Neue Ethik, altes Geschäft. Der „D4 zirkulär“ made by Tecta und Co.
„Wenn man sich fragt, wer von der Zweiten Generation in Europa den Geist seiner Periode im Möbelbau festgehalten hat, dann muss die Antwort Marcel Breuer lauten.“ (Peter Smithson) Mehr Adelung geht nicht. Oder doch? Aus Anlass des Salone del Mobile in Mailand versuchen Hersteller, dieses Prädikat noch zu toppen, denn der Geist unserer Zeit ist ein noch erweiterter – theoretisch jedenfalls.
Ich besitze eine Campingliege, die mir Freunde einmal schenkten (s. Foto). Der schon ausgeblichene Stoff – ehemals wohl poppiges Orange – ist mit rundum platzierten Zugfedern in einen mehrteiligen Aluminium-Rahmen gespannt. Im Saum des Stoffes liegen Stahldrähte, die ein Ausreißen der zum Alurohr spannenden Federn verhindern. Verhindern sollen, denn tatsächlich war das Geschenk made in DDR reparaturbedürftig, Reste einer (grünen!) Markise, mit groben Stichen im Saum fixiert, geben den Federn jetzt neuen Halt im Stoff.
Zusammenklappbar ist dieser Liegentyp in jedem Pkw zu transportieren, mit einer Hand zu tragen und überall dort aufzustellen, wo Meeres- oder Blätterrauschen Entspannung versprechen. Fuß- und Kopfteil sind verstellbar in einfacher Rasterung, Riegel und Züge, flache, gestanzte Bleche, längst schon rostig, arbeiten als simple Scharniere immer noch verlässlich. Sein Gewicht geht in Richtung Superleggera, sechs unterschiedlich große U-Bögen aus Aluminium plus Federn, plus Beschläge, plus Stoff ergeben eher nichts. Man könnte locker drei dieser Liegen je Hand tragen, würden sie dabei nicht auch einmal Finger klemmen oder, widerspenstig sich öffnend, dort anschlagen, wo eigentlich nichts sein sollte.
„Immer gleich“ mündet im Umsatzstillstand
Dieser einfache und sehr effiziente Liegentyp wird bis heute noch produziert oder ist bis heute noch massenhaft auf Second-Hand-Online-Plattformen zu finden. Die Preisspanne reicht von „abzugeben“ bis 35 €, dann aber mit geblümtem Überzug, der die Quetschgefahrt im Federgürtel mindern hilft. Seit Erfindung dieser Campingliege, die in Westdeutschland vergleichbare Modelle hatte, ist die einfache Konstruktion nicht verbessert worden; wer 35 € zahlt, ist mit dem Produkt hochzufrieden. Sicher, die Stoffe wurden hinsichtlich Reißfestigkeit, die Farben hinsichtlich UV-Bestandigkeit optimiert, aber das Aluminium, die Stahlfedern: immer gleich – was in Planwirtschaften gut funktionierte, in Marktwirtschaften jedoch nicht. Hier ist „immer gleich“ der erste Schritt in Umsatzstillstand und -einbruch. Zahnpasta, eine Art Grundputzmittel, muss sich bis heute immer wieder neu erfinden. Wer die Werbung vergangener Jahrzehnte Revue passieren lässt, könnte glauben, jedes Jahr hätte die chemische Industrie eine neue Rezeptur für die Zahnpflege erfunden. Das versprochene Revolutionäre (Zahnpasta!) war aber meist nur eine veränderte Farbe, ein anderer Geschmack, eine veränderte Konsistenz, neugestaltete Verpackung etc. Die Paste ist bis heute – wirkungsbezogen – immer die gleiche.
Traumliege? Eher eine Liege, auf der man träumen kann. Traumliege!
