Schein, Wirklichkeit und
architektonisches Material
Die Ehrlichkeit des Materials beschäftigt Generationen von Architekten. Gerade im Lichte der aktuellen Überlegungen zum kreislauffähigen Bauen stellt sich die Frage neu und drängend – welche Qualitäten billigen wir bereits benutzten Oberflächen und Bauteilen zu, damit sie in neuen Kontexten Zitat und Weiterentwicklung im Sinne einer schönen, nützlichen und dauerhaften Baukunst sein können? Überlegung zu einem neuen Umgang mit Ressourcen und überkommenen Wahrheiten.
In den 1990ern besuchten wir als Architekturpilger die Kapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp von Le Corbusier. Sie wurde uns als Ikone brutalistischer Architektur und als räumliches Wunder in das gestalterische Grundwissen eingeschrieben. Die rauen Oberflächen des Spritzbetons, das scheinbar schwebende, filigrane Dach sowie die Neuinterpretation des liturgischen Raums prägen noch heute die Wahrnehmung dieser Ikone der Architektur.
Als wir uns jedoch vor einigen Jahren intensiver mit Materialkreisläufen zu beschäftigen begannen, kamen wir über den Vergleich von Rudolf Schwarz’ Annenkirche in Düren erneut auf Le Corbusier zu sprechen. Wir kratzten dabei etwas an den Oberflächen seines Werkes und stellten fest, dass sich Ronchamp auch vollständig anders lesen lässt. Die Kapelle wurde zu rund 70 Prozent aus dem vorgefundenen Material des zerstörten Vorgängerbaus errichtet. So schrieb Corbusier in seinem Tagebuch: „Juni 1950: auf dem Hügel versuche ich drei Stunden lang den Platz und seine Umgebung kennen zu lernen. Ich will den Ort ganz in mich aufnehmen. Die von Geschossen zerfetzte Kapelle steht noch… Ich mache Untersuchungen; es gibt keine Möglichkeit, mit normalen Transportfahrzeugen auf den Hügel zu kommen. Folglich werde ich mich mit Sand und Zement begnügen. Allenfalls könnten die mehr oder weniger frostrissigen und ausgeglühten Abbruchsteine noch zum Ausfüllen verwendet werden, keineswegs jedoch zum Tragen. Ich erkenne immer deutlicher: Hier, unter derartigen Bedingungen, auf dem Gipfel eines isolierten Berges, hier - in einer Arbeitsgemeinschaft, mit einer einheitlichen Mannschaft, einer durchdachten Technik, mit (Frauen und)1 Männern, die hier oben, frei und Herren ihrer Arbeit sind. Glückauf!“2 Nach heutigem Verständnis würde man den Architekten damit in der Kategorie der Wiederverwendung einordnen.
Ob Le Corbusier unter diesen Voraussetzungen – wie Rudolf Schwarz – auf eine Verkleidung des gemischten Mauerwerks verzichtet hätte, bleibt eine offene Frage. Vielleicht nahm er mit der rauen Haut des Betons bereits etwas vorweg: dass das, was wir sehen, eher an Schein als an Sein erinnert. Wenn es so etwas wie eine Ehrlichkeit in der Materialästhetik gibt, dann sind wir heute mehr denn je in einem Zwiespalt der Widersprüche gefangen. Wir sehen uns selbst in einer Linie von Suchenden. Was für Le Corbusier die Obsession des Betons war, ist für uns – und für einige unserer Kolleginnen und Kollegen – mehr eine Fragestellung zu dem, was nach der monogamen Hingabe zu einem Material kommt. Eine Obsession zu neuen Hybriden, die es schafft, eine Ehrlichkeit durch offensichtliche Zerlegbarkeit zu bewahren? Auf alle Fälle, jeweils eine konkrete selbstgestellte Frage kritisch zu beantworten.
Die Herausforderung besteht darin, jede Idee zunächst gedanklich zu formulieren, sie im Kleinen zu testen und anschließend vielleicht zu skalieren. Andernfalls lässt sich der Vorwurf des Elitären kaum entkräften. Nimmt man für Ronchamp etwa die Fragestellung an, ob und mit wie vielen Zutaten aus dem Bauschutt einer Ruine eine neuartige Kirche entstehen kann, dann muss man das Resultat – trotz seiner täuschenden Haut – als gelungen bezeichnen.
