Relaunch

Wilkhahn legt den dreibeinigen Holzstuhl von Walter Papst neu auf

Das "künstlerische Gestalten der Zweckform" war das Credo von Walter Papst, mit dem er die Gestaltungsausrichtung bei Wilkhahn maßgeblich prägte. Seine avantgardistisch gestalteten, industriell produzierten Holz- und Polyestermöbel aus den 1950er und 1960er Jahren wurden vielfach ausgezeichnet. Papst interessierten neben der reduzierten, abstrakten Formgebung insbesondere die werkgerechte und gleichzeitig innovative Verarbeitung sowie ergonomische Aspekte für Haltungswechsel und Bewegungsförderung. Im vergangenen Jahr hatte Wilkhahn anlässlich seines 100sten Gründungsjubiläums die berühmte rote "Schaukelplastik" neu aufgelegt.

Jetzt hat Wilkhahn auch das Holzstuhlprogramm aus dem Jahr 1955 neu editiert. Papst hatte sich dafür die "Urform" des Stuhls zum Vorbild genommen: einen dreibeinigen Schemel aus einfach zusammengesteckten Holzteilen. Dieses aus uralten Zeiten überlieferte Konzept übersetzte er in einen völlig neuartigen "Brettstuhl", der klare Formen und Linienführungen mit bester handwerklicher Verarbeitung verbindet. Auch ergonomisch ist der Papst-Stuhl bemerkenswert: Die gebogene Lehnenform, die konisch zulaufenden hinteren Stuhlbeine und die Form der Sitzfläche fördern durch unterschiedliche Sitzpositionen den Haltungswechsel: Vom normalen über das Quersitzen bis zum Sitzen in umgekehrter Richtung. Die Lehne dient dann als Bruststütze. Und schließlich animiert die Sitzflächenform dazu, Stühle kreisförmig anzuordnen und dadurch die Interaktion zu fördern. Der Stuhl wurde von Wilkhahn in den Jahren 1955 bis 1959 in unterschiedlichen Größen als Erwachsenen- und als Kinderstuhl produziert, bevor neue Materialien ihren Siegeszug antraten.

Bei der Neuauflage hat Wilkhahn Materialien, Formen und Proportionen originalgetreu übernommen und gleichzeitig die Anbindungen von Stuhlbeinen, Sitzfläche und Lehne für die Verarbeitung von Massivholz optimiert. Die neuen, handwerklich perfekt ausgeführten Verbindungen haben die Stabilität deutlich erhöht und berücksichtigen das Quell- und Schwundverhalten des Massivholzes. Als Oberflächenschutz ist ein moderner, matter DD-Lack eingesetzt, der haptisch einer Wachsoberfläche ähnelt, aber deutlich widerstandsfähiger ist. Die frische Form- und Farbgebung, die interaktiv und kommunikativ ausgelegte Gestaltung und der ergonomische Vorzug unterschiedlicher Sitzhaltungen sind hochaktuell: im privaten Umfeld, in Kindergarten und Schule, in der Caféteria oder im kreativen Workshop- und Meetingbereich. Gerade hier lassen sich jenseits des üblichen Büro-Ambientes ganz neue Akzente setzen. Das ist die schönste Würdigung für einen der großen deutschen Designer.

Die Neuauflage des Programms 360 von Walter Papst ist noch bis zum 13. Februar 2009 im KAP Forum Köln im Rahmen der Ausstellung "Work-Life-Table - Gestaltung im Wechsel der Kontexte" zu sehen.

Am 16. Februar 2009 um 13 Uhr wird die Ausstellung „montags beim Papst“ eröffnet. Aus dem umfangreichen Nachlass von Walter Papst wird erstmalig eine Ausstellung über die vielfältigen Facetten seines Lebenswerk zu sehen sein, die im "Labor" bei Wilkhahn anlässlich der Neu-Edition des legendären "Dreibeiners" Premiere feiert. Eine ebenso faszinierende wie inspirierende Zeitreise, die von Produktgestaltung über mystische Zukunftsforschung bis zu legendären Rosen-Montags-Festen führt - eben bis zu "montags beim papst".

Internet: www.wilkhahn.de

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