Baukultur, die überdauert
08.09.2026Die Gewinner des Erich-Mendelsohn-Preises 2026 für Backstein-Architektur stehen fest. Bei ihrer Entscheidung legte die Jury in diesem Jahr besonderes Augenmerk auf drei Kriterien: den gestalterischen und konstruktiven Einsatz des Materials Backstein, den sensiblen Umgang mit dem Bestand sowie die Berücksichtigung sozialer Aspekte, heißt es in der Pressemitteilung. Entlang dieser Kriterien entschied sich die Jury für die Erweiterung von Het Steen in Antwerpen von noAarchitecten als Grand-Prix-Gewinner. Die Preisverleihung fand am 4. September in Berlin statt.
Grand-Prix-Winner: die Erweiterung von Het Steen in Antwerpen von noAarchitecten
Foto: Kim Zwarts
Damit geht der Grand Prix erstmals nach Belgien – in ein Land, dessen Baukultur seit Jahrhunderten eng mit dem Backstein verbunden ist. Bei der Erweiterung und Restaurierung der mittelalterlichen Burganlage Het Steen in Antwerpen setze das Büro noAarchitecten Backstein als Bindeglied zwischen historischer Substanz und zeitgenössischer Architektur ein. Das Projekt überzeugte die Jury durch die behutsame Weiterentwicklung des historischen Bestands und die Öffnung des Denkmals als lebendigen öffentlichen Ort.
Drei Goldauszeichnungen gehen in diesem Jahr in die Schweiz, die Niederlande und nach Deutschland. Auch diese drei Projekte entwickeln laut Jury neue architektonische Qualitäten aus dem Vorgefundenen. Das Hotel Leo in St. Gallen begegne seinem historischen Umfeld mit großer Zurückhaltung: Materialität und Farbigkeit nehmen Bezug auf die benachbarte Villa, während die präzise Setzung des Neubaus einen neuen öffentlichen Platz entstehen lässt. Beim Veemgebouw in Eindhoven wird ein modernistisches Lagerhaus mit minimalen Eingriffen weitergenutzt und um drei Wohngeschosse ergänzt. Wellenförmige Backsteinfassaden führen die Materialität des Bestands eigenständig fort und verbinden die Transformation mit bezahlbarem Wohnraum. Der Umbau des Siedlerhauses Battin wiederum setzt beim Archetyp des Wohnens selbst an: Backstein wird zum konstruktiven und räumlichen Ausgangspunkt einer Neuinterpretation elementarer häuslicher Räume und Rituale.
Best in Germany: Ein Monolith als Lückenschluss
Foto: Jan Bitter
Mit „Best in Germany“ wurde 2026 erstmals eine Auszeichnung eingeführt, die den Blick gezielt auf die Verbindung von gestalterischer Qualität und nachhaltigem Bauen in der deutschen Baukultur richtet. Gleich drei Projekte überzeugten die Jury: Ein Monolith als Lückenschluss von DMSW Architektur Stadt Landschaft in Berlin-Neukölln, die Erweiterung der Kaiserin-Augusta-Schule von ZILA in Köln und die Sanierung und Erweiterung der ehemaligen Maschinenzentralstation in Hamburg von BIWERMAU Architekten. Alle drei Projekte verbindet ein sensibler Umgang mit dem städtischen Bestand und der Einsatz von Backstein als dauerhaftes, identitätsstiftendes Material. Während DMSW ein vermeintlich unbebaubares Grundstück in gemeinschaftlich getragenen Wohn- und Arbeitsraum verwandelt, führt ZILA mit rotem Backstein die Materialität des Bestands und der Kölner Umgebung weiter. BIWERMAU Architekten schenken dem UNESCO-Weltkulturerbe Speicherstadt mit der Sanierung der ehemaligen Maschinenzentralstation und der Wiedererrichtung des im Krieg zerstörten Kopfbaus ein Stück seiner ursprünglichen Gestalt zurück.
Best in Germany: Erweiterung Kaiserin-Augusta-Schule
Foto: Sebastian Schels
Wie Architektur einen konkreten Mehrwert für das städtische Zusammenleben schaffen kann, beschäftigt auch die nächste Generation. Die Newcomer-Preis-Jury zeichnete den Entwurf „Kühlturm“ von Deborah Süß, Architekturstudentin der HTWK Leipzig, mit Gold aus. Als Busstation verbindet das Projekt einen alltäglichen Ort des Wartens mit einem öffentlich zugänglichen Kühlraum für unsere zunehmend aufgeheizten Städte.