Im Folgenden möchten wir zwei Fragestellungen ähnlichen Charakters untersuchen, welche die Spannweite vom Rohstoff bis zum Bauteil als Materialansatz reflektieren. Wir versuchen sie am eigenen Werk sowie an aktuellen Arbeiten geschätzter Kolleginnen und Kollegen zu beantworten.
Von außen ein formell modernes
Gebäude, griffen AFF Architekten für die Fügung der Bauteile auf historische Vorbilder zurück
Foto: Albert Mozer
1. Kann aus überwiegend lokalem Material ein ganzes Haus entstehen?
2014 nahmen wir den Auftrag an, im ländlichen Mecklenburg ein Wohnhaus zu errichten. Getrieben von der Idee der Bauhütte – in der das Wissen mit den Werkzeugen reist und nicht das Material – verbanden wir uns in glücklicher Fügung mit dem Architekten und Zimmermann Stephan Hahn und stellten uns gemeinsam der Aufgabe, ein Gebäude ausschließlich aus lokalem Holz und mit tradierten metallfreien Verbindungen zu errichten.
Das Holz-Beton-Hybrid Haus Lindetal kommt ohne metallische Verbindungen aus
Foto: Hans-Christian Schink
Die Anbindung an das nächstgelegene Sägewerk sowie der intensive Wissenstransfer mit dem Statiker Lars Janke erwiesen sich im Projektverlauf als entscheidend für das Entwerfen und Bauen in der Arbeitsgemeinschaft. In einer Bauweise, die sich in die Denkmalpflege zurückgezogen hat, entstand ein Neubau. Kann ein Holzrahmenwerk in Form und Atmosphäre dennoch zeitgenössisch sein?
Das Gebäude ruht auf einer Betonbasis, die mit ihren zwei aufstrebenden Wand- und Treppenelementen differenzierte Raumbereiche schafft. Dieser Monolith trägt einen Schwellenkranz aus Eichenholz mit vier Hauptrahmen, deren aussteifende Kopfbänder im Wohnraum sichtbar sind. Das Tragwerk ist als Holzrahmenwerk aus Kiefer ausgeführt und in Abbund durch Versätze, Zapfen- und Holznagelverbindungen gefügt. Die Außenhaut wird von einer ungesäumten Stülpschalung aus Lärche gebildet. Großformatige Eichenholzfenster bestimmen den Charakter des Hauses ebenso wie die langsam trocknenden Balken mit ihrem Duft und Knacken oder die unbesäumte Fassadenverkleidung. Das Kleid folgt dem inneren Geist – und beide leben von einer ungehobelten Rauheit, der man sich im heutigen Wohnungsbau meist mit Gipskarton und sterilen Oberflächen entzieht.
Wissen weitergeben: Innenräume des Gemeinschaftszentrums von Joud und Beaudoin
Foto: Joud und Beaudoin
Diese Arbeitsweise und ihre Resultate werden häufig als elitär eingeordnet: zu teuer und zu normfern in einer industrialisierten Bauwelt. Beide Vorwürfe gilt es zu widerlegen, in dem man mit der heutigen Baulogistik bricht. Und genau diese verfolgten auch Joud und Beaudoin in Lausanne, die jüngst ein Gemeinschaftszentrum fertigstellten, das sich als ironischer Kommentar zum benachbarten Eco-Quartier lesen lässt: ein Quartier, das zwar sämtliche energetischen Normen erfüllt, im eigentlichen Baubetrieb jedoch kaum Innovation hervorgebracht hat. Gemeinsam errichteten sie ein Gebäude mit dem französischen Stampflehmbauer Vincent Robin, der extra einberufen wurde, um lokale Baufirmen zu trainieren, sowie dem Freiburger Ingenieur Peter Braun. Es sollte wesentlich von Waadtländer Holz und Stampflehm aus dem eigenen Bauaushub geprägt werden. Heute, mit Fertigstellung, erscheint das Material in seiner Kombination und Rauheit – in einer Archaik, die auch mit ästhetischen Normen bricht und dennoch eine andere Moderne beschreibt. So berufen sich Joud und Beaudoin nicht nur auf die Weitergabe des Wissens während des Bauprozesses, das in Form von Weiterbildung für lokale Bauunternehmen geschah, sondern auch auf einen bewussten „materialistischen“ Ansatz im Sinne Jaques Lucans. „Der materialistische Ansatz in der Architektur führt unweigerlich zu der Frage nach der Verwendung von Materialien und damit auch zu der Frage nach der Konstruktion und deren Verständlichkeit aus phänomenologischer Sicht. Ein Gebäude ist das Ergebnis einer Arbeit. Diese Arbeit kann Ausdruck des Bauens sein,oder, genauer gesagt, der Handlungen, die zum Bauen beitragen, so, als ob der Betrachter eines Gebäudes in der Lage wäre, die verschiedenen für dessen Bau notwendigen Arbeitsschritte nachzuvollziehen“3
Trotz ihres zeitlichen und geografischen Abstands folgen beide Gebäude einer vergleichbaren Methodik. Sie wenden sich gegen zwei grundlegende Parameter der heutigen Baukultur. Erstens lassen sie das Wissen zum Ort kommen – und nicht das Halbfertigteil. Sie beziehen die Menschen vor Ort ein und machen den Bauprozess zu einer gemeinschaftlichen Praxis. Zweitens organisieren sie den Bauablauf in einem neuen Zeitregime, das Raum lässt: für Lernen, für das Reifen der Materialien und für das gegenseitige Annähern der Beteiligten. Der Gewinn sind Häuser, die bereits vor ihrer Eröffnung in Besitz genommen wurden.
Während das erste Beispiel den Ort des Materials in den Mittelpunkt stellt, verschiebt sich die Fragestellung nun auf eine andere Ebene: nicht mehr das Rohmaterial, sondern das bereits geformte Bauteil selbst wird zum Ausgangspunkt neuer materieller Zirkulationen.
2. Vom Material zum Bauteil und zurück
„Das neue Bauen des zwanzigsten Jahrhunderts sollte sich von den Zwängen der Vitruv’schen Forderung von utilitas, venustas und firmitas freimachen und sich die Verheißungen einer Wegwerfproduktion mit ihrer geplanten Obsoleszenz zu eigen machen. Aus Vitruvs Trias fand nur noch die utilitas die volle Gnade dieser Bau-Propheten. Die venustas, die Schönheit, degenerierte zu einem quasi automatischen Nebenprodukt der Nützlichkeit gemäß Sullivans Dictum form follows function, und die firmitas wurde mehr als Standfestigkeit im statischen Sinne, denn als Dauerhaftigkeit interpretiert.“4
Was Hartmut Frank diagnostiziert, ist nicht nur ein ästhetischer Verlust, sondern eine strukturelle Verdrängung des Dauerhaften in der Baupraxis. Die daraus resultierende Frage ist keine rein theoretische: Was geschieht, wenn man das Bauteil selbst wieder als Material begreift? Wenn das Halbfertigteil nicht Endpunkt, sondern Ausgangspunkt eines neuen Kreislaufs wird?
Spore Berlin: Alte und neue
Backsteine erzeugen ein ästhetisch
reizvolles Fassadenbild
Foto: Tjark Spille
Beim Projekt der Spore Initiative in Berlin-Neukölln haben wir versucht, genau diese Fragestellung auf unterschiedliche Weise zu beantworten. Das Gebäude sucht den Dialog zwischen Alt und Neu nicht nur programmatisch, sondern auch in seiner architektonischen Umsetzung. Neben Recyclingbeton und Betonresteverwertung zu „Concret Butter“ ist das Gebäude durchsetzt von Experimenten mit zurückgebauten Materialien und Objekten unterschiedlicher Maßstäbe.
Bei der Fassade haben wir in der Tradition der Berliner Klinkerarchitektur und der Trümmerverwertung nach dem Zweiten Weltkrieg mit wiederverwendeten Backsteinziegeln aus Rheinbrohl experimentiert. Mit ihren abgeplatzten Ecken, Falten und Narben bilden sie einen spannungsreichen Kontrast zu den neu verbauten Ziegeln der beiden obersten Geschosse. Einmal hergestellt, sind solche Ziegel eine langlebige Ressource, die – richtig eingesetzt – über Jahrhunderte hinweg neue Verwendungen finden kann, solange sie nicht engstirnige Normen mit unlösbaren Mörteln für ewig verbinden.
