Sehnsucht? Aber bitte!

Der Deutsche Pavillon in Venedig bietet Salonunterhaltung, immerhin

Nicht gerade mit Sehnsucht, so doch mit Spannung hatten viele das erwartet, was auf dieser Architektur-Biennale der deutsche Beitrag nach Venedig bringen würde. „Sehnsucht“ hatten sich die diesjährigen Kuratoren und übriggebliebenen Generalkommissare Cordula Rau und Eberhard Tröger auf die Agenda notiert, von welcher aus ein Statement zur gegenwärtigen Befindlichkeit in der deutschen Architekturdebatte geschrieben, gezeichnet, gebaut werden sollte.

Dass mit dem jungen Team aus München/Zürich/Boston endlich einmal auch Nichtberliner zum Zuge kamen freute und ließ insgeheim hoffen, es werde nicht nur bloß wieder eine Nabelschau, eine unverständliche Geste, ein aufgesetztes Plädoyer für oder wider Architektur und ihre Randerscheinungen (und gerade die wiegen in Venedig immer mehr als alles andere Bauen). Mit Recht wurde im Vorfeld der Ausstellung unter dem Begriff der „Sehnsucht“ gerade die in Deutschland zur Zeit mächtige Rückwärtsbewegung in der Fassaden- und Formengestaltung assoziiert, der Streit um die Rekonstruktion des Berliner Schlosses, die Rekonstruktion des Frankfurter Innenstadtweichbildes in mittelalterlichen Maßstäben und viele andere. Doch diesen schnellen Schlüssen widersprachen die Kuratoren immer wieder und vehement, und bauten in den deutschen Pavillon in einen der Nebenräume ein Stück Decke mit Originallampen des Palastes der Republik ein; und als wäre das noch nicht genug ausbebildert, fassten sie die Lampenlandschaft von spiegelnden Wänden und bauten die Miniatur eines absolutistischen Emblems, einen Spiegelsaal.

Vor diesem der Zentralraum, hier einmal unverstellt, ganz offen, lediglich besesselt und ganz in Rot gewandet, Abbild eines Salons; Artefakt einer Zeit, die manchem Heutigen offenbar Objekt einer Sehnsucht ist: Ort des Austausches zwischen aufgeklärten Bürgern, Ort der gegenseitigen Vergewisserung von Bildungszusammenhängen, Ort des Wartens und Ruhens vor dem vielleicht kommenden Salonbesuch, der heute noch unerreichbar scheint. An den mit rotem Tuch bespannten Wänden hängen rundum 181 Zeichnungen von bekannteren und auch unbekannteren Architekten und anderen Künstlern, die ihre Sehnsüchte größtenteils schlicht auf einem Blatt Papier formulierten und jetzt in diesem Salon von ihrem Innerstenzuoberst fabulieren. Der Salonherr, die Salonherrin? Nirgends zu sehen.

Irgendwo in einem der Nebenräume steht ein kleines feines historisches Modell aus vergangener Zeit, das uns ein Observatorium zeigt, offenbar Symbol für eine bis heute andauernde und niemals enden werdende Sehnsucht nach einer anderen Welt jenseits unserer Möglichkeiten.

Und noch ein Stückchen Sehnsucht haben sich die Kuratoren offenbar selbst erfüllt (oder dem Präsidenten der Bundesarchitektenkammer?!); sie öffneten den Pavillon über eine Tür zum Vorgarten und dahinter zur Lagune. Ein sacht im Winde wehender Tüllvorhang verspricht dahinter Ausblicke, Begegnung oder ein kühles Getränk in sicherer Entfernung zum Trubel in den Giardini.

Was wir mit diesen Versatzstückchen Sehnsucht machen sollen, das ist eine legitime Frage, denn hinsetzen oder hinausgehen kann man bei den benachbarten Nationenpavillons auch. Nachdenken, lesen, schauen in gleicher, vielleicht sogar in bequemerer Weise hier und dort. Provokation? Angeblich gab es Überlegungen einer sich aufregenden Fraktion von Architektenbesuchern, Protestlisten auszulegen, ein Votum gegen diesen Biennale-Beitrag zu erzeugen. Dass – in diesem Zusammenhang – der Goldene Löwe für den besten Nationenbeitrag zur Architekturbiennale an das Königreich Bahrain ging (in der Artiglierie dell’ Arsenale, kuratiert von Noura Al-Sayeh), ist bezeichnend. Zwar in gleicher Weise von Emotionen und Sehnsüchten besetzt („verlorenes Land“) und extrem sparsam in seiner Realisierung, thematisiert dieser Beitrag immerhin Essentielles und lässt nicht den Geschmack von Unverbindlichkeit und unverständlichem Tiefengründeln zurück. Sehnsucht? Ja, nach dem Wolkenhimmel über der Lagunenstadt, nach der Größe eines Statements, nach dem einen Namen unserer aller Sehnsucht. Mehr nicht. Be. K.

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