Schott mit Schutt: Abriss eines Neuferts in Mainz
Die Architektenkammer Rheinland-Pfalz verbreitete eine „Polemik” im Zusammenhang mit dem aktuellen Abriss des Neufert-Verwaltungsbaus der Schott AG in Mainz; aber Polemik, also Ironie, Übertreibung, Spott oder Angriffslaune war dem Papier nicht zu entnehmen. Immerhin jedoch der Titel dieses Beitrags, „Schott mit Schutt“. Aber ist das Polemik? Verständlich die Empörung über den Abriss eines Gebäudes, das Ernst Neufert 1952 als neue Hauptverwaltung realisierte, einen Abriss, den das Unternehmen wenig originell damit verteidigt, dass sowohl die Bausubstanz als auch die technische Ausstattung „nicht mehr den heutigen Anforderungen an moderne Arbeitswelten sowie den geltenden Standards in den Bereichen Brandschutz und Energieeffizienz“ entsprechen; also entsprachen, denn jetzt ist nichts mehr. Allein der wenig kongeniale Erweiterungsteil mit (Schott?)Glasfassade von 2009 (JSK Architekten, Frankfurt a. M.) steht noch; die 1950er-Jahre Architektur ist verschwunden.
Polemisieren sollte man allerdings eher prinzipiell, weniger über den Neufert-Verlust als vielmehr darüber, wie immer noch mit dem Bestand umgegangen wird. Abriss-Partys sind überall noch fröhliche Vorfreude auf etwas Neues oder vordergründig kalkuliertes Denken im Jetztgerade. Denn natürlich wäre der Skelettbau, wertvolle Substanz weit jenseits aller geschichtlicher Bedeutung, zu erhalten gewesen. Wahrscheinlich sogar zu geringeren Kosten als ein (möglicher) Neubau. Die Polemik seitens der Kammer zielt leider viel zu oft auf die Vernichtung wertvollen Kulturerbes und nicht auf das grundsätzliche Problem der Nichtwertschätzung des überwiegend anonymen Bestands. Mit dem arbeiten, was ist. Oder, wie es Architekten-Ikonen formulierten: Das Prinzip des „as found” kulminierte in Ausstellungen, die vor exakt 70 Jahren davon ausgingen, dass die Arbeit mit dem Vorgefundenen die Zukunft sei („This is Tomorrow“, London 1956). Schott war mal Avantgarde, das ist offensichtlich beendet. Be. K.
www.diearchitekten.org
