Der menschliche Maßstab

Der Film "The Human Scale", über die Arbeit Jan Gehls, startet im Oktober 2013 in deutschen Kinos

Wer in den kommenden Wochen in Hamburg auf dem Filmfest (26.09. bis 5.10.2013) ist, der sollte sich auf keinen Fall „The Human Scale“ entgehen lassen. Die Dokumentation über Arbeit und Haltung des dänischen Architekten und Städteplaner Jan Gehl vom Regisseur Andreas M. Dalsgaard (mit Camilla van Deurs, Projektmanagerin bei Gehl Architects) wird dann seine Deutschlandpremiere feiern. Wir konnten den Film für Sie bereits vorher anschauen und uns ein Bild davon machen, was der Architekt und Humanist Gehl zur Stadt heute und morgen denkt; und wie er und sein Team auf die Herausforderungen des internationalen Städtebaus ganz konkret reagierten/reagieren/reagieren werden.

Dabei handelt es sich bei dem knapp 90 minütigen Film um eine Mischung von Dokumentation und filmischer Untermalung der Thesen Gehls, die sämtlich um die große Stadt kreisen. In Stadtsilhouettentotalen oder Zeitlupenfahrten, in Sekunden lang gehaltenen Standbildern oder spektakulären Überflügen, Zeitüberblenden, oder mit den Statements zahlreicher Experten rund um die Welt geht es in dem Film um Ursache und Wirkung von Planung und Entwicklung, um Fehler und Korrekturen, um Vorbilder und Vorreiter.

Bilder aus Kopenhagen, Melbourne, New York, aus Christchurch oder Chongquing, Bangladesch oder Dhaka zeigen unterschiedliche städtische Welten, die trotz aller Verschiedenheiten von den scheinbar immer gleichen Energien getrieben werden: der Ökonomie des Bauens und der des Verkehrs.

Der Film geht hierbei davon aus, dass der Maßstabsverlust seit den sechziger Jahren beschleunigt zugenommen hat. Ursachen hierfür ist die auf wissenschaftlicher Basis begründete Forderung einer Funktionalisierung der Städte, die man eher als Maschine ansah, denn als einen organischen Körper. Dass dieses Maschinenverständnis, das teils in die Huldigung der Maschine Auto mündete, der Tod jeder noch lebendigen Stadt nach europäischem Vorbild ist, zeigen die Bilder des Films überdeutlich.

Sie zeigen auch die Anstrengungen des dänischen Teams um Jan Gehl, diese scheinbar sterbenden wie gleichwohl rasend schnell wachsenden Räume postindustrieller Zeit menschlich zu machen; über Partizipation, über integrales Planen. Am Ende der Tour de Gehl durch viele Metropolen dieser Welt steht das Statement, dass wir mit welcher Masterplanung auch immer nicht weiterkommen. Schon weil der Anspruch auf Fehlerfreiheit einerseits wie die Forderung nach kompletter Analyse andererseits eine umfassende Planung schlicht nicht leistbar machen. Doch er gibt uns – mit Blick auf das, was bisher geleistet wurde, also unsere Superstädte mit immer noch funktionalistischer Ausrichtung – wie ein Schlussstatment im Film eine Idee für Veränderungschancen: Wir müssen, so Gehl, die Menschen, die wir nicht erziehen, die wir nicht zwingen können, einladen. Zum Gehen. Zum Stehenbleiben, zum Sitzen und natürlich zum Gespräch. Und: Wir haben Zeit. Und: Die Menschen werden es auch ohne ideologisch gefärbte Planungsansätz leisten; das Leben in der Stadt mit menschlichem Maßstab.

Anzumerken bleibt, dass wer die großartigen Bilder des Films von großartigen Plätzen, von besonderen Orten dieser Welt auch genießen, in sie eintauchen möchte, ins Kino gehen muss. Die den Bildern immanente Suggestion wird vom 17 Zoll-Bildschirm eines durchschnittlichen Rechners gebrochen. Wer aber nur die Botschaften lesen möchte ist am Computer natürlich besser dran (Replay-Taste). Be. K.

The Human Scale. Ein Film von Regisseur Andreas M. Dalsgaard (mit Camilla van Deurs, Projektmanagerin bei Gehl Architects). 83 min., Verleih Deutschland: NFP marketing & distribution, Berlin, www.NFP.de. Kinostart in Deutschland am 31.10.2013, zuvor schon auf dem Filmfest Hamburg .

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