schon wurde gerechnet wie in anderen Peripherien auch, in Gütersloh beispielsweise, wo sich Bürger gegen Theaterkultur und für Schulen, Kindergärten und andere essentielle Dinge aussprachen (DBZ 8/2003, S. ("Bürgerpflicht"). Andererseits weiß Jan Hoet auch - und er betont es immer wieder -, dass eine Chance auf Wahrnehmung junger Kunst allein in der unverstopften Peripherie bestehe; und in die kann man diejenigen holen, die vom Gleichklang der großen Zentren die Nase voll haben. Gut für die Provinz.

Zur Zeit stehen die Betonblüten noch roh und unbedacht, man wird sehen, wie die jetzt großartig wirkenden Ausstellungssäle im nächsten Jahr wirken; von innen wie von außen. Von außen werden die Betonskulpturen aus dem Bodenpflaster wachsen: Der sehr helle Klinker soll sich nahtlos vom Bodenbelag über die gekurvten Körper ziehen, eine unglaublich platte Referenz O. Gehrys an Herforder Geschichte (entsprungen einem unausrottbaren Irrtum, in Westfalen habe es niemals Putzbauten gegeben). Das Fassadenmuster neben dem Altbauriegel, vor dessen Front sich die Gehry-Säle in Form bringen, lässt nichts Gutes erwarten. Die Glasfuge zwischen dem ausgebauten Bestand und den zehn Meter und mehr hohen Ausstellungshallen hat eher den Charme eines überdimensionalen Wintergartens denn den eines Entree- und Verbindungsbereichs vor dem eigentichen, reichlich geduckten Museumsfoyer.

Aber wiederum: Nicht die Architektur wird MARTa über die Jahre bringen, es wird an den Kontakten, der Beharrlichkeit und Integrität des Belgiers Jan Hoet liegen. Der hatte sich - Museumsdirektor noch ohne Exponate und mit einem Fünfjahresetat von 2500000 EUR Eon-Sponsorengelder ab 2004 - gleich zu Anfang gegen die Aufnahme einer Expressionistensammlung gewehrt (mancher hätte dafür seine Direktorenseele verkauft); und Begehrlichkeiten der Möbellobbyisten abgewehrt, im Rohbau "Möbelkunst" zu präsentieren. Bis jetzt gab es Videoinstallationen, musikalische Abende, eine für einen Städter kaum nachvollziehbar heftig umstrittene Ausstellung (des norwegischen Künstlers Bjarne Melgaard), Kulturreisen, Baustellenbesichtigungen ... MARTa hat noch einen langen Weg vor sich, zur Zeit fließen die Gelder in Nachträge für den Bau und nicht ins Marketing. Im Februar/März möchte Hoet etwas mit den "Passagen" (einzig lebendiger Möbelmesseort in Köln) auf die Beine stellen, Ende 2004 will er mit seiner kleinen Truppe mit einer großen Ausstellung eröffnen: "My private Heroes" wird die heißen und so etwas wie eine Retrospektive von Hoets kuratorischem Schaffen sein; mögen ihm seine Heroen gnädig sein!  Be. K.

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