In der Bundesrepublik einmalig

In Erlangen soll ein Denkmal aus den Sechziger Jahren über einen Wettbewerb fit gemacht werden. Engagierte Architekten fordern ein Moratorium

Es war einmal ein Jugendzentrum. In Erlangen. Nicht irgendein Zentrum für Jugendliche, sondern ein Ensemble, in welchem „ein in der Bundesrepublik Deutschland bislang einmaliges Bauprogramm“ verwirklicht worden war. Das jedenfalls stellt die DBZ vor ziemlich genau 50 Jahren in einem Beitrag zu eben diesem Jugendzentrum kategorisch fest (DBZ 7/1965, S. 1115). Das Programm des Ensembles aus dem Büro von Werner Wirsing, München, mit Hans-Georg Schulz, Erlangen (Schwimmhalle) und Ludwig Schwarz, Architekten, München, umfasste ein Jugendwohnheim, eine Jugendherberge, ein Jugendgästehaus, eine Bildungs- und Freizeitstätte und ein Hallenbad.

Die auf einer Grundfläche von 100 x 50 m im Fünfmeterraster errichtete Anlage nahe dem Stadtzentrum Erlangens, im Norden gleichsam auf der Kante der alten (südlichen) Stadtmauer errichtet (heute die Südliche Stadtmauerstraße), ist in die Jahre gekommen und leidet ein wenig an dem Mangel hinreichender Baupflege. Dennoch wurde das Ensemble 2013 unter Denkmalschutz gestellt. Mit Recht, wenn man heute die Räume des teils stillgelegten Turms, die Büro- und Veranstaltungsräume besucht, dann spürt man immer noch den oben schon genannten Geist des Aufbruchs in einer von Repression geprägten Gesellschaft, die kurz vor dem Aufbruch, vor Jugendrevolte und Paradigmenwechsel auf vielen gesellschaftlichen Feldern stand.

Die Freiräume – hier insbesondere der Innenhof, aber auch die anliegenden Parkflächen – bieten der Stadt immer noch das, was an anderer Stelle in Erlangen fehlt; oder mit viel Ressourceneinsatz wiederhergestellt beziehungsweise überhaupt erst geschaffen wird. Nun soll diese auch Keimzelle für eine ganz spezielle, die Stadt sicherlich bis heute prägende Kultur in die Jetztzeit geholt werden. Der demnächst scheidenden Referent für Bildung Kultur und Jugend, Dr. Rossmeissl, der quasi „Hausherr“ des Frankenhofes ist, möchte mit einer Umgestaltung des Ensembles – das, wohlgemerkt, unter Denkmalschutz steht – mehr Fläche für mehr Nutzungen haben; aber eigentlich will er wohl nur, dass etwas geschieht, wenn möglich noch unter seiner Ägide.

Die Zeit scheint zu drängen, dabei wäre noch Zeit. Zum Nachdenken. Zum Reden über Möglichkeiten. Die mehr wären, als die vom Auslober genannten Möglichkeiten: Generalsanierung Bestand mit Nachverdichtung auf tragfähigen Bestandsgebäuden und/oder als eigenes Gebäude auf dem Grundstück; oder doch lieber Generalsanierung Bestand und Abbruch und Neubau "unwirtschaftlicher" Bestandsbauteile; oder vielleicht Abbruch und Neubau des Gebäudekomplexes ohne Wahrung des Bestandes?!

Zudem ist der Wettbewerb in einen Realisierungswettbewerb (eigentliches Jugendzentrum von Werner Wirsing) und einen Ideenteil für angrenzenden Freianlagen, das Hallenschwimmbad und die Freisportflächen des Christian-Ernst-Gymnasiums geteilt. Was wenig Sinn zu machen scheint, angesichts einer Nutzflächensteigerung im (Denkmal)Bestand von rund 30 Prozent! Dass diese möglicherweise auf Kosten der Freiflächen gehen könnten, befürchtet die Kreisvorsitzende des BDA Erlangen, Annemarie Bosch, die mit weiteren Mitstreitern für ein Moratorium kämpft. Wir haben mit ihr am Ort gesprochen, das Interview lesen Sie in der Juni-Ausgabe der DBZ und hier demnächst online. Be. K.

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