Fünfzig Jahre sind ein halbes Jahrhundert

Ein Besuch einer "gewöhnungsbedürftigen" Kirche von Gottfried Böhm in Rheda-Wiedenbrück

„Etwas gewöhnungsbedürftig“ erschien der Gemeinde der Kirchbau St. Johannes in Rheda-Wiedenbrück, deren Grundsteinlegung sich am 2. Mai 2015 zum fünfzigsten Mal jährte. Aus diesem Anlass feiert die Gemeinde mit zahlreichen Veranstaltungen den runden Geburtstag und lud für Ende April ins Gotteshaus. Hier sollte der Sohn des Architekten Gottfried Böhm, Paul Böhm, durch den Kirchraum und seine Geschichte führen. Leider kam der Sohn nicht, der Bahnstreik oder vergleichbares hatte die Straßen von Köln her verstopft. So erinnerten sich die zahlreich Anwesenden an längst vergangene Zeiten und dass die Kirche anfangs noch gewöhnungsbedürftig war.

Dabei musste sie wohl so gebaut werden, die Verantwortlichen damals wollten ausdrücklich eine Kirche, die ein Beispiel moderner Kirchenarchitektur sein sollte. Es gab einen beschränkten Architektenwettbewerb mit vier Teilnehmern. Gewonnen hatte ihn Gottfried Böhm, nicht bloß für eine Kirche, sondern gleich ein komplettes Pfarrzentrum.

Wie für viele Böhm-Entwürfe dieser Zeit war auch St. Johannes das Ergebnis einer Auflösungsarbeit. Traditionelle Raumfügungen wurden zu einem neuen, mehr fließenden Raum aufgebrochen. So gab es natürlich keine Gliederung in Haupt- und Seitenschiffe, keinen Chor mit dort aufgesetztem Turm. Es gab statt dessen aneinandergesetzte Polygone, die je nach ihrer Nutzung, je nach ihrer liturgischen Bedeutung in Größe und Position variierte. Unterschiedliche Grundflächen und Höhen gliederten damit das für sich genommen einfache Volumen.

Doch nicht allein heute noch erscheint der Bau manchem gewöhnungsbedürftig, auch der damals von der Jury nominierte Entwurf Böhms fiel beim Kirchenvorstand zunächst durch. Dieser bemängelte die zahlreich vorgeschlagenen (fünf) Rundtürme auch dann noch, als der Architekt sie im Grundriss sechseckig zeigte und die im Wettbewerb gelobten kecken Kegeldächer abgeschrägte. Die letzte Entwurfsfassung fand schließlich die Zustimmung der Klerikalen, nun war das sich stufenweise erhöhende flache Kirchendach mit einem ca. 30 m hohen Turm vorgesehen. Dieses allerdings erhielt noch ein – von unten unsichtbares – niedriges Satteldach, das die Bedenken der erzbischöflichen Behörde entkräftigen konnte.

Das hielt immerhin ein paar Jahre, dann kam es immer wieder zu Wasserschäden, so dass schließlich ein großer Teil der Kirche wie auch der umliegenden Bauten wie Pfarrheim und Vikariat 1986 mit Titanzinkblech verkleidet wurde, was den ursprünglichen Eindruck des Baus sehr beeinträchtigt. Letzte Dachreparaturen wurden 2008 am Pfarrheim durchgeführt.

Dennoch steht die Kirche im Ostwestfälischen noch immer für eine großartige Arbeit des Kirchenbauers Böhm, der gerade auf dem Wege war, unbewusst die Weichen zu stellen für eine ganz andere Liturgie, weit vor den Ergebnissen des Vatikanum II, welches genau in der Bauzeit dieser Kirche im Ostwestfälischen fiel. Be. K.

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