Rathaus in Val-d’Illiez/CH
Im malerischen Val-d’Illiez steht ein neues Rathaus, untergebracht in einem traditionellen Wohnhaus, wie es für diese, wie auch andere Bergregionen, so klischeehaft üblich ist. Doch was dort entstand, ist zumindest von architektonischen Klischees weit entfernt und kann als Beispiel dienen, wie Architektur aussehen kann, welche die Belange unserer Zeit ernst nimmt, ohne die Bedürfnisse der Menschen vor Ort außer Acht zu lassen.
Ganz ohne Neuerungen ging es dann doch nicht. Die Balustrade musste im Sinne der Absturzsicherheit etwas erhöht werden und die Unterseite der Balkone musste mit brandfesten Platten ausgestattet werden, um einen Brandüberschlag zu vermeiden
Foto: Sven Högger
Vielleicht sind sie vorbei, die Zeiten, in denen sich radikal verändernde Umstände in radikal verändernden Formen manifestieren. Während die Moderne mit ihren auf Expansion getrimmten Produktionsmöglichkeiten Stahl und Glas in scheinbar unendlichen Massen für sich entdeckte – der Crystal Palace ist das altbekannte Beispiel des Auftakts dieser Zeit, das Seagram Building oder das Glass House seine Fortführung – haben wir heute zwangsläufig ein vollkommen anderes Verhältnis zu den Ressourcen, die die Moderne als Schürffeld für sich nutzbar machte. Auch wenn es noch nicht bei allen Entscheiderinnen und Entscheidern dieser Welt angekommen ist, müssen wir inzwischen wohl oder übel anerkennen, dass die Ressourcen unseres Planteten endlich sind, auch wenn wir sie bis jetzt noch nicht vollkommen verbraucht haben. Das Pathos, das im Heftpartnerstandpunkt in dieser Ausgabe mitklingt, ist in diesem Sinne auch programmatisch.
Der zweckmäßige Innenausbau fügt sich der Funktion und bietet Regale und Elektroversorgung über die Decke an. Das Quadrat, hier als Türfenster auf die Ecke gestellt, ist ein wiederkehrendes Gestaltungsmotiv, das Madeleine auch an anderen Stellen platzierte
Foto: Sven Högger
Die vertikale Erschließung nimmt neben den Treppen einen Lift auf, der über das Untergeschoss auch die benachbarte Tiefgarage bedient. Die Holzfaserplatten des Treppengeländers sind ebenso brandfest wie der Rest der verbauten Materialien
Foto: Sven Högger
Zwischen den Epochen
Wer sich auf den Weg ins Val-d’Illiez im Schweizer Kanton Wallis macht, der sieht sich konfrontiert mit diesem programmatischen Wechselspiel aus moderner Wachstumsdenke und zeitgenössischem Bedacht um nicht vermehrbare Ressourcen und dem daraus zwangsläufig erwachsenden Drang zur Sparsamkeit und Wiederverwertung. Noch 2009 bekam das kleine Dorf mit gut 2 000 Einwohnern im gleichnamigen Tal einen Schulbau samt Tiefgarage von Nunatak Architectes eingepflanzt, der aus der Vogelperspektive als ein verhältnismäßig großer, geknickter Riegel im Zentrum des Ortes liegt und dabei der Nord-Süd-Ausrichtung des Tals folgt. Der nächstgrößere, nur wenige Meter östlich gelegene Bau, ist die Eglise Saint-Maurice, die in ihrer heutigen Gestalt im 17. Jahrhundert erbaut wurde, deren Geschichte allerdings bis ins 12. oder 13. Jahrhundert zurückreicht.
Der entkernte Bestand mit neuem Treppenhaus, das auch dazu dient, die Geländeversprünge aufzunehmen. Mit scharfem Auge vielleicht noch zu erkennen: Ein quadratischer Ausschnitt in der obersten Decke des Erschließungskerns, als vorgehaltene Revisionsluke für Haustechnik
Foto: Madeleine architects
Die alten Tapeten und Wandfarben des entkernten Hauses
verraten die einstige Wohnnutzung. Die Außenwand wurde
im Nachgang innen um eine zusätzliche Wandschicht ergänzt,
um das denkmalgeschützte Fassadenbild zu erhalten
und trotzdem die energetische Performanz zu erhöhen
Foto: Madeleine architects
Das neue Alte
Zwischen diesen beiden institutionellen Bauten befindet sich heute das Rathaus der Gemeinde, was in der städtebaulichen Anordnung nur logisch erschient. Wer nun allerdings einen entsprechend nach Verwaltung aussehenden Bau erwartet, wird enttäuscht. Das Rathaus von Val-d’Illiez ist in einem ortstypischen Wohnhaus untergebracht. Mit großzügig auskragendem Dach, langgezogenen Balkonen, hauptsächlich in Blockbauweise aus Holz errichtet und den an so vielen der Nachbarhäuser auch zu findenden Zierformen an Balustraden, Balkenvorsprüngen oder Dachgebälk. Während die Kirche ihren überweltlichen Anspruch als Steinbau samt Glockenturm zur Schau stellt und die Schule mit braunem Blech, Beton und mit Bandfenstern ein Kind der Moderne ist, fügt das neue Rathaus sich organisch in das Dorfbild. Auch weil es – zumindest erscheint es oberflächlich so – kein Neubau ist. Das dem nur teilweise so ist, kann allerdings bereits an der Fassade abgelesen werden. Balkenlagen wurden eingefügt, Balustraden teilweise und der Dachstuhl offensichtlich ganz erneuert und der Sockel mit einem frischen mineralischen Putz versehen. Natürlich gibt es auch neue, noch nicht verwitterte Holzhäuser vor Ort, die in ihrer traditionellen Form gleichsam neben ihren Nachbarn stehen. Das neue Rathaus wiederum sieht mit seinem Material-Patchwork aus wie eine Mischung aus jenen alten und neuen Holzbauten.
