Audi gewinnt. Zeit zum Beispiel

Erster Audi Urban Future Award in Venedig verliehen. J. Mayer H. gewinnt die mit 100.000 € dotierte Auszeichnung

Gemessen am Zeitpunkt des Geburtsjahres seiner industriellen Massenproduktion 1908 ist sich das Auto in seiner einhundertjährigen Geschichte immer zum Verwechseln ähnlich geblieben. Im Gegensatz zu anderen wichtigen technischen Erfindungen, dem Telefon beispielsweise, haben wir das Auto zum Dinosaurier unserer Moderne verkommen lassen. Zwar hochverfeinert mittels Komfort- und Sicherheitstechniken, mittels Sonderlacken und Motorenvarianten, dient die perfektionierte Pferdekutsche noch immer nur den beiden hauptsächlichen Zwecken Fortbewegung und Ausstattung unseres Selbsts.

Gerade die letzten Monate jedoch haben bedrohlich vor Augen geführt, dass der völlig überzüchtete und in der Tragweite seiner globalgesellschaftlichen Bedeutung unterschätzte Dinosaurier kurz vor dem Ende der Sackgasse steht, in welche er vor über hundert Jahren aufgebrochen war; zunächst schleichend, dann rasend schnell, heute gut versichert und in der Regel zu teuer geleast. Mancher Automobilhersteller reagierte da mit optisch aufgemotzten Klein-und Mittelklassewagen, deren vordergründige Nachhaltigkeit jedoch zum Feigenblatt degenerierte vor dem Hintergrund der Produktpalettenerweiterung zwecks Absatzsteigerung in den noch nicht gesättigten Märkten. China beispielsweise, Traumland aller Vertriebsleiter und Marktstrategen.

Aber auch im klassenlosen China wird eines nicht fernen Tages die Zwei-, Drei- oder Mehrklassenmobilität praktiziert werden, die der Vorstandsvorsitzende der Audi AG, Rupert Stadler in einem Gespräch mit der DBZ für Europa skizzierte: „Premium-Mobilität“ nennt er das, was sich demnächst nur noch die besser und sehr gut Verdienenden leisten können. Ein kleiner, ein zu kleiner Markt für ein Unternehmen, das bis 2015 die Anzahl seiner Modelle auf 42 erweitern möchte. Was aber machen? Wie dem Schreckensszenario einer autofreien Mobilität begegnen?

Elektroantriebe für Autos, die heute noch mit Erdöl- oder Erdgasderivaten über die Straßen getrieben werden, sollen die Absatzzahlen stabil und damit die Dinosaurier am Leben halten. Doch wie werden diese Autos in den wachsenden Städten rollen? Wie werden die Städte aussehen, wie die automobile Fortbewegung im Jahr 2030? Man könnte Soziologen befragen, Ökonomen und die Politik. Rupert Stadler entschied sich für Architekten und Designer, die sich mit Zukunftsfragen schon länger befassen, sei es mit Fragen des Städtebaus, sei es mit Fragen der Kommunikation, mit Fragen, wie Technologien und Technologieabfälle miteinander Infrastrukturen ausbilden können und so weiter. Audi ludt sechs Büros zum ersten Audi Urban Future Award ein: Alison Brooks Architects (London), BIG - Bjarke Ingels Group (Kopenhagen), Cloud9 (Barcelona), Diller Scofidio + Renfro (New York), J. Mayer H. (Berlin) und Standardarchitecture (Beijing). Sie alle wurden zu Gesprächen nach Ingolstadt und London eingeladen, es gab Workshops und Präsentationen. Die New Yorker stiegen vor Wochen aus (die Glücklichen leiden am Workoverflow), die fünf stellten sich schließlich mit ihren Entwürfen in der vergangenen Woche (24. August) in Venedig einer internationalen Jury unter dem Vorsitz von Saskia Sassen. Und entschied sich für J. Mayer H. als Gewinner.

Am Abend überreichte Rupert Stadler vor 200 geladenen Gästen den mit 100.000  € höchstdotierten deutschen Architekturpreis an das glückliche Gewinnerteam um den Berliner in der architektonisch und bauhistorisch einmalig schönen Scuola Grande della Misericordia. Hier kann noch bis Ende September 2010 die Öffentlichkeit die Visionen der fünf Architekturbüros in einer eindrucksvollen Ausstellung nachvollziehen (Ausstellungskonzept: raumlaborberlin).

„Jürgen Mayer H. und sein Büro haben radikal mit unseren Sehgewohnheiten auf Städte gebrochen und daraus Ansatzpunkte für eine völlig neue urbane Ästhetik entworfen. Durch das Verschränken und Überlagern von Realität und Virtualität wird unsere Wahrnehmung städtischer Areale nicht nur in ungeahnte neue Formen gelenkt, sondern die Stadt selbst grundlegend verändert“, begründet Christian Gärtner, Vorstand der Stylepark AG und Kurator der Ausstellung, die Entscheidung. Stylepark hatte den Award erdacht und mit Audi, in der Person Stadlers, schließlich unter höchstem Zeitdruck umgesetzt. „Die Architekten haben faszinierende Konzepte, Modelle und Entwürfe zum Thema Städtebau der Zukunft entwickelt“, so Rupert Stadler bei der Preisverleihung. Die Vielfalt der Visionen zeige, wie unterschiedlich das Leben in den Megacitys der Zukunft strukturiert werden könne. Großstädte werden zu mobilen Gebilden, bei denen Grenzen zunehmend verschwimmen. „Das ist nicht nur für die Städteplaner, sondern auch für einen international agierenden Automobilhersteller wie Audi im Hinblick auf die Zukunft individueller Mobilität von großer Bedeutung.“ Stimmt, mit Wettbewerben solcher Art kann ein Konzern gewinnen, Zeit zum Beispiel, immerhin.

Und es gibt, neben dem Architekten, noch einen Gewinner: Rupert Stadler. Dass er das große Zukunftsthema Mobilität in Venedig so energisch und mit Blick auf den Mutterkonzern VW in so vorauseilender Weise angeht, könnte einen Grund haben: den der Auszeichnung. Rupert Stadler öffnet sich damit alle Optionen auf dem Weg in Richtung Konzernspitze, die zur Zeit noch von Martin Winterkorn besetzt ist; der vorher die Geschicke Audis gelenkt hatte; mit Erfolg bis damals. Be. K.

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