Luther-Denkmal in Berlin mit guter Idee und banalster Realisierung

Dass Berlin von Anfang an eine protestantische Hochburg war, ist wenigen bewusst, kaum einer sieht den Berliner Dom als protestantisches Gegenstück zum Petersdom in Rom. Ob hier ein sehr verspäteter Wettbewerb zum Luther-Denkmal etwas verändert? 2016 gab es schon einen, der aktuellere wurde jetzt entschieden. Eine Spurensuche.

Protestantisch ist die Stadt, die sich damals noch Berlin-Cölln nannte, seit Kurfürst Joachim II. Hector und seinem öffentlichen Übertritt zur (lutherischen) Reformbewegung 1539. Dass die Stadt in den folgenden Jahrhunderten ihre religiöse Haltung – die auch eine Antihaltung gegenüber den katholischen Ländern war – beispielsweise durch die Aufnahme der Hugenotten sichtbar machte, unterstreicht die lange protestantische Tradition Berlins, die in einigen baulichen Zeugnissen gespeichert ist.

So auch in einer Skulpturengruppe, die im Zentrum den Reformator Martin Luther auf einem erhöhten, durch eine breite Treppe erschlossenen und von durchbrochenen Mauern gefassten Fundament zeigt, hier nochmal in die Höhe gehoben von einem abgestuften Postament. Auf den Stufen des Postaments saßen Mit-Reformatoren wie Philipp Melanchthon, Georg Spalatin oder Justus Jonas. Die zehnstufige Treppe wurde von Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen links und rechts flankiert, beide hielten Waffen in der Hand oder stützten sich darauf, wie der Humanist und Publizist von Hutton.

Sammelt ein Ideenwettbewerb nur Ideen?

Das Skulpturenensemble am Neuen Markt in Berlin, direkt neben der Marienkirche, ist längst Geschichte. Die Mit-Reformatoren wurden im Krieg 1939–45 vom Militär konfisziert und eingeschmolzen, das Podest Ende des Kriegs durch Bombentreffer zerstört. Das unterirdische Fundament existiert als Bodendenkmal weiterhin. Immerhin überlebte die etwa 3 m hohe Bronzefigur Luthers, der uns seine Bibel entgegenhält; aufgeschlagen. Was dort zu lesen ist, ist nicht zu lesen. Die Figur erhielt zunächst erstes Asyl in der evangelischen Stephanus-Stiftung in Berlin-Weißensee, dann stand sie nördlich der Marienkirche auf verkleinertem Sockel, bis sie 2017, 100 m südlich an ihren ursprünglichen Standort zurückkehrte. Davor hatte es bereits seitens des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte und des Senats von Berlin Überlegungen gegeben, die Luther-Figur anlässlich des 500. Reformationsjubiläums neu zu inszenieren, ihre historische Figur neu zu hinterfragen.

Es gab einen offenen, zweiphasigen Ideenwettbewerb, der mit insgesamt 27 400 € für Preise und Aufwandsentschädigungen ausgestattet war. Ein Ideenwettbewerb, das gilt es vorläufig festzuhalten. Angesprochen waren Künstler mit Architektinnen/Landschaftsarchitekten, die als Team Entwürfe einreichen sollten, wie man das vorhandene Denkmal am originalen Standort ergänzen, kommentieren, ganz neu zugänglich und sichtbar machen könnte.

Im Glauben an die Wettbewerbskultur

Das Preisgericht unter Vorsitz von Kaspar Kraemer und Thomas Erne tagte in Berlin. 52 Teams hatten in der 1. Phase Entwurfsskizzen abgegeben, sechs ausgewählte Entwurfteams kamen in die 2. Phase. Am 22. Juni 2016 fiel die Entscheidung der Jury: Gewonnen hatte das Team Albert Weis (Künstler) mit Zeller & Moye (Architektur). Ihr Vorschlag bezieht sich in seiner räumlichen Ausformulierung auf das vom Krieg zerstörte, historische Denkmal, das in seiner gesamten Form als Negativvolumen komplett nach unten gespiegelt wird und sich damit ausdrücklich auch auf das Bodendenkmal bezieht. Die vorhandene Luther-Skulptur wird als ein leicht abstrahierter Aluminiumabguss mit verspiegelter Oberfläche in Chrom dupliziert und der originalen Skulptur dialogisch gegenübergestellt. Damit möchten die Entwerfer der Lutherfigur seine einseitige Heroisierung nehmen und Reflexion und Dialog ermöglichen. Die Bodenfläche des Denkmals ist mit einer Rasterstruktur aus LED-Lichtpunkten versehen, die Zitate anzeigt von Menschen, die in der Nachfolge Luthers eine Vorbildfunktion für das 21. Jahrhundert haben. Dass das Team bei aller Intellektualität auch auf die „Aufenthaltsqualität“ verweist, irritiert. Gemeint ist hier die ins räumliche gehobene Umschreibung des originalen Denkmals, die als umlaufende Kante eine Sitzbank ist.

Das auf den Wettbewerb Folgende ist das Übliche: Es gilt nachzubessern, feinzutunen und über Entwurfs- wie Zitaten-Vokabular zu diskutieren. So gehen Jahre ins Land und die Zuneigung unter den Beteiligten wird nicht größer. Dass die mit dem 1. Preis Prämierten dennoch mit mehreren vom Senat beauftragten Studien und einem Testfeld vor Ort weitermachten – ohne direkten Auftrag, doch mit einer positiven Juryentscheidung auf dem Tisch – war möglicherweise ein strategischer Fehler, spricht allerdings auch erstens für den Glauben an die Wettbewerbskultur dieses Landes und zweitens für die Überzeugung, mit dem Entwurf etwas Richtiges für einen Bezirk und eigentlich das ganze protes­tantische Berlin geliefert zu haben.

