Oliver Thill (1971-2026)

Am 2. März verstarb der Architekt und Hochschullehrer Oliver Thill. Sein Büropartner, André Kempe, hat ein paar sehr persönliche Worte gefunden.

Am 2. März ist Oliver Thill, mein alter Studienfreund, Kollege, Büropartner und Co – Professor an der Architekturfakultät der Leibniz – Universität seinem Krebsleiden erlegen. Oliver wurde 55 Jahre alt. Sein Tod reißt ein großes Loch in das Leben unseres Büros, unseres Teams an der Uni und in meines. Sein Verlust bedeutet nicht einfach den Verlust eines Büropartners, sondern den Verlust eines großen Architekten von europäischen Rang, komplexen Denkers, genauen Beobachters, inspirierten und humorvollen Gesprächspartners, eloquenten Hochschullehrers und Redners.

Mit 55 Jahren viel zu früh: Am 2. März 2026 verstarb der Architekt und Hochschullehrer Oliver Thill von Atelier Kempe Thill
Foto: Frans Hanswijk

Mit 55 Jahren viel zu früh: Am 2. März 2026 verstarb der Architekt und Hochschullehrer Oliver Thill von Atelier Kempe Thill
Foto: Frans Hanswijk

Oliver Thill ist genau wie ich selbst ein Kind des Ostens Deutschlands. Aufgewachsen ist er in der Enge der DDR mit einer Jugend in den späteren Achtziger Jahren, in denen sich zunehmend Auflösungserscheinungen zeigten und die Subkultur blühte. Genau nach der Wende im Herbst 1990 fing in Dresden unser Studium an und wir konnten mit dieser sich auftuenden riesigen Chance für einen kompletten Neuanfang die Welt entdecken und erobern.

Ich lernte Oliver sofort am ersten Tag kennen. Wir bildeten zusammen mit ein paar anderen Kommilitonen von Anfang an eine feste Truppe. Von Tag eins an haben wir nahezu alle Uni – Projekte gemeinsam erarbeitet in einem fast symbiotischen, sich ergänzenden und sich gegenseitig steigernden Austausch. Diese Arbeitsweise, bei der in meiner Mansardenwohnung und später in den Arbeitsräumen der Uni in schier endlosen Debatten wirklich alles hinterfragt wurde, bildete 36 Jahre lang die Grundlage für unser gemeinsames Werk bis zum heutigen Tage.    

Die Wende war für Oliver und mich eine große Chance. Aber wie für alle im Osten Aufgewachsenen auch ein krasser Einschnitt. Mental galt es, sich in ein völlig anderes gesellschaftliches System einzuleben. Oliver war wie viele von uns von unstillbarer Neugier und Abenteuerlust besessen. Diese brachte uns zu selbstorganisierten Auslandsaufenthalten nach Paris und Tokyo. Nach dem Studium wollten weder er noch ich in Deutschland bleiben. Alles schien provinziell. Wir beschlossen, in die weltoffenen Niederlande überzusiedeln. Nach kurzer Zeit arbeiten für andere Büros, beschlossen wir mit viel Energie unser eigenes Architekturbüro Atelier Kempe Thill zu errichten. 

Genau wie für mich ging es Oliver nicht schlicht um eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Architektur und mit der Moderne, sondern viel mehr um eine Auseinandersetzung mit der gesamten Architekturgeschichte der menschlichen Zivilisation, um ein tiefes Verständnis zu entwickeln das über die alltägliche Erfahrung weit hinausgeht. In diesem Bewusstsein wollte er sich und uns positionieren und das in unserer heutigen Zeit großer neoliberaler Umbrüche. Keine für sich stehenden objekthaften Gebäude wollte er entwerfen, sondern Räume, das Dazwischen. Es ging ihm nicht pragmatisch um die schiere Produktion von Gebäuden oder eine bloße Dienstleistung. Es ging ihm immer um Architektur als etwas Geistiges, etwas Beseeltes. Architektur als Behältnis, Räume mit einem Zentrum, die einladen zu Konzentration in einer Welt von Zerstreuung. Es ging immer um Sinngebung, lebendige Lebensräume, illustriert mit vielen Skizzen mit humorvollen kleinen Anspielungen.

Oliver entwarf im besten und umfassendsten Sinne des Wortes rationale Architektur. Er war aber ein sehr emotionaler Mensch mit einem speziellen und provokativem Humor, ein Umstand, den viele Leute die nur unsere Projekte kennen, überraschend fanden. Seine idealistische Seele offenbarte sich in scharfem Sarkasmus über den Zustand der Architektur und der Welt. Als ein nimmermüder Architekturfan hat er um jedes unserer Projekte und jedes Detail hart gekämpft. Sein kreativer Geist, seine mentale Wendigkeit haben unsere Projekte, unseren Diskurs immer wieder zu Leben gebracht. Sein Arbeitsfeld war nie ein abgeschiedener Elfenbeinturm, sondern immer die herbe Realität unserer Gesellschaft.

Neben den Abenteuern in der realen Welt der Bauproduktion, waren Oliver Thill und ich immer mit Begeisterung eingebunden in die Lehre an Universitäten und später der Forschung. Unsere gemeinsame Professur an der Leibniz Universität Hannover war der logische nächste Schritt nach verschiedenen Gastprofessuren. Auch hier ging und geht es um die Verbindung mit der realen Welt für die jungen Studierenden.

Wie kann man im Leben und Arbeiten eines Architekten in einer Welt voller Hürden dennoch vielleicht sogar etwas Magisches erreichen…? Oliver Thill hat dies immer erstrebt und auch meist erreichen dürfen. Er hinterlässt ein großes Vermächtnis.

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