The same procedure as every two years?

In Berlin gaben David Chipperfield und Muck Petzet Auskünfte über ihre Biennale-Planungen

Es ist alle zwei Jahre die schöne Gewohnheit im Mai, bei bestem Wetter auf der Terrasse der italienischen Botschaft südlich des Großen Tiergartens die immer selben Medienvertreter zu begrüßen, diesem oder jener zuzuwinken und sich schon mal in schönen wie meist unzutreffenden Vermutungen darüber zu ergehen, wer denn was gleich sagen wird.

Eingeladen haben traditionell der Botschafter der Italienischen Republik, Michele Valensise, und der Präsident der Stiftung la Biennale di Venezia, Paolo Baratta; wobei letzterer in diesem Jahr Glück hatte, beinahe hätte ihn ein Gemüsegroßhändler von Silvio Berlusconis Gnaden ersetzt. Er blieb es also, weil schließlich nicht er, sondern Silvio gehen musste. Damit war dann auch die Zusage David Chipperfields verbindlich geworden, der sein Kommen an das Bleiben von Baratta geknüpft hatte. Kompliziert?

Eingeladen an diesem Tage hatten aber auch - wenn schon mal alle da sind - der Generalkommissar des deutschen Beitrags auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig, Muck Petzet, und das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Nicht in die Botschaft, die ja exterritoriales Gebiet aus Sicht des Ministeriums zumindest ist, sondern in eine Lokalität im näheren Umfeld. Dort wurde, das sei vorweg genommen, dann das nachgeholt, was die Italiener sich - und uns leider auch - vom Munde zur Zeit absparen: ein Arbeitsessen. Nicht mal ein Getränk wurde in der wie immer stilvoll italienischen Botschaftsarchitektur geboten ... seis drum, Italien muss sparen.

In dem mit wild wuchernden Lüstern aus den Kunstwerkstätten Muranos geschmückten Pressesaal hatte David Chipperfield also die Möglichkeit, der deutschen Presse in Berlin - nach Stationen in Rom, London und Paris, es folgen Zürich und New York - seinen Standpunkt, seine Strategie für eine neue Architekturbiennale in Venedig vorzustellen.

Neu sollte sie insofern sein, als Chipperfield, vom Standpunkt des Architekten aus, auf das schauen möchte, was den Kern (Common Ground) der Architektur ausmacht. Er präsentierte das Auswahlverfahren, welches am Ende 58 Büros nach Venedig einlädt, er präsentierte ein paar der beteiligten Büros mit ihren Arbeiten, Skizzen für Venedig. Auf die Frage, wieso nur wieder die üblichen Verdächtigen dabei seien, warum Südamerika fast gar nicht, Afrika kaum, China gar nicht dabei sind, gab es hinreichende aber nicht überzeugende Antworten. Deutsche Beteiligte werden sein der auf der Pressekonferenz schließlich anwesende Hans Kollhoff, die nichtanwesenden Kuehn Malvezzi sowie Hild und K., als Nichtarchitekten der Künstler Thomas Demand, der Bauhausdirektor Philip Oswalt und der Fotograf Thomas Struth.

Natürlich werden dabei sein Valerio Olgiati, SANAA, Herzog & de Meuron, Rem Koolhaas, Zaha Hadid, Norman Foster, Peter Eisenman, Luis Fernandes-Galiano, Anton Garcia-Abril, Alvaro Siza Viera ... und ja, natürlich der Haldensteiner, ohne den auch in Venedig nichts geht. Sie alle sollten uns zeigen, dass sie mehr können, als sich als Einzelkämpfer oder Leuchttürme-Produzenten zu artikulieren und zu präsentieren ... wir dürfen gespannt sein.

Etwas weniger international ging es dann anschließend im Cafe Einstein zu, hier präsentierte der Generalkommissar Muck Petzet den diesjährigen deutschen Biennale-Beitrag. "Reduce/Reuse/Recycle" lautet das Motto für den deutschen Beitrag auf der 13. Architekturbiennale, das klingt deutlicher nach Common Ground als auf italienischem Boden gerade eben. Und Muck Petzet konnte es sich nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass sein Motto eher auf dem Markt gewesen sei, als das von David Chipperfield.

