Wer Stadt verstehen will



Vier Leinenbände, je zwei Lesebändchen, Papiergewicht jenseits der 120 g/m², klassisch zweispaltiges Layout, der Mengentext in einer Serifentypo, Zwischen- und Überschriften Versalien, serifenlos. Abbildungen meist als Strichzeichnungen (Schwarzpläne, Diagramme etc.) oder Senkrechtluftbilder … Es geht um die Stadt. Oder nein, es geht um die Kunst, eine Stadt zu bauen, zu korrigieren vielleicht sogar eher. Denn gebaut werden Städte heute – jedenfalls in Europa – nicht mehr als Ganzes.

Vier also sehr wertig gemachte Bände im Leinenschuber, vier Bände, in denen sich das Institut für Stadtbaukunst, Dortmund, vier Stadtplanungskategorien annimmt: Stadträume, Hofräume, Platzräume und Straßenräume werden sie genannt. Die Verfassser:innen verstehen Stadt als tektonisches Gebilde, das von Räumen gegliedert und überhaupt erst gebildet ist; von Räumen, das war vor der Lektüre bereits klar, die arg bedroht, teils schon verloren sind. Die wesentliche Ursache dieses Verlusts/der Bedrohung ist nach Herausgeberauffassung die Moderne, die von Stadtwerden und -entwicklung nichts wissen wollte oder darunter etwas ganz anders verstanden hat. Dass dieser Bruch der Moderne-Protagonist:innen mit dem baukulturellen Erbe der sogenannten „Europäischen Stadt“ insbesondere des 19. Jahrhunderts neben einer Überforderung der meist mittelalterlichen Stadtkonstrukte auch mit klaren politischen Zielen und langfristigen Visionen eines gesellschaftlichen Aufbruchs verbunden war, verschweigen die Herausgeber:innen. Wie überhaupt schon im Untertitel der bildermächtigen Publikation klar wird, dass das Handbuch eine „Anleitung“ sei, eine Gebrauchsanleitung dafür, die Stadt, wie wir sie heute sehen, zu heilen.

Dafür, so ist diese Arbeit zu verstehen, müsse man in die Geschichte schauen. Und dort erkennen, was – ex nihilo – natürlich gewachsen war, sich entwickelte nach den Prinzipien, die für die meis-ten Städte in Europa galten. Also werden wir mit hunderten Schwarzplan-Analysen konfrontiert, die nach Mustern schauen, diese ordnen und Kategorien schaffen wie „Stadt der Tore“, „Stadt der Platzfolgen“, der „Rathausplatz“, der „Domplatz“, der „Opernplatz“, gekrümmte, abgeschlossene, verengte und aufgeweitete Straßenräume und vieles mehr. Dass dabei fast ausnahmslos auf Stadtsegmente geschaut wird, die die Vormoderne repräsentieren, überrascht nicht.

Tatsächlich muss man die Publikation, deren Grundlagenarbeiten im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik seitens des Bundes gefördert wurden, als weiteren Arbeitsbericht des Dortmunder Instituts für Stadtbaukunst und deren Protagonist:innen ansehen. Die sehen es als ihre zentrale Aufgabe, verloren gegangene „Schönheit“ in den deutschen, den europäischen Städtebau zurückzuholen. Was diese „Schönheit“ sein soll – bilder- und gefühllastig ist sie in Dortmund – wieviel Stadtsoziologie, Stadthistorie als Alltags- und Herrschaftsgeschichte etc. sie korrigieren darf, das bleibt in dieser Publikation offen. Geschichte ist hier das, was als passend für einen Diskurs zur Schönheit ausgewählt wurde. Aber Schönheit ist tatsächlich zu jeder Zeit etwas anderes, mal ein Kampfbegriff, mal der Gipfel von Selbstoptimierung, selten ein Werkzeug und am Ende meist nichts mehr als ein Zeitgefühl.

Darum fehlen wesentliche Stadterklärparameter wie automobiler Verkehr, öffentlicher Verkehr, Zweiradverkehr. Es fehlen Demografie, Schrumpfung und sogar: Digitalisierung! Und es fehlt eine Begriffskritik/-methodik, die einem Handbuch eigentlich angemessen wäre. Dennoch: Wer Stadt verstehen will, ist in der Flut der Stadtaufsichten gut aufgehoben. Begleitet vom Studium weiterer städtebaulicher Analysearbeiten ist man dann gefeit davor, in diesen vier Bänden eine „Anleitung“ zu sehen. Be. K.

Handbuch der Stadtbaukunst. Hrsg. v. Christoph Mäckler / Dt. Institut für Stadtbaukunst. 4 Bde. i. Sch. Jovis, Berlin 2022, insges. 516 S., 1000 Farb-. und sw-Abb.,128 €, ISBN 978-3-86859-746-2
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