U, oder doch lieber E?!

Wir waren in Dortmund zu Besuch bei einem Kulturgenerator mit Anlaufschwierigkeiten und großem Potential. Architekten: Gerber Architekten, Dortmund

U oder E, hier schieden sich einst die Geister. Unterhaltung oder ... ja was oder: Ernst?! Ernsthaftigkeit? Längst haben die meisten die merkwürdige Trennung der Kulturwelten in U oder E als ein Relikt aus Zeiten erkannt, in welchen die Unterhaltung billig erschien und Bildung elitär. Kulturkämpferische Zeiten, in denen mit Abendlandsuntergangsvisionen gegen Privatfernsehen und Pop-Events ins Felde gezogen wurde. U war eben Uhhhh ... oder igitt.

Dortmund ist wohl eher eine Stadt mit U-Charakter, hier spielen der deutsche Fußballmeister zusammen mit MAYDAY - MAYDAY, der selbsternannten „Mutter aller Raves“ und der AIDA Night of the Proms, in der Klassik auf Pop, Arie auf Charthit, Anzug auf Lederjacke, Stilettos auf Chucks und Tschaikowsky auf Rock Musik treffen. Anything goes in Dortmund, der Stadt, die 2010 einer von vielen aber sicherlich der prominentere Partner und Austragungsort des Europäischen Kulturhauptstadt-Programms war.

Und was haben die Dortmunder zu bieten, um adäquater Repräsentant der das Ruhrgebiet meinenden Kulturhauptstadt Europas zu sein? Die Westfalenhalle mit den oben skizzierten Kulturpotpourri wäre im internationalen Vergleich zu wenig, ebenfalls das Kochbuchmuseum oder das Westfälische Schulmuseum. Das Dortmunder Konzerthaus, nach zehn Jahren endlich in der Stadt angekommen, bietet unter seinem dritten Direktor Klassik und Pop und Pop-Klassik, sowie internationale Musik- und Tanzfolklore auf hohem Niveau. Natürlich das Museum Am Ostwall mit Werken des Fluxus, Malerei des Expressionismus oder des Informel bis hin zu zeitgenössischen Foto- und Videoarbeiten. Aber ob das reichte? Und: Wie repräsentativ wirkt das alles, irgendwie und über die Jahrzehnte gewachsen über die Stadt verteilt? Eine Stadt, die im Feierjahr 2010 eine Arbeitslosenquote von gut 13 Prozent hatte und trotz aller Erfolge in den Umstrukturierungsmaßnahmen noch immer an den Altlasten ihrer Zechenvergangenheit zu beißen hatte?

Bereits kurz nach der Schließung der Dortmunder Union Brauerei in den Neunziger Jahren kamen immer wieder Pläne auf den Tisch, das Dortmunder U für kulturelle Zwecke zu nutzen. Der mächtige Brauereiturm, an dem jeder vorbeifuhr, der mit dem Zug von Berlin nach Köln beispielsweise reiste, reizte die Fantasie der Direktoren, Verwaltungsdezernenten, Kulturschaffenden oder Ministerpräsidenten. So auch Jürgen Rüttgers, der 2006 das Dortmunder U-Turm-Projekt auf Fördermöglichkeiten prüfen ließ. Kurz darauf hatte der Rat der Stadt beschlossen, das Dortmunder Architektenbüro Gerber mit der Sanierung des ehemaligen Brauereigebäudes "Dortmunder U" zu beauftragen. Kostenpunkt: eine Million Euro.  Die Sanierung sollte bereits einen möglichen Umbau zu einem Museum vorbereitet. 2008 gab es einen internationalen Wettbewerb den Gerber Architekten mit Prof. Gernot Schulz für sich entschieden.

Und dann musste alles sehr schnell gehen, denn mittlerweile war das Dortmunder U das Dortmunder Leuchtturmprojekt in den Rahmen der RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas. Am 26. Februar 2008 bewilligte die Landesregierung NRW die Umbaupläne. Das Projekt sollte insgesamt 46 Millionen Euro kosten, davon wurden 50 % aus EU-Mitteln, 20 % aus Mitteln des Landes NRW und 30 % aus Mitteln der Stadt Dortmund bestritten. Was schön klingt, jedoch einen Haken hatte: Der Umbau musste 2010 abgeschlossen, das Kreativzentrum eröffnet sein. Ansonsten hätte die EU die Fördergelderzusage zurückgezogen!

Eröffnet wurde dann in Teilen, Messebaustandard auf allen Ebenen, Blattgold am U, das in vierfacher Ausfertigung seit 1968 das Dach krönt (Entwurf: Ernst Neufert). Auf sieben Ebenen richten sich seitdem der Ankermieter Museum Ostwall (Ebene 4 und 5), die Dortmunder Hochschule, das Zentrum für Kulturelle Bildung, der Hartware MedienKunstVerein und andere ein. Und müssen sämtlich mit starkem Gegenwind aus der lokalen wie Landespolitik kämpfen. Es geht um Geld (laufende Finanzierung), es geht um die inhaltliche Ausrichtung, um Programme und politische Grabenkämpfe. Dem Architekten passt es nicht, wie mit seinen Räumen umgegangen wird, dem Museumsdirektor Dr. Kurt Wettengel nicht, wie Außenstehende das Projekt kaputt reden. Und wer sich mit Kamera und Presseausweis auf eine Fotosafari rund um den beieindruckenden, aber leider viel zu sehr geglätteten Kulturgenerator macht, dem kann es passieren, dass er von der Verwaltungsspitze angesprochen und gebeten wird, nicht schon wieder negativ über das Kulturprojekt zu berichten. Was wir nicht machen, denn so ein Projekt braucht viele Jahre intensiven Forschens an sich selbst, braucht intensive Begleitung neutraler Beobachter/Berater und natürlich ein Finanzierungskonzept, dass diese Forschungszeit möglich macht. In Berlin werden gerade hunderte Millionen Euro für eine Wiedergängerarchitektur zusammengezogen, in welcher eine bis heute nicht ernsthaft auf ihre Legitimität hinterfragte Sammlung außereuropäischer Kunst/Kultur etc. präsentiert werden wird. Hier spenden bereits ein paar Wohlmeinende die Summen, die dieser Bau allein für seine Tapezierung benötigt. In Dortmund argumentiert man mit mangelhaften oder fehlenden Kindergärten, Schulen, Jugendzentren gegen die rund 5 Millionen Euro jährlich, die der Betrieb des Dortmunder U den Stadthaushalt kosten. Mit Blick auf die eher einmalige Situation dieses Projektes als vielleicht deutschlandweiter Leuchtturm müsste hier eine Umlage über alle größeren Museen erfolgen, die sich dann aus dem Labor Dortmunder U für eigene Zukunftsentwicklung bedienen könnten. Es gibt Möglichkeiten. Be. K.

Akuelle Ausstellungen und Events ab sofort unter www.dortmunder-u.de

Gerber Architekten, Dortmund

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