Foto: Benedikt Kraft
Zumindest kreislauffähig
Zurück zur Liege, hin nach Mailand. Dort gab es auch in diesem Jahr den Salone del Mobile, die weltgrößte Messe für Möbel- und Lampen- und Interiorprodukte seit 65 Jahren. Hersteller, Designer, Händler, Manufakturen, Modemacher, Sammler … eine halbe Million Besucherinnen allein in diesem Jahr. Eine Großveranstaltung, eine Marketingmaschine, deren großes Thema vielfach „weniger“ war. Nicht weniger Gewicht in der Branche, nicht weniger Umsatz, eher weniger Ressource. Die Kundschaft möchte das. Und wenn doch Ressource, dann zumindest kreislauffähig. So überraschte es nicht, dass in den Email-Aussendungen der letzten Wochen im Betreff zuhauf die Zahnpasta-Innovationen zu lesen waren: noch weicher, stabiler, bunter, leiser, effizienter, einmaliger etc.
Das Dumme bei all dem ist: Wir sitzen und liegen immer gleich. Ergonomie wird zwar alle Jahre grundsätzlich neu definiert: Im Augenblick sind wir wieder beim unbequemen Stuhl, der zu Bewegung nötigt. Neue, digitial gesteuerte Fertigungstechniken werden gefeiert, Handarbeit ist immer noch ein Credo – allerdings eins, das die vielleicht einflussreichste Schule des Möbeldesigns schon vor gut 100 Jahren als überholt erkannte. Das Bauhaus wollte Möbel für alle. Bestes Design zu bestem Preis, Massenfertigung statt Schreinerstuhl und eine für rückständig, politisch und kulturell als einengend wahrgenommene Normen- (und Sitten-)Landschaft der noch sehr gegenwärtigen Vergangenheit ablösen.
Heute wissen wir – und die damaligen Designerinnen/Architekten etc. konnten dem bereits zusehen –, dass das Versprechen, zweckmäßig gut gestaltete Möbel für die Massen auf den Markt zu bringen, ein leeres war. Geradezu pervertiert wird dieser Anspruch von damals in den Versteigerungen internationaler Verkaufshäuser, in denen absurd hohe Summen für Originalmöbel aus den 1920er- und 1930er-Jahren aufgerufen und nicht selten noch überboten werden. Einfachste Stahlrohrmöbel aus der Zeit der Moderne, auf die sich zu setzen, zu legen schon der gesunde Menschenverstand verbietet (Haltbarkeit der Stoffe, Wert des Möbels), sind mittlerweile schon als Neuware Sammlerstücke, ungenutzte Prestigeobjekte, insbesondere in ihren mit „100 Prozent Bauhaus“ gelabelten Versionen.
Einfach ist mehr, bedarf aber auch einer zugewandten Pflege
Foto: Benedikt Kraft
Neue Ethik: „D4 zirkulär“
Der Möbelhersteller Tecta, der seine handgebauten Sessel, Tische und Stühle in der Tradition des Bauhauses sieht und hier auch Bauhaus-Modelle mit Einwilligung der Stiftung Bauhaus Dessau weiterführt, präsentierte auf der Messe in Mailand den „D4 zirkulär“: „Gleicher Komfort, neue Ethik. 64 % weniger CO2-Intensität. 100 % Bauhaus.“ Und obwohl der leichte Klappsessel, ein lange verschollener Entwurf Marcel Breuers, „im Sichtbaren“ (Tecta) immer noch der gleiche ist, wird er als „radikale Neuerung“ beschrieben. Erstmals, so Tecta, kommt beim „D4 zirkulär“ der in Duisburg gefertigte bluemint® Steel von thyssenkrupp zum Einsatz. „Bluemint“ soll wohl hellblau sein, also noch auf dem Weg zum Grün (Grüner Wasserstoff für CO₂-frei produzierten Stahl). Das Möbel kostet in der neuen Stahlmixtur ab 1 995 €, die schnell ausverkaufte Sonderedition (Bespannstoff aus upgecycelter Schutzkleidung Duisburger Stahlarbeiter) das Doppelte. Das Marketing- und Design-Konzept (oder anders herum?) stammt aus der Zusammenarbeit mit dem Designer Thomas Schnur.
