Spätrömische Dekadenz

Der Realisierungswettbewerb zur Neukonzeption des Plenarbereichs des Niedersächsischen Landtages ist entschieden

„Außerdem habe ich den Bau, der den Plenarsaal beherbergt, von außen nie als besonders schön empfunden“, diese Äußerung des Oberbürgermeisters von Hannover, Stephan Weil (SPD) beschreibt die Gefühlswelten derjenigen Entscheider, die zur Zeit unterwegs sind, das gefühlt Häßliche in unseren Städten gegen etwas vage Schönes einzutauschen. Die Architektur der 50er und 60er Jahre, substanziell vernachlässigt und wegen ihrer oft spröden Funktionalität ungeliebt, steht zur Disposition. So wird in vielen deutschen Städten abgewogen, ob es die Stadtkasse günstiger käme, die oft auch unter Denkmalschutz stehenden Bauten im Zuge einer Sanierung den heutigen Ansprüchen anzupassen oder sie durch Neues zu ersetzen.

Doch diese Kostenabwägungen sind – auch schon vor dem Hintergrund meist völlig leerer Kassen – fadenscheiniger Vorwand, den Abriss des Bestandes nicht als emotional motivierten Handstreich gegen das ungeliebte Erbe aussehen zu lassen. Interessanter Weise sind die Antworten auf die Frage, was nach dem Abriss kommen könnte, auch schon mal gegensätzlich: Während in Frankfurt oder Berlin beispielsweise Rekonstruktion der guten alten Zeit, also – vorgehängte – Steinfassaden, kleine Fensterformate und appliziertes Ornament bevorzugt wird, soll beispielsweise in Hannover der Landtagsbau von Dieter Oesterlen durch eine allerdings pseudomoderne Stahl-/Glaskiste ersetzt werden. Und die würde, ohne Mühe als kitschige Interpretation klassischer Tempelbilder anzuschauen, perfekt in eine Zeit passen, welche der noch amtierende Bundesaußenminister in diesen Tagen mit „spätrömische Dekadenz“ kennzeichnete. Wir sind also auf dem Abstieg, was auch den Juroren einleuchtete (Carl Fingerhuth (Vorsitz), Johanne Nalbach, Gernot Schulz, Arno Lederer, Kaspar Kraemer, Zvonko Turkali und Wolfgang Schneider, Präsident der Architektenkammer Niedersachsen).

Gegen das Wettbewerbsergebnis, also konkret gegen den Abriss des Bestandbaus werden voraussichtlich Klagen eingereicht, so beispielsweise von Eva-Maria Oesterlen, der Witwe des 1994 verstorbenen Landtagsarchitekten Oesterlen. Auch wurden Stimmen laut, dass das Jury-Urteil eventuell auf der Grundlage falscher Annahmen getroffen worden war, der – lancierten? - Annahme, dass der denkmalgeschützte Bau nur dann bewahrt werden könne, wenn er zuvor komplett abgerissen würde; womit sein Denkmalstatus nicht mehr vorhanden wäre. Eine Fehleinschätzung, wie jetzt der im Wettbewerb unterlegene Walter Gebhardt, Hamburg, erklärte, nur ein Viertel der Bausubstanz müsse abgerissen werden, um das Denkmal auf die Anforderungen von Transparenz und Großzügigkeit zu trimmen. Das habe ein Tragwerksplaner auch statisch nachgewiesen.

Wie in Hannover – und ob überhaupt – endgültig entschieden wird, das liegt in der Hand der Baukommission, die in etwa vier Wochen tagt. Mit Blick auf die geschätzten 45 Mio. € Neubaukosten werden die Kommissionsmitglieder, wenn sie klug sind, den Neu- oder Umbau ohnehin in bessere Zeiten verschieben. Und die könnten dann angebrochen sein, wenn wir die „spätrömische Dekadenz“ hinter uns gelassen haben, ganz gelassen. Be. K.

Wettbewerbsrangliste Plenarsaal Landtag Hannover

1. Preis: yi architects, Köln

2. Preis: Walter Gebhardt, Hamburg

3. Preis: mm architekten, Hannover

Anerkennung: Meyer-Wolters & Yeger Architekten, Hamburg

Anerkennung: Fritzen + Müller-Giebeler Architekten BDA, Ahlen

Die Ausstellung sämtlicher Arbeiten des Realisierungswettbewerbs zur Neukonzeption des Plenarbereichs des Landtages in der unteren Wandelhalle des Landtages ist ab dem 15. Februar 2010 für die Landtagsabgeordneten geöffnet. Sie ist vom 22. Februar 2010, ab 10.30 Uhr, und anschließend bis zum 7. März 2010 täglich jeweils von 10.00 bis 18.00 Uhr der Öffentlichkeit zugänglich

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