Handgeformte Meisterstücke

Eine große Ausstellung in Düsseldorf zeigt Neuestes und die ewig Besten des Fotografen Andreas Gursky

Müde wirkte der Fotograf, der auf ständiges Nachfragen, als was er sich denn nun verstehe, seit längerem schon die Antwort gibt: Maler-Fotograf sei er. Ja, das beschreibe wohl am exaktesten das, was er mache. Bilder eben, fotografienähnliche Bilder. Oder Fotos, die auch Malcharakter haben. Was, wenn man der Düsseldorfer Akademie entstammt, vielleicht zwangsmäßig so kommt, unausweichlich.

Ein Schüler der Bechers, von deren fotografischer Sichtweise sich der Schüler - wie auch die übrigen anderen der heute so genannten Düsseldorfer Schule - längst entfernt hat, der teuerste zeitgenössische Fotograf der Welt, ein Bastler und - wie er sich selbst umschreibt - Praktiker, dem der kunstgeschichtliche Stammbaum so egal ist, wie manchen seiner Fotografien der Betrachter. 60 Arbeiten hat er nach Düsseldorf ins Museum Kunstpalast gebracht. Mit dabei Riesenformate, die längst in jeder Übersicht über zeitgenössische internationale Fotografie Stammplätze erworben haben. Mit dabei aber auch kleinere, für das Werk insgesamt jedoch zentrale Arbeiten.

Ins Zentrum der Ausstellung haben er und die Kuratoren seine aktuelle Fotoserie "Bangkok" verteilt, in welcher der Malerfotograf zu untermauern scheint, dass er mehr ist, als einer, der nur ein Foto macht. 10 pro Jahr, wenn man das glauben möchte. Und wirklich macht er viel mehr als ein bloßes Foto, manchmal so viel mehr Handarbeit, dass er schon eine gewisse Sehnsucht in sich spürt, weniger zu machen. Jedenfalls fiel auf der Pressekonferenz der Satz, er würde gerne wieder mehr Zeit haben, Zeit für Inspiration oder einfaches Nichtstun. Mit dem Bulli wie damals (Jahrzehnte ist das wohl her) durch die reale Bilderwelt reisen um hier und da und dort eines davon einzufangen. Wahrscheinlich digital, vielleicht auch analog, letzteres Hilfsmittel, der Realität habhaft zu werden, hat er nach eigenem Bekunden aber schon sehr lange nicht mehr bemüht.

Seine Bilder bearbeitet er seit den Neunziger Jahren. Früher hätte man das Retouche genannt, in unseren digitalen Zeiten trifft den Bildbearbeiter oft der Vorwurf der Manipulation. Tatsächlich hat die Fotografie - bis heute - unter dem Anspruch zu leiden, objektiv sein zu müssen, ja sie sei dessentwegen überhaupt erst erfunden worden. Alles Quatsch, wie Thomas Ruff in dem Spiegelinterview sagt, das er mit Andreas Gursky im Frühjahr 2012 dem Magazin gab. Alles Quatsch?

Die großformatigen Bilder Gurskys, die von weitem gesehen ein gutes Quantum Abstraktion erlauben, sind von nahem ein ganzer Haufen von in unterschiedlichen Augenblicken aufgenommenen Augenblicken. Entgegen möglicher Perspektivaufbauten, entgegen wahrscheinlicher Lichtverteilung, entgegen dem Gewohnten, Erwartbaren verschiebt der Maler-Fotograf die von ihm reflektierte Wirklichkeit in eine andere. Denn natürlich ist ein Foto, denn natürlich ist eine in Silikon und Acrylglas gefrorene Pigmentverteilung (eben kein Foto im klassichen Sinne) eine Wirklichkeit, auch wenn sie sich dagegen sträubt und mehr sein möchte als diese. Daran arbeitet er - nach eigenem Bekunden - auch schon mal anderthalb Jahre im Atelier, vor dem Computer, der über gigantische Arbeitspeicher verfügen muss.

Für die Ewigkeit sollen seine Arbeiten gemacht sein, und dabei lässt Gursky es offen, ob damit ihr Geltungsanspruch gemeint ist, oder schlicht die physikalische Stabilität der lange und mit Recht als fragil angesehenen papiernen Fotokunst. Doch wer mehr als 3 Mio. € für einen Gursky zahlt, möchte sicher sein, dass der auch Vererbungsqualitäten besitzt. Für die Ewigkeit hängen seine Bilder nicht in Düsseldorf. Ob sie auch noch verstanden werden, wenn die Ewigkeit angefangen hat, sie sich zu verzehren? Die Architekturen - von Herzog & de Meuron beispielsweise - könnten eine geringere Lebensdauer haben als die Bilder von ihnen, die ja nicht mehr altern sollen/können. Aber vielleicht besitzen wir noch die Baupläne der Bauten, ihre Skizzen und natürlich die Fotos davon. Deren Geschichten enden allerdings mit dem Verschwinden des Realen im Surrealen. Womit der Fotograf Gursky die richtige Strategie wählte: Male ein Bild und es könnte auch ein Foto sein. Be. K.

"Andreas Gursky"
23.09.2012-13.01.2013

Öffnungszeiten:
Di-So, 11 – 18 h, Do, 11 – 21 h
Eintrittspreise :
10,- Vollzahler, 8,- ermäßigt, auch Gruppenpreis ab 10 Personen
23,- Familienkarte
Kombiticket mit Sammlungen und allen anderen Ausstellungen (Sammlungspräsentation
im Palast ab ca. 01.10.12)
12,- Vollzahler, 10,- ermäßigt, auch Gruppenpreis ab 10 Personen
27,- Familienkarte

Museum Kunstpalast

Katalog:
Begleitend zur Ausstellung erscheint im Steidl-Verlag eine 68 Seiten umfassende Publikation (kein klassicher Ausstellungskatalog) mit Textbeiträgen von Hans Irrek, Beat Wismer und John Yau.
24,80 Euro, ISBN 978-3-86930-554-7

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