NOXX Hotel, Marburg
Das NOXX Hotel in Marburg ergänzt ein Ensemble aus historischem Lokschuppen, Gastronomie, Eventflächen und Start-up-Hub um einen Ort des Rückzugs – und übersetzt industrielle Vergangenheit in eine eigenständige Innenarchitektur. Das Frankfurter Studio ABERJA entwickelte dafür ein Interieur, das mit viel Liebe zum Detail raues Mauerwerk mit leuchtenden Pastellfarben, maßgefertigten Möbeln und eigens entwickelten Leuchten verbindet. Entstanden ist kein nostalgisches Industriesetting, sondern ein Raumgefüge, das den Bestand weiterdenkt und den Charakter des Ortes neu interpretiert.
Wer mit dem ICE schon einmal durch Marburg gefahren ist, dem fällt der schwarze Quader direkt am Bahnhof gleich ins Auge. Das NOXX Hotel entstand auf geschichtsträchtigem Terrain. Das ehemalige Werkstattgebäude des Bahnbetriebswerks Marburg wurde bereits 1830 errichtet und diente bis zur Stilllegung 1989 der Reparatur von Lokomotivbaugruppen der Deutschen Bahn. Gemeinsam mit dem benachbarten Lokschuppen wurde das Denkmal 2017 an den Unternehmer Gunter Schneider verkauft, der daraus einen Mixed-use-Ort für Gastronomie, Veranstaltungen, Co-Working, Start-ups und Hotellerie entwickelte.
Die städtebauliche Idee zielte weniger auf ein singuläres Hotelobjekt als vielmehr auf ein zusammenhängendes urbanes Ensemble. Das Hotel ergänzt den Lokschuppen nicht nur funktional, sondern belebt das gesamte Areal rund um die Uhr.
Versatz in der Kubatur
Architektonisch basiert das Projekt auf einem deutlichen Kontrast zwischen historischem Sockel und modernem Aufbau. In enger Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz der Stadt Marburg wurde das Mauerwerk des ehemaligen Werkstattgebäudes im Erdgeschoss aufwändig saniert und durch eine schwarze Blechfassade in die Höhe erweitert.
Da das historische Ziegelmauerwerk die Last von fünf zusätzlichen Geschossen des NOXX Hotels nicht hätten tragen können, übernehmen dies heute 24 massive, bis zu 20 m tief gegründete Betonpfeiler. Sichtbar wird diese Konstruktion auch im Innenraum: Die runden Stützen prägen die öffentlichen Bereiche ebenso wie die Zimmergrundrisse.
Architektonische Spannung entsteht durch einen bewussten Versatz in der Kubatur des Hotels, so dass auf dem gemauerten Sockelgeschoss zusätzlicher Raum und Außenterrassen für die Gäste geschaffen wurden. Entwurfsarchitekten des Gebäudes waren Bernward Paulick (Volkenroda) und Attacke Studios (Dresden), während Feldmann Architekten (Gießen) für die Ausführung zuständig waren.
Interior führt Konstruktion fort
Für die Innenarchitektur war das Frankfurter Studio ABERJA verantwortlich, das sich 2021 in einem Wettbewerb durchgesetzt hatte. Statt die konstruktiven Zwänge zu kaschieren, macht das Büro sie zum Ausgangspunkt des Entwurfs. „Wir hatten uns dafür entschieden, die Betonstützen einfach zu inkludieren“, erläutert Robin Heather, Geschäftsführer von ABERJA. „So haben wir sie zum Beispiel in die Möbel eingebaut und zum Bestandteil für Leuchten gemacht. Generell dienten sie als Inspiration für die eigentliche Formensprache.“
Diese Haltung prägt das gesamte Projekt. Die Konstruktion bleibt sichtbar und wird gestalterisch weitergeführt. In den öffentlichen Bereichen erscheinen die Pfeiler nicht als störende Elemente, sondern als ordnende Bestandteile eines räumlichen Systems. Sitzbänke umschließen sie, Leuchten beziehen sich auf ihre Geometrie, Einbauten reagieren auf ihre Position. Selbst die Gestaltung einzelner Möbel, wie die Bettbank eines Gästezimmers, entwickeln die Planerinnen und Planer als direkte Reaktion auf eine vor dem Bett stehenden Stütze.
