Quasi monolithisch

Ein Opus magnum, schon vom Umfang her und natürlich dem Gewicht seines Inhalts. Zu diesem Buch „Bibel der Baustatik-Geschichte“ zu sagen, verlockt, doch es würde dem Autor unrecht tun, ist sein Anspruch ja nicht die Wahrheit, sondern das Historische. Die Dynamik von Geschichte, insbesondere der Wissenschaftsgeschichte, verhindert die abschließende Erkenntnis, alles ist im (Zeiten-)Fluss. Diesen über eine Chronologie des Phänomens „Gleichgewicht“ zu kartografieren hat sich der Bauingenieur und Historiker der Bautechnik Kurrer vorgenommen, nun in der 3., stark überarbeiteten und erweiterten Auflage.

Fehler wurden korrigiert, das Vorhandene ergänzt und vertieft. Die großen Themen Entstehung der Statik und der Festigkeitslehre (Leonardo, Galilei u. a.), baustatische Theorien über Balken, Erddruck und Gewölbe bis hin zu einer technikwissenschaftlichen Grundlagendisziplin, die im 20. Jahrhundert in Gestalt der modernen Struktur­mechanik bei der Herausbildung der konstruktiven Sprache des Stahl-, Stahlbeton-, Flugzeug-, Automobil- und des Schiffbaus eine „tragende“ Rolle spielt, werden hier konsequent und durchaus untereinander vernetzt vorgestellt. Wer immer schon wissen wollte, wie die Finite-Elemente-Methode ihre Integration in die Computational Mechanics vollzogen hat oder wie beispielsweise sich eine „Ingenieurpädagogik“ bilden konnte, der ist in diesem hervorragend und erfreulich anschaulich erzählten und klar strukturierten Opus monoliticus gut aufgehoben; niemals unterfordert und selten verloren.

Nicht zuletzt glänzt die Arbeit mit den hier versammelten ca. 270 Kurzbiografien von (ausschließlich männlichen) Ingenieurskoryphäen, auch durch eine umfassende Bibliografie (ca. 4 500 Titel) und ein Sach- wie Personen-Register. Die vierte Auflage zeigt dann sicher auch konkrete KI-Themen und vielleicht endlich auch die Frauen, die in der Geschichte der Baustatik ganz sicher einen Platz verdient haben. ⇥Be. K.

Karl-Eugen Kurrer, Geschichte der Baustatik. 3., überarb. u. erweiterte Auflage. Ernst & Sohn, Berlin 2025, 1 488 S., 520 sw-Abb.

139 €, ISBN 978-3-433-03476-7

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 10/2013

Kostbare Bibel

Im Rahmen der Architekturbiennale 2012 hatte Valerio Olgiati 41 Architekturgrößen gebeten, ihm für sein Projekt „Pictographs of contemporary Architects” Bildmaterial zuzusenden, das er dann in...

mehr
Ausgabe 01/2016

Im Gleichgewicht

Wer Geschichte als Entwicklung versteht, dem gelingt es am ehesten noch, den Horizont der Erkenntnis weit offen zu halten. Ohne Überblick über das Historische bleibt der Forscherblick auf...

mehr
Ausgabe 12/2018

Das Buch der Architektur

Das-Buch-der-Architektur-Cover

Das sollte jeder Architekt einmal gelesen haben. Das Buch der Architektur erzählt die Geschichte eben jener von der Antike, über das Mittelalter, die Renaissance, Barock und Rokoko, den Klassizismus...

mehr
Ausgabe 01/2010

Einseitige Empfehlung

Das von Chipperfield Architects, in Zusammenarbeit mit Julian Harrap wiederbelebte Neue Museum in Berlin ist das mit Buchpublikationen in diesem Jahr wohl meistbedachte Gebäude. Die Komplexität des...

mehr
Ausgabe 09/2014

Gewinnbringend

Gefragt nach seinen vielleicht wichtigsten Bauten nannte Hans Scharoun neben dem Inneren der Philharmonie und dem Haus Schmincke das Mädchengymnasium in Lünen. Gerade mit Blick auf die beiden...

mehr