Das Universalistische einer Ruine

Die in Duisburg gescheiterte Museumserweiterung ist eigentlich der beste Startpunkt

Als die Architekten Herzog & de Meuron 1996/97 ihre “Kunstkiste” für die Sammlung Grothe vorstellten, wussten sie sicherlich noch nicht, dass aus dem rohen Betonquader einmal eine Stahlskulptur werden würde, deren offenbarer Charakter in der öffentlichen Diskussion mit “Schrotthaufen” (Materialwert) und “Ruine” (Scheitern) umrissen wurde. Der Betonquader damals, dessen Bewitterung eine Patina erzeugen sollte, die an alte Bunkeranlagen (Ruinen) aus dem Krieg 1939-45 erinnert hätte, wurde nicht realisiert. Vielleicht war er zu radikal, vielleicht fehlte auch ganz einfach der Platz, wo man ihn hätte hinstellen können. Die Kunstsammlung fand vorläufig ihren Platz in der ehemaligen Küppersmühle am Duisburger Innenhafen, einem schönen Backsteinbau aus der Anfangszeit des vergangenen Jahrhunderts. Die Sammlungsübernahme und -erweiterung in 2005 verlangte nach mehr Fläche. Die Architekten aus Basel, die schon die Mühle umgebaut hatten, holten den Quader wieder hervor und stellten ihn auf das Silobündel neben der Mühle. Der ursprünglich massive Baukörper war jetzt aufgelöst in semitransparente Wände, der erdenschwer lastende Beton nun in den Himmel gehoben. Die hierzu nötige Leichtigkeit erreichten die Architekten über die Reduzierung des Massiven in eine Stahlstruktur. Deren anspruchslose, dem Fachwerk entlehnte Statik, macht das Gebilde zu einem Zweckbau, wie es viele dort am Hafen gibt.

Nun liegt das Fachwerk dieses ephemer angelegten Raums noch immer dort, wo es geschweißt wurde, auf einem wilden Parkplatz neben der Kunstsammlung. Gefährlich unsachgemäß gefertigte Nähte verhinderten seine Fertigstellung. Vier Jahre haben das dem Wind und Wetter ungeschützt ausgesetzten Stahlfachwerk rosten lassen. Und läge der durchsichtige Körper nicht sorgfältig austariert am Boden, könnte man auf die Idee kommen, er sei aus der ihm zugedachten Höhe herabgestürzt und läge also ruiniert zwischen hochgestellter Autobahn und den bereits ertüchtigten Silos.

Er wird demnächst zerschnitten werden, in handelbare Stahlmasse zerlegt. Dabei ist der Raum bereits fertig, sein ruinöser Anschein ist nur ein Anschein. Unser in Stoffkreisläufen an Degression gewöhntes Denken erlaubt offenbar nur das Bild eines im Verfall befindlichen Bauwerks. Dessen ruinöser Zustand verweist uns – glücklicherweise – auf seine sehr gute Recyclingfähigkeit. Die wir wiederum als einen politisch korrekten Aggregatzustand im gängigen Stoffkreislaufdenken empfinden. Dabei wäre das rostende Stahlskelett ein idealer Baustein, die Baugeschichte aus 1996 ins Heute fortzuschreiben. Gleichsam über verschiedene Larven- und Puppenstadien entwickelt, ist die mögliche Vollendung der Ruine nicht bloß die nachhaltigste Lösung, sie ist auch die konsequenteste.

Die an diesem Beispiel der Entwurfstransformation ablesbare Logik sieht wie folgt aus: Aus dem Versuch, Architektur als etwas Lebendiges und sich stets veränderndes Subjekt über die an statischen Problematiken orientierte Architekturgeschichte hinaus zu heben – denn über die Entwicklungen und Erfindungen sowie die Negation von statischen Systemen ließen sich Gotik, Renaissance oder auch der Dekonstruktivismus leicht beschreiben – ist, wenn auch unfreiwillig, ein zutiefst geschichtsverflochtenes Gebautes getreten. Die rostende Ruine ist, vom unrealisierten Entwurf der “Kunstkiste” über die architektonisch und denkmalpflegerisch korrekte Zwischenlösung Klinkerbau in einer wohl endgültigen Form aufgegangen. Ihr Charakter ist nun ungeplant und ungefähr und damit zugleich universell. In Duisburg müssen die Architekten, nicht die Stahlhändler jetzt die Geschichte weiterschreiben, mit der sie vor Jahren begonnen haben. Die Ruine über dem Lost Space Parkplatz könnte das Spannendste werden, was die Basler in den letzten Jahren realisiert haben. Be. K.

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