Auch formal wird die industrielle Vergangenheit zitiert: Kreisformen, Stahloberflächen und technische Referenzen tauchen im Gebäude immer wieder auf. So erinnern die Bettkopfteile etwa an Querschnitte der Stützen, können aber auch als Lok-räder gelesen werden. „Da gibt es ja auch kein Richtig und kein Falsch“, sagt Heather.
Farb- und Materialwahl als Gegenpol
Dabei folgt das Interior nicht dem naheliegenden Duktus einer Industrieästhetik. Stattdessen setzt ABERJA auf bewusste Gegenpole. Ausgangspunkt war die vorhandene Material- und Farbwelt des Lokschuppenareals mit ihren patinierten Oberflächen, den ausgebleichten Grüntönen und den warmen Ziegelfarben. „Als Studio wollten wir da passende Kontraste setzen“, erläutert Heather.
So treten kräftige Farben, spiegelnde Oberflächen und textile Elemente in Dialog mit Schwarzstahl, Sichtmauerwerk und Streckmetall. Gerade diese Spannung zwischen rau und wohnlich bestimmt die Atmosphäre des Hauses. Auch der Bauherr formulierte früh den Anspruch, dem industriellen Äußeren etwas entgegenzusetzen.
Besonders deutlich wird dies im Erdgeschoss, in der Lobby und im Frühstücksbereich. Eine Streckmetall-Leuchtinstallation verbindet den Empfang mit den Schwarzstahl-Wandverkleidungen und den Einbauschränken. Davor steht ein Tresen mit gefräster Oberfläche und Stahlabdeckung. Gleichzeitig öffnen hochglanzpolierte Edelstahlflächen den Raum optisch und erzeugen Spiegelungen und Tiefenwirkung. Große Vorhänge gliedern den zweigeschossigen Raum und verbessern die Akustik.
Produkte und Leuchten entworfen
Die Gestaltung lebt dabei stark von eigens entwickelten Produkten. Ob Empfangstresen, Sitzbänke oder Lobby-Tische: Der Großteil der Möbel – „bis auf die Stühle und Sessel eigentlich alles“ (Heather) – wurde von dem Frankfurter DesignTeam speziell für das Projekt entworfen. Auch die Grafikserie an den Wänden entstand eigens für das Hotel. Dafür wurden Fragmente historischer Dampfloks neu collagiert und grafisch interpretiert. Die Motive erscheinen in Zimmern, Fluren und Lounge-Bereichen und verbinden die verschiedenen Zonen des Hauses miteinander.
Eine Schlüsselrolle innerhalb des Projekts spielt zudem die extra entwickelte Signature-Leuchte. Gemeinsam mit dem Bauherrn Gunter Schneider entstand ein Leuchtenobjekt aus gegossenem Glas mit parametrisch designter Wellenstruktur. Schneider, selbst Maschinenbauingenieur in der Optikindustrie, brachte dabei seine technische Expertise ein. „Als wir ihm gesagt haben, wir brauchen eine eigene Leuchte, hat er einen unwahrscheinlichen Ehrgeiz entwickelt“, erinnert sich Heather. Das Glas wurde schließlich in Tschechien gegossen und anschließend montiert.
Seine Kollegin Liza Rüger, Innenarchitektin bei ABERJA, beschreibt die Zusammenarbeit mit Schneider als außergewöhnlich intensiv: „Wir haben fast jede Entscheidung gemeinsam getroffen.“ Anders als bei klassischen Auftraggeberkonstellationen sei hier ein kontinuierlicher konstruktiver Diskurs entstanden.
Gerade komplexe Sonderlösungen konnten dadurch bis ins Detail weiterentwickelt werden. Das zeigt sich exemplarisch auch an den Waschtischen der Zimmer. Die aus gebogenem Schwarzstahl gefertigten Halbschalen sollen an die Dampfkessel historischer Lokomotiven erinnern und integrieren Waschbecken, Spiegel, Beleuchtung und Ablagen auf kleinstem Raum. Sowohl der Entwurf als auch die Ausführung stellten besondere Anforderungen. „Das Entwerfen war dabei nur ein Teil der Aufgabe“, sagt Heather. „Mindestens genauso komplex war die technische Umsetzung: die Trockenbaudetails, die Anschlüsse und die Integration von Bauteilen wie dem Siphon in die Konstruktion.“
Vielzahl von Zimmertypen
Generell war die Detailkoordination eines der bestimmenden Themen des Projekts. Die Vielzahl unterschiedlicher Zimmergrundrisse erforderte ein hohes Maß an Systematisierung. Aufgrund der komplexen Gebäudestruktur gleicht kaum ein Zimmer dem anderen. „Auf einem Geschoss ist jedes der 19 Zimmer unterschiedlich“, beschreibt Liza Rüger die Ausgangslage.
