Robustes Haus

Zugegeben, das Wetter war nicht gut. Es regnete leicht, der Himmel grau, das Licht dämmrig, Trostlosigkeit im Speckgürtel München-Freihams. Hier stehen Mehrgeschosswohnbau, Reihenhäuser, Villen und Wohntürme wild gemischt nebeneinander, die meisten der kleinmaßstäblichen Bebauungen ducken sich hinter dichte Hecken oder blickdichte Zäune. In der Görzerstraße fällt allerdings ein Dreigeschosser aus der Reihe: keine Abschottung zur Wohnstraße, keine Putzfassade, keine Tiefgaragen­einfahrt, kein Carport. Lastenfahrräder, eine  allen zugängliche Reparaturstation für Fahrräder, eine Bank, ein Trampolin im Vorgrün und eine Kiefer, die mittig vor dem Haus platziert steht, als solle hier etwas versteckt werden?!

Die Architektinnen nennen den mit schon schmuddelig vergrauter Fichtenschalung sowie hell glänzenden Stahltrapezblechen verkleideten Wohnbau das „robuste Haus“, Resultat einer erfolgreichen Bewerbung in einem Konzeptverfahren für das unbebaute Grundstück (Erbpacht). Beworben hatte sich die 2020 gegründete Gruppe „Goerzer128 GmbH“ mit „etal.cc“, einem kleinen Büro, dessen drei Gründerinnen hier ihr erstes Projekt realisierten – in einem kooperativen Planungsprozess, der mittlerweile bei jungen Planerinnen wie selbstverständlich dazu gehört, den dann auch zu leisten jedoch eine große Anstrengung bedeutet.

Das Haus, das wie ein Alien dasteht, hat eine BGF von 930 m², die Wohnfläche variiert zwischen 21 m² bis 40 m², je nach Belegung, die von 11 bis zu 21 Menschen reicht. Das Haus ist von einigen seiner Bewohnerinnen mitgebaut worden. Das sparte nicht nur Geld, es stellt auch sicher, dass einfache Reparaturen aus eigener Kenntnis selbst gemacht werden können, Pflegenotwendigkeiten schnell erkannt und Umbauten im Kontext des Ganzen gelesen werden können etc.

Das Haus ist ein Holzrahmenbau mit Brettschichtholzdecken, besitzt einen Fahrstuhl, bietet offene Grundrisse mit guter Variabilität der Nutzungen/Umnutzungen, zielt auf Gemeinschaftlichkeit und Engagement. Die Mieten – leicht über 11 €/m² – sind für die Lage sensationell niedrig, der Wohnkomfort mit Balkonen zum rückwärtigen Grün überdurchschnittlich … wenn man so dicht wie offen leben möchte und nicht derart verbarrikadiert wie in Teilen der Nachbarschaft.

Das Kollegen das Haus als „ziemlich abgerockt“ bezeichnen, deutet auf etwas Zentrales: Wir sind es nicht gewohnt, derart mit Einfachheit konfrontiert zu werden. Dass dieses Einfache es gerade mit dem hier ansonsten vorhandenen Durchschnittlichen aufnehmen muss, ist der erste Schritt in der Diskussion um das zukünftige Bauen. Dass das Haus zu den fünf Finalisten des diesjährigen DAM-Preises gehörte, dessen Siegerprojekt (ZK/U Berlin, Peter Grundmann Architekten) von (bau-)konservativer Seite als unzulänglich, ungestaltet und „vor allem von der Engstirnigkeit des sozial-ökologisch orientierten Preisrichter-Milieus“ zeuge, zeigt, dass offenbar die Zeit gekommen ist, „im Kopf einmal durchzulüften“, wie es ein Kritiker aber ganz anders meinte. Bewegen wir uns? Noch viel zu wenig. Be. K.

www.etal.cc

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 02/2011

Dem Himmel offen Erweiterung des Abgeordnetenhauses, Berlin

Ein Zeitdokument der besonderen Art ist dieses Haus, das bei aller Herrlichkeit doch auch die zahlreichen Umbrüche der Berliner Geschichte widerspiegelt. Und da heute Parlamentarier weit mehr...

mehr
Ausgabe 03/2015 Haus im Haus, Ammersee

Mehr-Energie-Haus Haus im Haus, Ammersee

Überlegungen, mit einem Lift das Obergeschoss barrierefrei zu erschließen, wurden verworfen, ebenso die Idee das Untergeschoss zu entkernen oder das Erdgeschoss umzubauen. Die Architektin schlug...

mehr
Ausgabe 03/2025

Wohnbau, Maasmechelen/BE

Der Begriff Nachhaltigkeit ist derzeit in aller Munde – wie sich das in eine ansprechende Architektur übersetzen lässt, bleibt dabei jedoch häufig außen vor. Hierzu lohnt sich der Blick nach...

mehr
Ausgabe 11/2020 Den „Turn around“ ­gefunden

Haus Malm, Aachen

Wer die Malmedyer Straße im Süden Aachen gen Süden fährt, passiert jede Menge Reihenhäuser aus den 1950er-Jahren aufwärts, passiert ein Gymnasium aus den 1970ern und Hochhauswohnscheiben aus...

mehr
Ausgabe 05/2010

Bremen, Casablanca, Tokio Wohnanlage Tokio­straße, Wien/AT

Der soziale Wohnbau hat in Wien eine lange Tradition, die in Stadtentwicklungsgebieten wie der Donaustadt gezielt weitergeführt wird. Auf neu erschlossenen Parzellen mit oft exotischen Straßennamen...

mehr