Nach Berlin berufen, aber: In welchem Gefängnis steckt Ai Weiwei?

Der Künstler Ai Weiwei erhält eine von der Einstein Stiftung Berlin finanzierte Gastprofessur an der Universität der Künste Berlin

Natürlich, die Kunst zuerst. Hat ja auch am wenigsten zu verlieren, gesamtwirtschaftlich betrachtet. Wenn also die Künstler einen chinesischen Regimekritiker professuralisieren, dann müssen sie nicht gleich mit Sanktionen rechnen. Bei der Bauwirtschaft sieht das etwas anders aus, hier geht es schon mal um Milliarden, die verloren sein könnten. Darum schweigen die offiziellen der deutschen Architektenschaft - noch - zum Fall des willkürlich verhafteten/verschleppten Ai Weiwei. Der doch immerhin das Tor nach China geöffnet hat, den westlichen Architekten und Investoren (bekanntestes Beispiel: Birds-Nest, das große Olympia-Stadion in Peking von Herzog & de Meuron).

Also die Künstlerkollegen zuerst: Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am heutigen Mittwoch verkündeten Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner, Vorstandsvorsitzender der Einstein Stiftung Berlin, und UdK-Präsident Prof. Martin Rennert das, was schon seit ein paar Tagen kollportiert wurde: die Berufung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei an die Universität der Künste Berlin. Die Gastprofessur wird aus Mitteln der Einstein Stiftung Berlin finanziert. Sie wird an die ebenfalls von der Einstein Stiftung Berlin geförderte Graduiertenschule der UdK Berlin angegliedert sein.

„Ai Weiwei zählt zu den international anerkannten und wichtigsten Vertretern der Gegenwartskunst, der sich in seinem Werk sowohl in der Bildenden Kunst als auch in künstlerischen und wissenschaftlichen Fragestellungen bewegt. Insofern entspricht er mit seinem Oeuvre exakt den Inhalten der aufeinander bezogenen Schwerpunkte der durch die Einstein Stiftung Berlin geförderten Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften an der UdK Berlin. Seine Integration in deren Arbeit ist ein entscheidender Zuwachs an diskursiver Qualität,” so Prof. Martin Rennert zur Berufung von Ai Weiwei.

Auf dem Podium saß auch der Künstler Olafur Eliasson, seit 2008 Professor an der UdK Berlin und Leiter des Instituts für Raumexperimente der UdK Berlin. Eliasson betonte, dass geplant sei, Ai Weiwei auch in die Arbeit seines Instituts einzubinden. Bereits seit Dezember 2010 läuft das Verfahren zur Berufung von Ai Weiwei an die UdK Berlin. Im April wurde er von der chinesischen Regierung ohne die Nennung präziser Gründe inhaftiert, sein Atelier war bereits im Vorfeld zerstört worden. Der Aufenthaltsort Ai Weiweis ist unbekannt. Diese für Leib und Leben Ai Weiweis bedrohlichen Umstände führten offenbar dazu, dass die beteiligten Institutionen die Berufung beschleunigten und ihre Verhandlungen intensivierten. „Die Universität der Künste Berlin steht für die Freiheit der Kunst und mithin für die Freiheit der Künstler. Es ist einer den differenzierten, herausgehobenen künstlerischen Aussagen verpflichteten Hochschule wie der UdK Berlin ein zentrales Anliegen, die offene Sprache der Künste zu verteidigen,“ kommentiert Prof. Martin Rennert die aktuelle Situation des Künstlers. Man wollte hinzufügen: die offene Sprache eines Staatsbürgers, der wesentliche Bestandteils dieses Bürgerseins auf der Grundlage allgemein anerkannter Grundrechte einfordert!

Der Zeitpunkt des Antritts der Professur ist den Berliner nach eigenem Vernehmen nicht klar, man hoffe, so Prof. Martin Rennert auf der Pressekonferenz, "dass Ai Weiwei in Kürze seine Arbeit hier aufnehmen kann.” Ein sicherlich frommer Wunsch. Be. K.

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