Ein Stempelheber pro Person und eine Handvoll Handwerker reichten, um die Fassade geschossweise anzuheben und eine Balkenlage einzufügen. Wer sich mit dem technischen und digitalen Fortschritt auf Baustellen befasst, kann nur staunen, dass es so einfach sein kann
Foto: Madeleine architects
Von Bestand zu Bestand
Dabei war das heutige Rathaus von Val-d’Illiez eigentlich eben das, was seine Nachbarn auch sind: Ein Wohnhaus, das allerdings seit Jahren leer stand. Als ungenügend empfundene Grundvoraussetzungen im alten Rathaus brachten die Gemeinde dazu, das bis dato genutzte, ebenfalls ehemalige Wohnhaus aufzugeben und sinnfälliger Weise den neuen Standort zwischen Schule und Kirche zu beziehen. Dabei ist die Kommune in diesem Fall lediglich Mieter in dem im Privatbesitz befindlichen neuen Zuhause. Die Nutzung von Wohnraum-Beständen für die Verwaltung der Kommune ist also nichts Neues im Val-d’Illiez und die Entscheidung sich zentral niederzulassen, kam wohl vom Herzen.
Lageplan, M 1 : 2 000
Sprengisometrie mit eingefügten Balkenlagen
Vorbote Fassade
Die Fassade ist dabei nur ein Vorbote der umfassenden Baumaßnahmen, die für die neue Nutzung nötig waren. Ein grundlegender Belang war dabei die Tatsache, dass man auch in der Schweiz auf Grund der gesetzlichen Bedingungen für die Nutzung von Arbeitsplätzen eine größere Deckenhöhe in einem Verwaltungs-, also Bürogebäude braucht als in einem Wohnhaus aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Also musste das Gebäude bei gleichbleibender Geschossigkeit höher werden, da die lichten Raumhöhen es auch werden mussten. Die eingesetzten Balkenlagen sind also kein Flickwerk, sondern „Implantate“, welche die nötige Deckenhöhe vorgeben. Abriss und Neubau waren dabei nicht denkbar, da die Fassade im Sinne des Ortsbildes vom Denkmalschutz als schützenswert einstuft wurde.
Erst das Äußere…
Bemerkenswert ist dabei die technische Umsetzung dieser denkmalgerechten Wachstumsmaßnahme. Zumal in einem weiteren Schritt das gesamte Gebäude entkernt wurde, da die Decken logischerweise zu niedrig waren, also komplett erneuert werden mussten. Bevor das aber stattfinden konnte, musste erst die Fassade geschossweise angehoben werden, um die Füllstücke einzusetzen. Was hier zunächst kompliziert erscheinen mag, war in Wirklichkeit von erfrischender Einfachheit. Die in Blockbauweise gebaute Fassade wurde geschossweise mit simplen Stempelhebern angehoben, ein Füllbalken eingesetzt und dann wieder abgelassen. Fertig. „Unsere ursprüngliche Planung für die Anpassung sah anders aus, aber der Zimmermann hatte bereits Erfahrungen mit dieser Arbeitsweise, die deutlich einfacher ist“, erzählt Christophe Aebi von Madeleine, die für den Umbau beauftragt wurden. Und da für das gleichmäßige Anheben der Fassade von innen und außen angesetzt werden musste, blieben die Decken so lange erhalten.
Grundriss, M 1 : 250
…dann das Innere
Erst im nächsten Schritt konnte dann die Entkernung vorgenommen werden, während die Fassade von Restholz zusammengehalten und durch ein äußeres Gerüst gestützt stehen blieb. Hinzu kam ein neues Untergeschoss, aus dem heraus eine Verbindung zur Tiefgarage unter dem benachbarten Schulbau hergestellt werden konnte und in dem ein Archiv untergebracht ist. Danach folgte ein über die gesamte neue Höhe reichender Betonkern für die vertikale Erschließung, der seine Materialität einerseits der Fluchtwegsicherheit bzw. dem Brandschutz verdankt und andererseits erdbebensicher ausgeführt werden musste. „Anders als mit Beton ging es nicht“, gibt Aebi zu bedenken, „erst als der Kern stand, konnte für die Decken und Innenwände wieder mit Holz gearbeitet werden“. Die nun mit ausreichender lichter Höhe eingesetzten Decken nehmen dabei einen Teil der Elektrotechnik für die Arbeitsplätze auf und sind als Balkenraster ausgeführt, dessen Füllstücke nach Bedarf angeordnet werden können. Die Innenwände wiederum sind durch Regalschienen gegliedert und flächendeckend mit MDF verkleidet. Die Außenwände bekamen innen eine Vorsatzschale aus Vollholz, entsprechend dem Fassadenmaterial.
