Geistiger Mittelpunkt auf der Gleisvorfeldkante

Stuttgart eröffnet seine Stadtbibliothek und wartet auf ein Stadtmuseum

Nach rund 12 Jahren wurde jetzt, am 24. November 2011, die neue Stadtbibliothek in Stuttgart den Nutzern übergeben. Der ca. 80 Mio. € teure Neubau wurde nach einem Entwurf des in Köln ansässigen Koreaners Eun Young Yi realisiert. Der Architekt war in Deutschland vor allem durch sein Entwurf für den neuen Landtag in Hannover bekannt geworden, der als „Tempel“ eher beschimpft als gelobt und schließlich auch nicht realisiert wurde, der alte Landtag von Dieter Oesterlen konnte durch eine Volksabstimmung gerettet werden.

Jetzt hat Prof. Eun Young Yi seinen für Stuttgart geplanten und ebenfalls als Tempel typologisierten Bau übergeben, mitten im noch Baustelle seienden Europaviertel nördlich des Gleisvorfeldes des Stuttgarter Hauptbahnhofs.

Der annähernd kubische Bau bietet 18600 m² Nutzfläche auf neun Ebenen, die einer halben Million Medien und prognostizierten 1,2 Millionen Besuchern jährlich Studien- und Begegnungsraum sein wird. Etwa zweihundert Veranstaltungen pro Jahr sollen hier stattfinden. Die Bibliothek setzt sich bewusst von der Blockstruktur der Umgebungsbebauung ab und soll sich demnächst als großer kristalliner Würfel innerhalb einer – noch anzulegenden – Wasserfläche am Mailänder Platz präsentieren. Die Dimension und städtebaulich abgelöste Platzierung soll dem Gesamtplan für das Viertel nach „zeichenhafter Ausdruck der Bedeutung der Bibliothek als neues geistiges und kulturelles Zentrum innerhalb des Gesamtprojekts A1“ werden. Zur Zeit schimpfen die S-Bahnreisenden Schwaben aber eher über den „Betonklotz“, der tagsüber tatsächlich auffallend monolithisch daher kommt („klotzig“, S-Bahnkommentar).

Das quadratisch angelegte Bibliotheksgebäude wird von vier Seiten betreten. Der Besucher gelangt in einen Zentralraum, das so genannte Herz, der den räumlichen und meditativen Mittelpunkt des Gesamtgebäudes darstellt. Über dem 4-geschossigen Kernraum, auch Raum der Stille (stille war es dort allerdings nicht), liegt der 4-geschossige trichterförmig abgestufte Lesesalon, der von Lernateliers entlang der Fassade umgeben ist und über eine Glasdecke von oben mit Tages-/Kunstlicht belichtet wird. Die Einzelbereiche der Bibliothek mit zentraler Eingangshalle, Kinderbibliothek, Musikbibliothek, Lernateliers, Graphothek, Verwaltung und Cafeteria sind entlang der belichteten Fassade über 9 Geschosse als äußerer Ring angeordnet und werden von einer begehbaren Dachterrasse mit Aussicht über die Stadt abgeschlossen. Das im Untergeschoss angeordnete Forum mit 300 Veranstalterplätzen ist über die Eingangshalle erreichbar. Funktions-, Technikräume und Anlieferung sind in den beiden Untergeschossen ausgewiesen.

Das mit 38 m Höhe als Hochhaus eingestufte Bibliotheksgebäude wird weitgehend natürlich belichtet und belüftet und hat eine zusätzliche entsprechend der Jahreszeit schaltbare mechanische Lüftungsanlage. Die Gebäudehülle ist als hinterlüftete begehbare Doppelfassade mit einer Außenschale in Glasbausteinen und einer inneren thermischen Fassade in Glas mit Sonnenschutz ausgelegt. Heizung und Kühlung erfolgen durch Fußbodenheizung in Kombination mit beheizbaren Fassadenprofilen unter direkter Nutzung der Erdwärme über Geothermiesonden. Zusammen mit der in den Sonnenschutz des Glasdaches integrierten Photovoltaikanlage entspricht das Bibliotheksgebäude dem Technologiestandard des Energieerlasses der Landeshauptstadt Stuttgart und dem Gütesiegel Energie.

Parallel zur Bibliotheksplanung wurde mit der Stuttgarter Straßenbahn AG die Trasse der künftigen Stadtbahnlinie U12 abgestimmt und endgültig festgelegt. Die Trassenführung unterquert das Bibliotheksgebäude an der nordwestlichen Grundstücksecke im Bereich Moskauer Straße / Mailänder Platz / Londoner Straße. Die Bauleistungen für die schallentkoppelte Tunnelröhre unter der Bibliothek und im angrenzenden Straßenbereich wurden gemeinsam mit den Rohbauarbeiten des Bibliotheksgebäudes ausgeschrieben und getrennt durch die SSB finanziert und beauftragt.

Seit der Eröffnung der Stadtbücherei am Mailänder Platz steht das vorher als zentrale Bücherei genutzte Wilhelmspalais leer. Hier ist die Unterbringung des neuen Stuttgarter Stadtmuseums geplant, der Umbau nach den Plänen von Lederer+Ragnarsdóttir+Oei und Jangled Nerves wird voraussichtlich ab 2013 beginnen, die Eröffnung des neuen Museums ist für das Jahr 2016 geplant. Das Palais am Charlottenplatz war u. a. der Wohnsitz des letzten württembergischen Königs Wilhelm II., wurde nach dessen Abdankung als Museum genutzt, im Weltkrieg 1939-45 bis auf die Grundmauern zerstört und in den Sechziger Jahren in einer zeitgenössischen Klassizismus-Interpretation neu aufgebaut (Arch.: Wilhelm Tiedje). Mit seiner musealen Weiternutzung schließt sich also ein Kreis. Be. K.

www.yiarchitects.com

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