Umso überraschter werden sie gewesen sein, als die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen Architektinnen, Landschaftsarchitekten sowie „auch“ Künstlerinnen und Künstler im Februar 2026 dazu aufrief, im Rahmen eines EU-weiten Verhandlungsverfahren mit vorgeschaltetem Teilnahmewettbewerb „zur gestalterischen Inwertsetzung des vor der Marienkirche stehenden Lutherdenkmals in Berlin-Mitte“ (Senatsverwaltung) ein Konzept einzureichen.

Tatenloses Warten und stumpfes Zuschauen

Das Ergebnis dieses Realisierungs-/Ideenwettbewerbs im VgV-Modus ist erschreckend simpel, kommt aber der Auslobungsanforderung recht nah: Inwertsetzung. Der Entwurf von BASD Architekten mit Maria Vill und David Mannstein zeigt die gesäuberte Luther-Statue etwa so, wie sie jetzt schon steht, nun allerdings von einem kleinen Mäuerchen einfasst, dass den Grundriss des originalen, oben beschriebenen Steinpo­dests nachzeichnet; ein Detail, das wir schon im ersten Wettbwerb gesehen haben. Ob WLAN geplant ist – Grundvoraussetzung für eine Anwesenheit von jungen Menschen, die hier hoffentlich vornehmlich angesprochen werden sollen – ist wie manches mehr nicht zu erfahren (VgV-Verfahren). Da für die Maßnahme am Lutherdenkmal bis zu 1,5 Mio. € bereit stehen (im Ideenwettbewerb waren es 0,9 Mio. €) kann man sich fragen, wo denn die goldenen Wasserhähne montiert werden in einem Entwurf, der keinen Wettbewerb nötig gehabt hätte?

Dass die Senatsverwaltung in diesem Projekt durch die Bausenatorin Petra Kahlfeldt vertreten ist, ist insofern pikant, weil Frau Kahlfeldt am ers-ten Wettbwerb noch teilgenommen hatte und früh gescheitert war. „Das Verfahren endet mit dem Zuschlag des wirtschaftlichsten Angebots (…)“, so die Verwaltung erläuternd und verweist damit auf das Günstigkeitsprinzip und dass einem die Hände gebunden seien. Das allein wirft auf das Projekt einen Schatten, den sein Protagonist nicht verdient hat. Dass die Kirche hier schon länger schweigt, irritiert ebenfalls. War die erste Idee zu fragil und intellektuell überfordernd? Oder doch ein starker Ausgangspunkt, von dem aus Weiterentwicklung möglich gewesen wäre? Das Mutlose und Provinzielle möchte man mit einem Zitat eines der großen Protes­tanten des 20. Jahrhunderts kommentieren: „Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen.“ (Dietrich Bon­hoeffer). Anders als beim Projekt „Einheitswippe“ lag mit der Luther-Denkmal-Idee á la Weis/Zeller & Moye ein feiner Vorschlag auf dem Tisch, der hätte umgesetzt werden können. Dass das nicht passierte, erklärt Frau Kahlfeldt mit dem Typus Ideenwettbewerb: Idee ja, Realisierung vielleicht. Wobei es beim Ideenwettbewerb von 2016 eine Realisiserungsklausel gab, die greifen sollte, sobald die Finanzierung gesichert ist. Das scheint ja nun so zu sein (1,5. Mio. €). Die Gewinner von einst haben aktuell Klage gegen den evangelischen Kirchenkreis Berlin-Mitte eingereicht. Benedikt Kraft/DBZ

www.berlin.de/sen/stadt

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 10/2011 Martin-Luther-Kirche, Hainburg/A

Ein Wolkendach, wie hingehaucht Martin-Luther-Kirche, Hainburg/A

Von Wien aus geht’s durch flaches Land. Vorbei an walmgedeckten Häuschen, die sich in die Landschaft ducken oder sich zu ausfransenden Straßendörfern häufen. Endlose Baumreihen, weite Felder und...

mehr
Ausgabe 01/2018

Capri by Fraser, Berlin

Der Ort ist schwierig, die Antworten auf ihn scheinen eher lapidar zu sein: Der im März 2013 entschiedene Wettbewerb für ein Büro- und Geschäftshaus am Petri-Platz zeigte drei Finalisten, die alle...

mehr
Ausgabe 05/2016

161. AIV-Schinkel-Wettbewerb entschieden www.aiv-berlin.de

Stop-and-go gehört der Vergangenheit an. Nadelöhre wie die Knesebeckbrücke über den Teltowkanal lösen Tatjana Busch (28) und Elisabeth Stieger (26) auf. In ihrer Arbeit „Teltow-Connection“ geht...

mehr
Ausgabe 10/2018

Statische Reserven aufgebraucht: Friedrichswerdersche Kirche, Berlin

Er ist möglicherweise das unumstrittene Idol aller Architekten: der Universalbaumeister Karl Friedrich Schinkel. Und vielleicht genau aus diesem Grunde wird für sein Werk weniger heiß und mit...

mehr
Ausgabe 11/2017

Architekturbüro initiert Ideenwettbewerb

Es gibt sie noch: die Architekturbüros, die sich aktiv um ihren Nachwuchs kümmern. Beispielsweise über kleine feine Wettbewerbe, die sie – teils attraktiv dotiert – als Ideenwettbewerb für...

mehr