Oesterlen bleibt; wahrscheinlich

Landtagspräsident schlägt angesichts negativer Kostenschätzungen die Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Landtages in Hannover vor

Nein, das hätte wohl keiner gedacht: Der niedersächsische Landtag stoppt seine Pläne für den Landtagsabriss in Hannover! Nach einem vom Parlament in Auftrag gegebenen Gutachten würden die Kosten für den schon als „Glas-Tempel“ annoncierten Volkspalastes den vorgegebenen Rahmen von 45 Mio. Euro überschreiten; nicht wesentlich, die Gutachter gehen von rund 5-10 Mio. Euro Mehrkosten aus.

Das wären 10-20 Prozent Kostensteigerung in der allerdings ersten Schätzung, Erfahrungen zeigen, dass hier also deutlich mehr drin ist. Doch wesentlicher als die geschätzte Kostenrahmenüberschreitung, die bei anderen Bauten dieser Größenordnung locker mal bis zu 100 Prozent oder mehr gehen, sind die anstehenden Landtagswahlen und die hierzu nicht günstigen Umfrageergebnisse der im Landtag vertretenen Parteien.

Aus diesen Gründen wird Landtagspräsident und zum Oesterlenfan konvertierter Neubaubefürworter Hermann Dinkla (CDU) den Fraktionen vorschlagen, den Architektenwettbewerb zu ignorieren und stattdessen die ursprünglich immer schon als zu teuer abgelehnte Sanierung durch zu führen.

Der Abriss des von Prof. Dieter Oesterlen entworfenen Plenarsaal war im letzten Jahr durch das Ergebnis eines Wettbewerbs scheinbar besiegelt worden, der ziemlich geschlossene Neubau von 1957-62 sollte durch einen gläsernen Pavillonbau ersetzt werden. Der Siegerentwurf des Kölner Architekten Eun Young Yi hatte dann im März 2010 eine deutliche Unterstützung im Parlament erhalten. 91 Abgeordnete sprachen sich dafür aus, 61 dagegen.

Jetzt aber wird aller Voraussicht nach der Vertrag mit Yi gelöst, ihm wird ein Geldbetrag von unterhalb einer Mio.Euro für seine bisherigen Auslagen in Aussicht gestellt.

Wann mit der Sanierung des Parlamentgebäudes begonnen werden wird, ist zur Zeit noch unklar, klar scheint zu sein, dass mit einem Male die Stimmen der damaligen Gegner des Abrisses ein breiteres Echo auch im Abriss-Befürworterlager gefunden haben; man sei froh, dass der lange Streit um den Abriss des Plenarsaals am niedersächsischen Landtag zu einem Ende kommt. Und es sei gut, dass nun eine nachhaltige Lösung ins Spiel gebracht werde wie auch, dass der „Respekt vor dem Denkmalschutz“ wieder nach vorne geholt wird. Und mit einem Mal ist die behutsame Modernisierung des Nachkriegsgebäudes bei vielen die konsequentere Lösung.

Kleine Pikanterie am Rande: Die im Zusammenhang mit der neuen Sachlage neu erhobenen Vorwürfe in Richtung Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring (CDU), das Land habe es über Jahrzehnte versäumt, in die Substanz des alten Gebäudes zu investieren und die der Minister mit dem Verweis auf 16,3 Mio. Euro Investitionen seit 2003 zurückwies, muss man mit einem Bonmots Möllring kontrastieren. Das sprach er im letzten Jahr gelassen aus, als es darum ging, mittels Urheberrecht die Neubaupläne zu verhindern: „Wir haben die Urheberschaft geprüft und sehen keine Hindernisse für den Bau.“ Weil es aus seiner Sicht nicht um Veränderungen, sondern um Totalabriss ging: „Man darf einen Picasso wegschmeißen, aber man darf nicht in ihm herummalen.“ Und das aus dem Munde eines Ministers, der das Geld der Bürger verantwortlich zu verwalten hat! Be. K.

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