Und da sind wir bei der Zahnpasta. Zirkulär ist der D4 (ehemals B4) schon immer gewesen, Stahlrohr und Stoffe sind absolut kreislauffähig. Angesichts der zu Recht immer wieder herausgehobenen (Vererbungs-)Qualität des Sessels, der als einfaches Terrassen- und Gartenmöbel gedacht war, muss man ohnehin weniger in Kreisläufen als vielmehr Kreiseln denken; man denke an Kleiderkreisel. Und weil die Senkung der „CO₂-Intensität“ (Tecta) in einem Volumen erzielt wird, das mit Blick auf die Stahlproduktion in Deutschland nicht nur marginal, eher schon verschwindend marginal ist, frage ich mich: Würde man Gewinnung, Produktion, Verpackung, Transport und Marketing für die neuen Stühle sparen, wäre das nicht die maximale Senkung der „CO₂-Intensität“ und eine wirkliche und damit „neue Ethik“? Dass man in der Produkte- und Konsumerwelt mit diesem Begriff „Ethik“ sehr sparsam und sehr vorsichtig umgehen sollte, belegt Tecta sehr anschaulich negativ: Die hier gefeierte und vom Steuerzahler mitfanzierte CO₂-Reduktion in der Stahlproduktion wird mit einem Partner erzielt, der sich gerade über seine Tochter „Your Maritime Powerhouse“ die ansonsten schwächelnden Bilanzen aufhellt.
"Vielleicht reichen hochgekippte Bierkästen". Ein D4, der auf Reparatur wartet, in Zwischennutzung
Foto: Benedikt Kraft
Vielleicht reichen hochgekippte Bierkästen
„Fortschritt zeigt sich heute nicht im Sichtbaren, sondern in der Bilanz“, so Tecta mit Recht. Die Frage ist nur: Welche Einheiten stehen in der Bilanz? Wer heute einen „normalen“ D4 gebraucht erwerben will, muss dafür zwischen 800 und 1 300 € zahlen, je nach Erhaltung und Stoffart. Dass Tecta damit nicht mehr verdienen kann, liegt im System: Ein Hersteller, der Produkte mit Vererbungsqualität verkauft, sättigt den Markt irgendwann. Vor dieser Sättigung muss das Produkt, das für eine Ewigkeit gebaut wurde, neu erfunden werden. Mit upgecycleten Stoffen, CO₂-reduziertem Stahl und einer zusätzlichen Verknappung (limitiert). Der Kunde möchte das.
Diejenigen, die sich das leisten wollen, kauften die Silbermantel-Version, Stückzahl unbekannt. Diejenigen, die zirkulär denken, kaufen den gebrauchten Stuhl mit schöner Patina. Oder eine Liege, die repariert werden kann. Dass ein schwedisches Unternehmen, das Milliarden-Umsätze mit Fast-Furniture macht, sich gerade vom Dänen Dan Stubbergaard/Cobe ein Möbelmuseum hat entwerfen lassen – Umbau eines frühen IKEA-Ladens –, in dem die eigenen Klassiker neben den ganz Großen präsentiert werden, deutet auf den Stellenwert des Möbels in der jüngsten Kulturgeschichte: Ich sitze, liege, lehne, kipple, ruhe auf einem Artefakt, das ich vielleicht, ganz vielleicht, einmal weitergeben möchte in liebevoll pflegende Hände. Und für die Terrasse oder den Garten, das Seitenaus am Centercourt reichen – die Nachbarn machen es vor – hochgekippte Bierkisten. Was auch sitzergonomisch der Wissenschaft letzter Erkenntnisschluss ist!
⇥Benedikt Kraft/DBZ
