Moscheebau in Köln-Ehrenfeld: Baustopp?!

Architekt Paul Böhm vom Bauherren Ditib gekündigt

Am Anfang war Harmonie und gegenseitiges Verständnis plus selbstverständliche Prise Respekt, jetzt drohen sich beide Seiten mit Rechtsanwälten, Baustellenschließung, Beweissicherungsverfahren …

Grund: Die Baukosten sind explodiert. Es soll Fehler geben in der Symmetrie und Farbgebung der Dachbetonskulptur sowie bei einer Stahlunterkonstruktion. Insgesamt seien, so der Bauherr und spätere Nutzer, die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), rund 2000 Mängel festgestellt worden. Das mögen Haarrisse sein oder Verfärbungen im Beton, das mögen Vorwände sein oder der Ausdruck von Verärgerung über Betriebsabläufe, die den eigenen Vorstellungen nicht mehr entsprachen. Es mag auch sein, dass die Ditib sich von Böhm trennen möchte, um den über die Zeit des Moscheebauwerdens Veränderungsdruck seitens der Gemeinde oder Geldgeber nachkommen zu können. Paul Böhms Hinweis auf personelle Veränderungen bei der Auftraggeberseite und ein mögliches Abweichen von dem einst im Konsens gefundenen modernen Entwurf in Richtung „klassische Moschee“ könnten in diese Richtung zielen.

So besteht jetzt die Gefahr, dass der Bauablauf tatsächlich gestoppt wird um im Vorfeld sicherlich langwieriger Rechtsstreitigkeiten nötige Beweise für nachlässiges oder gar vorsätzliches Verschulden zu sichern. Tage nach der spektakulären Entlassung Böhms gab die Ditib auf einer eilends einberufenen Pressekonferenz die Gründe für ihre Entscheidung bekannt, die Kosten von geschätzten 34 Mio. € lägen deutlich über den anvisierten 25 Mio. €, und die Projektsprecherin, Ayse Aydin, konnte es sich nicht verkneifen festzustellen, das „Herr Böhm [als Künstler] brilliert [habe], als Baumeister hat er leider versagt." Der Architekt bezeichnete die Vorwürfe als absurd und lächerlich, und er „tappe im Dunklen über die wahren Hintergründe der Kündigung."

Die Stadt Köln, hier der frühere Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma, der im Beirat zum Moschee-Bau-Projekt sitzt, welcher die Baustelle gegenüber der distanzierten Kölner Öffentlichkeit transparent machen sollte, bezeichnet das rigorose Vorgehen des Bauherren als "unglücklich". Man befürchtet neben den negativen Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung im Moschee-Projekt, dass die „Moschee in Beton“, der alle zugestimmt hätten, nun „ein Dach mit Kacheln“ decken könnte. Bei einem Treffen am 10. November will der Beirat zwischen Architekt und Ditib vermitteln, Aussichten: keine, Peter Böhm hat seit einem halben Jahr beispielsweise kein Honorar gesehen, von Ditib-Seite heisst es dazu: Böhm sei jetzt schon „überbezahlt“. Dass die Ditib in der Vollendung des Moscheeneubaus jetzt vielleicht ein konservatives islamisches Weltbild betonen möchte und das auch architektonisch ins Bild setzen könnte, ist nicht mehr ausgeschlossen. Im Mai 2012 soll der Bau eröffnet werden. Entweder – so sieht es jetzt jedenfalls aus – wird er das absehbar nicht, oder dann doch als eine modernistische Variante eines islamischen Klischeegotteshauses. Beides, so bleibt zu hoffen, kann noch verhindert werden. Be. K.

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