Prüfstein in Silber
Der „Silberling“ zeigt das ausschließlich gebaute Werk zwischen 2012 und 2024, in umgekehrter, chronologischer Reihenfolge, mit, trotz Detailtiefe, etwas unterpräsenten Plänen, aber frischem, dafür recht präsenten Fotomaterial (aktuelle Fotos von Stefan Müller). Das ganze über 327 Seiten auf gutem Papier und gebunden als Hardcover im rauen Leinen mit der schlichten Siberprägung „O&O“. Alles ohne Exkurse in die Zeiten von Haus Rucker Co. oder zu den „grandios verlorenen Wettbewerben“ (ortner-ortner.com). Die bei der Buchpräsentation an der Berliner Schaubühne lässig „Silberling“ genannte Monografie des gebauten Werkes von Ortner & Ortner Baukunst entspricht dem Qualitätsanspruch, dem man mit den vielen Bauwerken des Büros verbindet. Der begleitende kurze Essay von Patricia Grzonka stellt all dies in einen Zusammenhang und verweist noch einmal auf die Spannweite zwischen radikaler, künstlerischer Freiheit à la Haus Rucker Co. und den grandios gewonnenen Wettbewerben, wie dem bis jetzt nicht realisierten, aber inzwischen von Berliner Abgeordnetenhaus teilweise bewilligten Hochhaus-Ensemble am Berliner Gleisdreieck.
Von dem Vielen, das gezeigt wird, mag Einzelnes hervorstechen: das Landesarchiv NRW in Duisburg aus 2014 als eine der wenigen großen, formalen Gesten im Buch; die Libelle von Wien aus 2020 auf dem von den Gebrüdern Ortner 2001 gebauten Museumsquartier, die das „alte“ und das „aktuelle“ Werk verbindet; oder die Probebühne der Schaubühne in Berlin aus 2022, deren technischer Leiter bei der Buchpräsentation selbst etwas über die Zusammenarbeit mit O&O zum Besten gab. Vieles Weitere mag angesichts zeitgeistiger Debatten schlicht konservativ erscheinen. Die Qualität der Materialisierung bis zur städtebaulichen Konzeption ist ihm aber schwerlich abzusprechen.
Wer sich dann also doch eher mit einem Anspruch einer Architektur beschäftigen mag, die Zeitlosigkeit anstrebt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Das bei Buchvorstellung weder Manfred noch Laurids Ortner anwesend waren oder sein konnten, löste das zur Schau gestellte Werk auch ein wenig von der Vergangenheit und wirft die Frage auf, was man für die Zukunft geschaffen hat. Die 10 Regeln der Baukunst auf der letzten Seite der Monografie – das wäre entsprechend der chronologischen Abfolge des Buches dann vor 2012 – weisen schlussendlich noch einmal aus, was man als Ratschlag mitbekommen hat. Der Prüfstein ist damit gelegt. H.R.
O&O Baukunst 2012–2024.
Hrsg. v. O&O Baukunst. Hatje Cantz, Berlin 2025, 328 S.
48 €, ISBN 978-3-7757-6135-2