Das Dach zum Schluss
Auf die Frage, ob diese Konstruktion aus Fassadenanpassung und darauf folgender Grunderneuerung im Inneren nicht recht kompliziert gewesen wäre, entgegnet Aebi, dass das Schwierigste der neue Dachstuhl gewesen wäre. „Erst da hat sich herausgestellt, wie präzise alle vorherigen Arbeiten ausgeführt wurden“. Auch wenn der Dachstuhl vollkommen neu hergestellt werden musste, da das alte Gebälk nicht mehr wiederverwendet werden konnte. „Eigentlich war es ein Arbeiten in einer neuen Hülle, wobei die Lasten des Dachstuhls über die Fassade und den Betonkern abgetragen werden, weswegen erst als das Dach aufgesetzt wurde, klar war, dass alles passt.“
Schnitt A-A, M 1 : 250
Mutig und klug
Vielleicht hätte man es sich im Val-d’Illiez einfacher machen und einen Neubau auf die ebenfalls zentral gelegene Parkplatzfläche bauen können. Doch genau an dieser Stelle kann man allen Beteiligten nur zu ihrem Mut gratulieren, nicht die offensichtlichste Lösung angestrebt und einem kleinen jungen, lokalen Büro diese Aufgabe anvertraut zu haben. „Am Anfang gab es Zweifel, wie die Reaktionen der Bewohnerinnen und Bewohner sein würden, wenn man ein so altes Haus in dieser Form umbaut. Die Reaktionen nach der Fertigstellung waren allerdings positiv. Alle waren sich einig, dass es eine richtige Entscheidung war, so zu verfahren“, berichtet Aebi.
Madeleine architects
www.mdln.org
Foto: Madeleine architects
Das Traditionsbewusstsein erträgt also offensichtlich auch das Unkonventionelle, solange die Identität nicht infrage gestellt wird. Beim Rathaus im Val-d’Illiez liegt das sicher auch am unaufgeregten Pragmatismus, mit dem Madeleine die Aufgabe gelöst haben. Und wenn in ein paar Jahren Sonne und Witterung die heute noch ablesbar neuen Teile des Rathauses an ihren Bestand angeglichen haben und alles eine mehr oder minder ausgeglichene Patina bekommen hat, steht alles ganz lässig wie selbstverständlich da. Und bis dahin haben auch hoffentlich die letzten Unverbesserlichen begriffen, dass es anders nicht gehen wird, weil wir eben mit dem zurechtkommen müssen, was wir haben.
Hartmut Raendchen/DBZ
Projektdaten
Projektname: Rathaus in Val-d’Illiez
Architektur: Madeleine architectes, www.mdln.org,
Studio François Nantermod, www.studionantermod.ch
Team: Antoine Béguin, Maxence Derlet, Christophe Aebi
Standort: Val-d’Illiez/CH
Bauherrin: Politische Gemeinde Val-d’Illiez
Nutzerin: Politische Gemeinde Val-d’Illiez
Bauleitung: Madeleine architectes
Erste Studie: 2020
Vergabe: 09.2022
Bauzeit: 03.2023 – 12.2024
Grundstücksgröße: 3 800 m²
Nutzfläche gesamt: 512 m²
Nutzfläche: 425 m²
Technikfläche: 11 m²
Verkehrsfläche: 76 m²
Brutto-Grundfläche: 680 m²
Brutto-Rauminhalt: 2 124 m³
Fachplanung
Tragwerksplanung: Kurmann Cretton Ingénieurs SA, www.kcing.ch
Akustik: Save NRJ Sàrl, www.savenrj.ch
Energieplanung: Michellod & Clausen SA,
Brandschutz: Kurmann Cretton Ingénieurs SA
Haustechnik: Lami SA, www.lami.ch
Energie
U-Werte Gebäudehülle:
Fassade: U = 0,14 – 0,22 W/(m²K)
Bodenplatte: U = 0,15 W/(m²K)
Dach: U = 0,14 W/(m²K)
Fenster: Uw = 1,15 W/(m²K)
Verglasung: Ug = 0,8 W/(m²K)
Ug total (inkl. Sonnenschutz) = 1,19 W/(m²K)
Hersteller
Bodenbeläge: Fabromont, Gerflor
Dach: Prefa
Sonnenschutz: Kästli Storen
Aufzug: Otis