Was genau im Deutschen Pavillon zu sehen sein wird, wurde - wie immer - nicht verraten, das verrät im Übrigen keiner der Biennale-Beteiligten! Immerhin soll die Präsentation, die von dem auf der Preseekonferenz ebenfalls anwesenden Industriedesigner und Ausstellungsmacher Konstantin Grcic verantwortet wird, eine zurückhaltende, den Blick auf Wesentliches lenkende sein. Wesentlich, das werden Fotos der Fotografin Erica Overmeer sein, die von den von Petzet ausgewählten Projekten ihre ganz eigenen Ansichten macht. Ein Panorama dessen, was im Kontext des Weiterbauens, der Bestandsverwertung, der Bestandsneuerfindung möglich ist und was, so der Kurator, nötig sei, wird dem Besucher präsentiert. Offenbar als schiere Augenfreude, denn die Kommentare, die Erläuterungen, die Hintergründe wird man sich im Katalog erlesen müssen. Den es dann zu kaufen gilt ... was nicht jeder macht.

Schwierig das Ganze, ein paar der anwesenden Kollegen reagierten gar mit Vorwürfen und Vorhaltungen, sie bemängelten das nichtvorhandene didaktische Konzept, das Schweigen über die Präsentation, wie sie wirklich sein wird, die Qualtität der Fotografien und nicht zuletzt, das Bild, das über die Projekte und ihre (mögliche) Darstellung von deutschen Zuständen in der Welt verbreitet würde: ein raues, überintellektuelles und eher schmutziges Bild werde das.

Doch wer nichts weiss, der sollte schweigen. Sicher, es wird wie immer keine Revolution stattfinden, aber immerhin könnte der diesjährige Beitrag ein Anfang werden im Umdenken, im Nachdenken über den Bestand und seine Wertschätzung. Wie formulierte es der Generalkommissar: Wir müssen über den Bestand so nachdenken, wie vor Jahrzehnten bereits über den Abfall nachgedacht wurde; nämlich als über eine wertvolle Ressource! Das kann jetzt Sorgen machen (Deutschlandbild) oder auch Hoffnung dahingehend, dass die Chipperfield-Forderung, von der Idee der Einzelleistung, dem genialen Entwurf etc. wegzukommen, im deutschen Pavillon ganz bodenständig und mit Praxisbezug nachgekommen wird. ... Das Arbeitsessen war also vielversprechend, und gemundet hat es auch, dem Bundesministerium sei Dank! Be. K.

Biografie Muck Petzet

Muck Petzet ist Generalkommissar des deutschen Beitrags auf der 13. Architektur-Biennale in Venedig 2012.

Muck Petzet (*1964) studierte von 1983 bis 1991 Philosophie und Architektur an der LMU München, der TU München und der HdK Berlin. Von 1991 bis 1993 war er als Architekt bei Herzog & de Meuron in Basel tätig und gründete 1993 sein eigenes Büro (1993 bis 2003 in Partnerschaft mit J. P. Meier-Scupin, 2000 bis 2001 erweiterte Partnerschaft mit C. Mayr und J. Hehenberger), das er seit 2003 unter dem Namen Muck Petzet Architekten in München führt. Ab 2012 wird das Büro mit Andreas Ferstl als Partner unter dem Namen Muck Petzet und Partner Architekten firmieren.

Neben seiner praktischen Arbeit übernahm Muck Petzet einen Lehrauftrag für Entwurf an der Hochschule Liechtenstein, Vaduz, 2004/2005, war Gastkritiker an der AA London, der ETH Zürich und der TU München und hielt Vorlesungen und Vorträge an zahlreichen Hochschulen. Dabei entwickelte er theoretische Grundlagen für den Umgang mit Bestands-bauten, zur Beziehung von Gebäuden und Landschaft und zum Verhältnis von Gestaltung und Normalität.

In seiner sehr vielfältigen – von hochwertigen Innenausbauten bis zur Konzeption von Konzernzentralen reichenden – Tätigkeit als Architekt und Stadtplaner bilden der Umbau und die Modernisierung von Gebäuden der Nachkriegsmoderne einen Schwerpunkt. Mit der Rehabilitation von Plattenbauten in Leinefelde und Hoyerswerda gewann er zahlreiche nationale und internationale Preise und Anerkennungen, darunter den Nationalen Preis für integrierte Stadtentwicklung und Baukultur 2009, den Best Architects Award 2008, den deutschen Bauherrenpreis Modernisierung 1999, 2002 und 2007, den World Habitat Award 2007 sowie den deutschen und den europäischen Städtebaupreis 2003 und 2004. Seine Arbeiten waren in Ausstellungen in Sankt Petersburg 2009, im Victoria and Albert Museum, London 2005, in der Staatlichen Kunstsammlung Dresden 2005, im Deutschen Architektur-museum, Frankfurt am Main 2004, 2007 und 2008 und auf der Architekturbiennale Venedig.

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