Grundinstandsetzung, Phase 2

Baustellenbesuch der Neuen Nationalgalerie, Berlin

Nach 50 Jahren sei das so, da müsse man eben ein Haus sanieren. So jedenfalls die Präsidentin des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung BBR, Petra Wesseler, auf vor Tagen geführten Baustellenbesichtigung im November 2017. Das BBR hatte ein paar Journalisten eingeladen, den aktuellen Baustand auf der Baustelle der Grundinstandsetzung der Neuen Nationalgalerie zu besichtigen. Und natürlich darüber zu berichten. 50 Jahre, in denen es nur Reparaturen gegeben hatte, Flickarbeiten an einem Museum, dessen Kunsttempelanspruch unbestritten ist. Doch weil hier am Berliner Kulturforum nicht bloß massive Steinquader den Tempelraum bilden, sondern eine extrem filigrane Stahl-/Glashaut über kassetierten Betondecken, das Ganze hinter Granit- und Marmorplatten und bemaltem Pressspan, muss das mit dem 50-Jahre-Tournus wohl stimmen.

Die ersten durch das BBR durchgeführte Bestandserfassung ergab bauliche und technische Schäden und Mängel, unter anderem gerissene Glasscheiben, gebrochene Granitplatten auf der Terrasse und an der Fassade, nicht nutzbare Rettungswege, Asbest- sowie Vorkommen weiterer Schadstoffe, fehlende Brandschutzabtrennungen, stehendes Wasser auf dem Stahldach über der Ausstellungshalle, defekte Grundleitungen, korrodierter Stahl etc. Darüber hinaus hatten die technischen Anlagen und deren Infrastruktur ihre Lebensdauer überschritten und waren teils nur noch eingeschränkt funktionsfähig. Für einen Kunsttempel dieser Bedeutung zudem bedrohlich: Da das Ausstellungsklima (insbesondere im oberen Ausstellungsraum) und die Sicherheit die heute üblichen internationalen Standards in einem Maße unterschritten, dass ein Leihverkehr nur noch eingeschränkt möglich war, war der Ausstellungsbetrieb derart eingeschränkt, dass man der Bedeutung des von Mies van der Rohe 1965 bis 1968 errichteten Museumsbaus nicht mehr gerecht werden konnte. Dass ebenfalls die Besucher heute mehr erwarten, als eine hinreichende Zahl von Hutablagen, erscheint selbstverständlich.

Konzept der Grundinstandsetzung

Auf Basis der Bestandserfassung des BBR wurde im März 2011 der Beschluss zur Aufstellung einer Entwurfsunterlage (EW-Bau) für eine denkmalgerechte Grundinstandsetzung gefasst. In einem offenen, konkurrierenden Verfahren wurde dafür das Büro David Chipperfield Architects ausgewählt sowie nachfolgend das weitere Planungs- und Beratungsteam gebunden. Unter dem Leitsatz „So viel Mies wie möglich“ wurde seit Mitte 2012 das Konzept der Grundinstandsetzung zwischen den Staatlichen Museen zu Berlin, dem Berliner Landesdenkmalamt, dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, David Cipperfield Architects und weiteren Planern sowie unter der Beratung des ehemaligen Projektleiters Dirk Lohan (Enkel Mies van der Rohe) und des Mies-Experten Prof. Dr. Fritz Neumeyer entwickelt. Es umfasst im Wesentlichen die Verlegung von Nutzungen (Garderobe, Shop, Café etc.) und die Schaffung neuer, unterirdischer Räume (Depots, Ausstellungsvorbereitung etc.). Zudem wird der Kunsttempel erstmals barrierefrei (Rampe außen, Aufzug innen).

Die Sanierung hat im Wesentlichen zwei Schwerpunkte: Einmal wird die schadhafte Fassade saniert, dann der teils schon marode Beton (Wände, Decken). Bei der Fassade werden wie ursprünglich wieder große Scheiben eingebaut (die kommen aus China, allein hier sind die ca. 3,5x6m großformatigen Floatgläser herzustellen). Die Stahlrahmen werden saniert und so gerichtet, dass in Zukunft Spannungsbrüche nicht mehr auftreten sollen. Am Rande erzählt: Im Rahmen der Begutachtung der Stahlrahmen musste man feststellen, dass die vier Eckrahmenleisten nicht wie erwartet aus Vollstahl gefertigt waren, sondern aus zwei L-Profilen. Der Hohlraum in diesen stand voll Wasser.

Bei dem Boden / der Decke verhinderte eine ungewöhnlich randlagige Bewehrung eine sichere statische Berechnung. Um nun die Betonkassettendecke nicht komplett abreißen zu müssen, machte man Belastungstests. Deren überraschend gute Ergebnisse machten die Komplettsanierung überflüssig.

35000 Puzzleteile

Um nun alle diese Arbeiten ausführen zu können, wurde in der Phase 1 die komplette Außenhülle als auch alle Innenbauteile bis auf den Rohbau demontiert. 35000 Teile, sämtlich über Zahlencodes im Gesamten verortet, liegen jetzt in Depots und Werkstätten, um hier gesäubert oder restauriert, ertüchtigt und schließlich wieder montiert zu werden. Was jetzt schon klar ist: Die Verkleidungen aus Pressspan werden ersetzt. Offiziell heißt es, sie seien schadstoffbelastet, doch mit Blick auf das Material erscheint es sinnvoll, hier mit Haltbarerem nachzubessern. In der im Spätsommer gestarteten und zurzeit laufenden Phase 2 wird der Rohbau saniert um schließlich in Phase 3 wieder mit den Originalteilen verkleidet zu werden. 2020 soll der Kunststempel wieder geöffnet werden, ob bis dahin die genehmigten Kosten von 101 Mio. € plus 9 Mio. € Risikoabdeckung reichen werden? Mit 10 bis 20 Prozent Risikoanteil muss man bei solchen Bauaufgaben rechnen, so der Projektleiter beim BBR, Arne Maibohm. Der wies dann auch darauf hin, dass man die Einschränkungen, die die denkmalgerechte Sanierung der Fassaden mit sich brächten, einmal durch die Optimierung der klimatechnischen Anlagen ausgleichen könne und zudem „eine saisonal angepasste Nutzung des Hauses“ vorsehe. Das ist vielleicht das schönste Statement in einer Zeit, in der viele glauben, dass was technisch möglich sei auch möglich gemacht werden müsse. Eben nicht! Be. K.

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