Auf die diesjährige siebte Ausschreibung des Preises folgten 533 Projekteinreichungen aus mehr als 40 Ländern. 99 Projekte schafften es in den Hauptkategorien auf die Shortlist, zwanzig in der Kategorie Newcomer. Aus dieser Vorauswahl wurden wiederum die finalen Sieger ermittelt.
Die Gewinner im Überblick:
Winner Grand Prix | Het Steen (Antwerpen, BE) | noAarchitecten
Die Erweiterung von Het Steen in Antwerpen schreibt die bewegte Geschichte der mittelalterlichen Burganlage behutsam weiter. Ein neuer Flügel ersetzt einen Anbau der 1950er-Jahre, verbindet unterschiedliche Zeitschichten und stärkt das Bauwerk als historischen Ort, Passage und städtisches Wahrzeichen.
Winner Gold | Büro- und Gewerbebau | Hotel Leo (Zürich, CH) | Boltshauser Architekten
Der Hotelneubau setzt einen neuen Hochpunkt am Rand der St. Galler Innenstadt. Seine grünliche Backsteinfassade vermittelt zwischen Alt und Neu, während natürliche Materialien und eine flexible Gebäudestruktur nachhaltige Nutzung ermöglichen.
Winner Gold | Wohnungsbau/Geschosswohnungsbau | Veemgebouw (Eindhoven, NL) Caruso St John Architects
Das denkmalgeschützte VEEM-Gebäude wird mit minimalen Eingriffen umgenutzt und durch drei Wohngeschosse ergänzt. Die markante Aufstockung mit begrüntem Dachhof stärkt seine Rolle als Orientierungspunkt im Quartier Strijp-S.
Winner Gold | Einfamilienhaus/Doppelhaushälfte | Umbau Siedlerhaus Battin (Brüssow, DE) Klöpfel Zeimer Architekten
Ein präziser Raumeinbau aus Sichtmauerwerk ordnet ein Siedlerhaus der 1950er-Jahre von innen neu. Die begehbare Backsteinplastik verbindet die Geschosse und schafft neue Blick- und Wegebeziehungen.
Winner Gold | Newcomer | Kühlturm | Deborah Süß (HTWK Leipzig)
Der Kühlturm am Bayerischen Platz verbindet industrielle Formensprache mit traditionellen Prinzipien passiver Kühlung. Gedrehte Backsteine leiten kühle Winde ins Innere und schaffen einen öffentlichen Rückzugsort.
Best in Germany | Wohnungsbau/Geschosswohnungsbau | Ein Monolith als Lückenschluss DMSW Architektur Stadt Landschaft
Auf einem als unbebaubar geltenden Grundstück in Neukölln schließt ein markanter Backsteinbau den Blockrand. Seine besondere Kubatur übersetzt komplexe Vorgaben in eine prägnante architektonische Figur.
Best in Germany | Öffentliche Bauten, Freizeit und Sport | Erweiterung Kaiserin-Augusta-Schule (Köln, DE) | ZILA
Die Erweiterung der Kaiserin-Augusta-Schule ergänzt den fragmentierten Blockrand des Kölner Georgsviertels. Roter Wasserstrichziegel und differenzierte Fugenraster greifen die heterogene Umgebung auf und verleihen dem Neubau eine ruhige Eigenständigkeit.
Best in Germany | Büro- und Gewerbebau | Maschinenzentralstation (Hamburg, DE) | BIWERMAU Architekten
Durch die behutsame Sanierung und Erweiterung der ehemaligen Energiezentrale in der Hamburger Speicherstadt entsteht ein Ensemble, das ein Stück Stadtreparatur schafft, während die unterschiedlichen Zeitschichten sichtbar gemacht werden.
Erich-Mendelsohn-Preis für Backstein-Architektur
Der erstmals 2008 unter dem Namen Fritz-Höger-Preis für Backstein-Architektur ausgelobte Wettbewerb findet alle drei Jahre statt und wird seit 2011 partnerschaftlich vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA unterstützt. Seit 2022 firmiert er unter dem Namen Erich-Mendelsohn-Seite Preis für Backstein-Architektur.
Jury 2026
Die unabhängige Jury des Erich-Mendelsohn-Preises 2026 für Backstein-Architektur setzte sich wie folgt zusammen: Max Wasserkampf (Präsidiumsmitglied BDA), Marie Bruun Yde (Redaktion Bauwelt), Josep Ricart (HARQUITECTES, Winner Grand Prix 2023), Jórunn Ragnarsdóttir (Lederer Ragnarsdóttir Architekten) sowie Lena Unger (Meier Unger Architekten).
Newcomer-Jury: Jeanette Kunsmann (Chefredakteurin DETAIL), Jurek Brüggen (undjurekbürggen, Winner Newcomer 2023) und Benedikt Hotze (Pressereferent BDA).