ABERJA reagierte darauf mit modularen Einbaumöbeln und einem System unterschiedlicher Schrank- und Schreibtischvarianten. Ziel war es, trotz variierender Grundrisse eine gestalterische Ruhe zu erzeugen. Eingebaute Schränke integrieren zum Teil zusätzliche Funktionen wie ausklappbare Arbeitsplätze.
Auch Fragen der Dauerhaftigkeit spielten eine zentrale Rolle. Für ABERJA bedeute Nachhaltigkeit, nicht unbedingt explizit ökologische, als vielmehr robuste und langlebige Materialien einzusetzen, erläutert Heather. Kunststoff wurde weitgehend vermieden, stattdessen dominieren Stahl, Glas, Schichtstoff und massive Oberflächen. Selbst funktionale Elemente wie die Wandschutzleisten in den Fluren wurden gestalterisch integriert.
Industriearchitektur ins Heute übersetzt
Im NOXX herrscht eine Atmosphäre, die zwischen technischen Details und wohnlicher Wärme vermittelt. Deutlich wird dies auch in der Rooftop-Bar im 6. Obergeschoss. Hier verbinden sich Streckmetall, spiegelnde Regalflächen und eigens entwickelte Möbel mit einem Panoramablick über die Stadt hinweg zum Marburger Schloss.
Insgesamt zeigt das Hotel, wie sich historische Industriearchitektur in ein zeitgenössisches Hospitality-Design übersetzen lässt. Das Projekt zeichnet sich durch seine Detailfreudigkeit aus und die dafür notwendige Bereitschaft, Sonderlösungen bis zur Umsetzung beharrlich weiterzuverfolgen. Dennoch wirkt es nicht überinszeniert.
⇥Heide Teschner/DBZ
Projektdaten
Projekt: NOXX Hotel, Marburg
Adresse: Rudolf-Bultmann-Str. 4m, 35039 Marburg
Architektur LPH 1-4: Attacke Studios, Dresden,
www.attacke-studios.com, Bernward Paulick
Architektur LPH 4-8: Feldmann Architekten, Gießen,
www.feldmann-architekten.de
Innenarchitektur: Studio ABERJA, Frankfurt/M., www.aberja.net
Team Innenarchitektur: Robin Heather, Liza Rüger, Judith Maruhn, Elena Sytko, Michelle Geiger
Bauherr: Gunter Schneider, Bauherrenvertretung: Petra Pfau
Nutzer: Schneider Hotel, Gastro&Event GmbH
Generalunternehmer Bau: Weimer GmbH
Generalunternehmer Interior: Schumann Möbelwerkstätten
Eröffnung: Oktober 2024
Gesamtfläche: ca. 3 300 m2 Nutzfläche
BGF: ca. 5 400 m2
Zimmerzahl: 82, Zimmerpreise: ab 130 Euro/Nacht
Zimmerkategorien: Essentials (ca. 17 m2), Comfort (ca. 24 m2), Loft (27 m2), Suite (39 m2)
Sonstige Räume: 4 Seminarräume, Gym, Rooftop Bar
Energiekonzept: 55-EE-Effizienzhaus mit Wärmepumpen, PV, Fernwärme und intelligenter Gebäudetechnologie, die konstant Temperaturen, Belüftung und Beleuchtung monitort und sich den Bedingungen anpasst. Energetisch optimiert werden die Zimmer bedarfsgerecht angesteuert und aktiviert, wenn sich ein Gast ankündigt und auf Stand-by geschaltet, wenn das Zimmer vakant ist.
Fachplaner
Landschaftsarchitektur: Torsten Wewel,
www.garten-landschaften.de
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Dr. Böttcher & Dr. Schick, Wetter, www.boettcher-schick.de
Hersteller (Auswahl)
Möbel: Prostoria, Fennobed, EMU
Stoffe: Kvadrat, Ludvig Svensson
Teppich/Boden: Object Carpet, Kokosweberei Schär
Leuchten: Oluce, mawa design, Linea Light, Esse-Ci
Badarmaturen: Steinberg
Fliesen/Bodenbelag: Ariostea, Gerflor
Kunstgrafiken: Studio ABERJA
Boden: EGE Carpets
