Zu viel Redundanz im Archiv
„Ein Archiv der Nachkriegsmoderne“, so steht auf dem Titel in der Unterzeile, darüber „Kirchenbauten“. Das ist insofern irreführend, weil das genannte Archiv nicht allein Kirchenbauten umfassen soll. Man wird hier nachlegen, Folgebände sollen mittels einer Art „Versuchsanordnung“ „eine Baukultur analysieren und dokumentieren, die zu schwinden droht“ (Herausgeber). Das Letztere wiederum trifft auf Kirchenbauten ganz besonders zu, viele tausend Sakralbauten stehen leer in Deutschland, manche sind von Umnutzung betroffen, nicht wenige vom Abriss. Zeit also, das Vorhandene zu dokumentieren?
Das Fragezeichen deutet an, ob ein reines Dokumentieren überhaupt nötig ist, denn die hier vorgestellten Bauten (Schwerpunkt NRW?!) sind sämtlich fester Bestandteil der deutschen Architekturgeschichte, um deren Fortbestand man sich (eigentlich) keine Sorgen zu machen braucht. So werden von insgesamt 16 vorgestellten Kirchenbauten (Bauzeit 1953-1973) u. a. die Abteikirche Königsmünster, Meschede (Hans Schilling), die Christuskirche, Bochum (Dieter Oesterlen), Heilig-Geist, Emmerich am Rhein (Dieter Georg Baumewerd), Heilig Kreuz, Bottrop (Rudolf Schwarz, der natürlich mit St. Anna, Düren - mit Maria Schwarz - als einziger in der Publikation zwei Bauten hat), die Jakobuskirche, Düsseldorf (Eckhard Schulze-Fielitz) oder der Mariendom, Neviges (Gottfried Böhm) präsentiert.
Aber wer hier systematische Dokumentation erwartete, muss umdenken. Alle Kirchenbauten sind Teil einer durchlaufenden Erzählung. Sie sind in dieser Erzählung eigenen Kapiteln zugeordnet, deren ordnende Systematik nur eine scheinbare ist und teils auch eine fragwürdige. So wird in „Transparenz und Offenheit“ der Kirchenbau als Ausdruck der neuen Zeit ebenso konstatiert wie er in „Wandhaftigkeit [das klingt nach Rudolf-Schwarz-Diktion] und Schwere“ ebenso, nur jetzt halt für andere Bauten erklärt wird. „Fragment und Abstraktion“, „Einfachheit und Bescheidenheit“ und dann noch: „Antiheroik“.
Das Zerpflücken von Typen, ihre Stückelung und Separation wirkt gewollt und wirklich weist der redundante Charakter der ganzen Erklärgeschichten darauf, dass dieses Fokussieren auf Aspekte vielleicht ein anderer als der bisher übliche Weg ist, aber er führt überall und nirgends hin. Dass die Arbeit mit Recht – weil bisher Desiderat – durchaus detailliert auf das Konstruktive eingeht, auf das Machen, unterscheidet sie positiv von vergleichbaren Sammlungen von Kirchenbauten dieser Zeit. Dieser Aspekt wird auch in der (häufig zeitgenössischen) Fotografie gespielt sowie in den eigens angefertigten Strukturmodellen, die das tragende System perfekt anschaulich machen.
Saubere Pläne, die Mischung aus Baustellen- und Innen-/Außenraumfotografie, eine kleine Bibliografie – alles in ein insgesamt flüssiges, leicht zugängliches Layout gepackt – machen die Publikation trotz inhaltlicher Schwächen zu einem Arbeitsbuch. Perfekt wären – dann für die Nachfolgearchive – ein wesentlich ausführlicheres Verzeichnis der Bauten (es fehlen Angaben zum Bauherrn, zum Vergabeverfahren, zu Fachplanerinnen, Kosten, zum Standort etc.), eine Karte vielleicht, aber ganz bestimmt ein Sach- und Personenregister. Vielleicht fehlte auch eine stringentere Schlussredaktion, die Redundanzen löscht, noch einmal Fragen zur Terminologie aufwirft, Fachbegriffe (momentaffine Betonbinder) checkt und die historische, kulturgeschichtliche Komponente einer Historikerin zuweist. In jedem Fall aber offenbart die Publikation einen Schatz, den in seinen Teilen anzuschauen man sich wieder gedrängt fühlt. Weniger, um Antiheroik zu spüren, mehr, um aus der Anschauung des gestern Gebauten für das Bauen morgen zu lernen. Ich habe bereits die Route geplant! Be. K.
Kirchenbauten. Ein Archiv der Nachkriegsmoderne. Hrsg. v. Piet Eckert, Wim Eckert. Dt./ Engl. Triest Verlag, Zürich 2026, 240 S., 215 Abb. u. Pläne
49 €, ISBN 978-3-03863-105-7