Genutzte Materialien wiederverwenden: aufbereitete Backsteine für die Spore Initiative
Foto: Tjark Spille
Das Reinigen und Wiedereinbauen dieser Klinker, das Wissen um ihre Beschaffenheit und Geschichte, ist kein nostalgischer Akt. Es war früher eine handwerkliche Praxis, die sich erst sehr langsam dem industriellen Reinigungskreislauf annähert, je höher die Energiepreise für das langlebige Brennen der Steine ansteigen.
Fernwärmestation von Joud und
Beaudoin: Fassadenkleid aus 25 000
zurückgebauten Dachziegeln
Foto: Joud und Beaudoin
Im ähnlichen Sinne und darüber hinaus arbeiten auch wieder Joud und Beaudoin im 1 000 km entfernten Lausanne. Bei der im Bau befindlichen Fernwärmezentrale stricken sie nicht nur ein wetterfestes Fassadenkleid aus 25 000 zurückgebauten Dachziegeln, sondern entwickeln in Zusammenarbeit mit dem Umweltingenieur Romain Kilchherr ein hybrides Gebäude, das den Abwärmeverlust der Anlage mit einem Gewächshaus räumlich auffängt. Somit werden nicht nur Baumaterialien vor dem Wegwerfen bewahrt, sondern auch Abfälle der technologischen Evolution in Architektur umgesetzt.
Die bisher beschriebenen Beispiele qualifizieren sich hinsichtlich ihrer Dauerhaftigkeit durch unterschiedliche Strategien: durch die Wiederverwendung von Materialien aus heutigem Bauschutt und industriellen Produktionsverlusten sowie durch den Umgang mit ungenutzten oder überflüssig gewordenen Elementen des gegenwärtigen Baubetriebs. Bei all dem spielt der Bauherr und zukünftige Nutzer eine wichtige Rolle. Er muss dem Mainstream entgegenschwimmen um ein Gebäude zu bekommen, das einer neuen Ästhetik folgt: die der benutzten Oberflächen und nicht vorhandenen Produktionsnachweisen. Für Letztere treten entweder die Erfahrungswerte von Fachleuten oder selektive Materialtests ein.
Noch berühren sie jedoch kaum jene Fragen, die über die materielle Dimension hinausreichen: die ästhetische und sinnstiftende Dimension der Baukunst, die das Neue Bauen – wenn nicht negiert – so doch stark in den Hintergrund gedrängt hat. Es sind Fragen der gebauten Umwelt, der Einbindung in städtebauliche Kontexte, typologische Traditionen sowie in Landschafts- und Naturressourcen.
Erst die bewusste Auseinandersetzung der Architektur mit der Dauerhaftigkeit und Langlebigkeit von Formen, Bildern und Narrativen eröffnet auch diese Dimension der Nachhaltigkeit. Sie zielt darauf ab, bei der Lösung gestalterischer Fragen Wahrnehmung und Erinnerung mit Konstruktion und Funktion einer Bauaufgabe konzeptionell und formal in Einklang zu bringen. Auf dem Weg dorthin liegen noch viele Steine, die es zu bewegen gilt. Vielleicht lassen sich aus ihnen – im besten Fall – wiederum Bausteine für eine Architektur gewinnen, die nicht nur neu, sondern auch dauerhaft ist.
Autoren: Martin Fröhlich ist Gründer von AFF
Architekten Berlin, Bea Engelmann leitet die Öffentlichkeitsarbeit bei AFF
www.aff-architekten.com
Foto: AFF
Bea Engelmann leitet die Öffentlichkeitsarbeit bei AFF
Foto: AFF
1 Ergänzung durch die Autor*innen
2 Ronchamp, Le Corbusier, 1957, Verlag Gerd Hatje Stuttgart, S.88
3 Jacques Lucan, Précisions sur un état présent de l‘architecture, Presses polytechniques universitaires roman-des, Lausanne 2015, S. 144.
4 Hartmut Frank, Firmitas – Auf der Suche nach einer Wiedergewinnung von Dauerhaftigkeit im Bauen, in: Quart 21, AFF, Berlin/Lausanne 2020
